#120 Parentifizierung - vom Schmerz, stark sein zu müssen

Transformations - Inspiration

In dieser Folge möchte ich mich einem Thema oder einem Phänomen widmen, das recht wenig Aufmerksamkeit erfährt, obwohl es sehr viele Menschen betrifft.... 

 

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In dieser Folge erfährst Du:

  • was Parentifizierung bedeutet
  • welche Facetten davon es gibt
  • dass Kinder unfassbar kreative AnpassungskünstlerInnen sind
  • welche Folgen auf Betroffene Kinder zukommen können
  • was helfen kann, aus diesen Prägungen herauszuheilen

 

Ganz besonders die Menschen, die Entwicklungstrauma, oder frühe traumatische Erfahrungen in ihren Familiensystemen erlebt haben. Es geht um das Thema der sogenannten Parentifizierung. Ich werde dir in dieser Folge erklären, was das ist, wie es wirkt und wieso ich es für relevant halte, auch dieses Thema etwas mehr in den Fokus zu nehmen, um heilen und Trauma integrieren zu können. Wenn du meinem Podcast schon einer Weile lauschst, dann weißt du, dass es mir ein Anliegen ist, dass wir uns besser verstehen. Dann hast du von mir schon gehört, wie wichtig und relevant ich es finde, dass wir ein tiefes, inneres Verständnis für unsere unbewussten, automatischen Reaktionsmuster entwickeln und dass wir dem, was da geschieht, wohlwollend gegenübertreten. Genau aus diesem Grund möchte ich eine Facette aufgreifen, die in so vielem, was ich in diesem Podcast schon beschrieben habe, eine Rolle spielt. Ich möchte ein Spotlight auf eine Facette richten, die mir wichtig ist, in eine ganz helle leuchtende Klarheit zu bringen, damit wir noch mehr Verständnis für uns und auch für unsere eigenen Kinder entwickeln können. Wenn man sich mit Kindheitstrauma, mit Bindungs- und Entwicklungstrauma beschäftigt, wenn man sich mit sogenannt dysfunktionalen Familiensystemen beschäftigt, dann kommt man nicht um das Thema Parentifizierung herum. Es ist sozusagen inkludiert in solchen, leider sehr belastenden, Kontexten. Vielleicht nicht in 100% der Fälle, aber in einem sehr großen Teil.

Was beschreibt der Begriff Parentifizierung?

Dieser Begriff beschreibt, dass ein Kind in eine Elternrolle hineingerät. Man sprich bei der Parentifizierung von einer Umkehr der sozialen Rollen. Das ist im Wort 1:1 widergespiegelt. "Parentifizierung" setzt sich zusammen aus den lateinischen Worten parentes für die Eltern und facere für machen. Ich mag dich einmal zu Beginn dieser Folge einladen, nach innen zu lauschen. Was löst dieses Wort in dir aus? Parentifizierung. Was klingelt in dir oder was bleibt vielleicht ganz still? Welche Assoziationen hast du spontan, wenn du davon hörst? Vielleicht kommt in dir ein subtiles Gefühl auf, dass du so etwas kennen könntest. Vielleicht hast du sofort ganz klare Situationen oder Atmosphären oder Regeln aus deiner Kindheit im Kopf. Vielleicht erinnerst du dich daran, dass es genauso war. Vielleicht ist es auch alles etwas subtiler. Deswegen werde ich dir jetzt ausführlich, auch anhand von ein paar Beispielen erklären, wie Parentifizierung aussehen kann. Ich werde darauf eingehen, was für Muster und Prägungen sich daraus ergeben. Was für Symptome sich vielleicht auch daraus ergeben. Natürlich möchte ich dir am Ende auch ein paar hilfreiche Impulse mit auf den Weg geben, wie man mit Parentifizierung in der eigenen Geschichte konstruktiv umgehen kann. Zunächst einmal mag gesagt sein, dass die Parentifizierung, also die Tatsache, dass ein Kind in eine Elternrolle kommt, niemals natürlich stattfindet. Sie ist immer ein Ausdruck von einem Problem, wenn man es mal ganz übergeordnet sagen möchte. Wenn ein Kind eine Elternrolle übernehmen muss, egal aus welchen Gründen, dann aus einer gewissen Not heraus. Etwas sehr Wichtiges für Kinder, damit sie sich gesund entwickeln können, ist, dass sie Kinder sein dürfen. Dass sie Sicherheit erfahren, dass sie Geborgenheit erfahren, dass sie wissen, die Eltern halten den Raum, den Rahmen, die Welt freundlich, sicher und geborgen. Für viele Leute klingt das so, als würde ich vom Paradies sprechen und das ist furchtbar bedauerlich. Nicht zuletzt deswegen gibt es diesen Podcast hier. Kinder, die dieses „Paradies“, also eine sichere Bindung, ein Aufwachsen in Geborgenheit nicht erleben können, müssen irgendwie klarkommen mit dem, was sie umgibt. Ich finde an Kindern und auch wenn wir zurückschauen auf eigene Kindheiten, können wir so gut sehen, was für fantastische, kreative, hochintelligente Wesen wir sind. Auf wie vielschichtige und kreative Art und Weise wir uns innerlich einstellen, umstellen, anpassen, vielleicht auch verstellen und innerlich einrichten, um auch mit total verdrehten Kontexten klarzukommen. Das ist wahnsinnig beeindrucken. Manche dieser Strategien/Überlebensstrategien/Anpassungsstrategien/Kompensationsstrategien, wirken nach außen hin nicht so destruktiv wie sie vielleicht im inneren wirken. Dazu gehört z.B. die Parentifizierung. Wenn ein Kind in eine Elternrolle schlüpft, den eigenen Eltern oder Geschwistern gegenüber, oder anderen Familienmitgliedern gegenüber, dann ist das ein großer Kraftakt. Manchmal wirken diese Kinder nach außen sehr stabil, stark und aufgeweckt. Gleichzeitig, hinter diesem Bild, was man sehen kann, stecken diese Kinder doch in einer massiven Überforderung. Wenn Kinder eine Elternrolle übernehmen, dann passiert hier verschiedenes. Zum einen in der Beziehungsebene innerhalb der Familienmitglieder. Ein Kind verlässt sozusagen den Platz des Kindes und begibt sich in eine andere Ebene, nämlich auf die Ebene der Eltern. Manchmal begeben sich auch die Eltern oder ein Elternteil in eine kindliche Rolle, was dann ein Kind sozusagen zwingt in eine Elternrolle zu gehen. Es verrutscht also etwas auf der Basis der Beziehung. Eine tiefe und wichtige Klarheit verrutscht, verschwimmt und wird umorganisiert. Man unterscheidet in der systemischen Sichtweise zwischen instrumenteller Parentifizierung und emotionaler Parentifizierung. Meistens gehen sie Hand in Hand, aber es ist hilfreich sie zu unterscheiden.

Die instrumentelle/funktionelle Parentifizierung

Bei der instrumentellen Parentifizierung übernehmen Kinder Aufgaben, die ihnen eigentlich nicht zugehörig sind. Die eigentlich nicht kindgerecht sind. Das kann sehr subtil oder auch sehr plakativ sein. Es geschieht immer da, wo Eltern das nicht können. Vielleicht aus einem psychischen Unvermögen oder auch aus einem körperlichen Unvermögen. Eine funktionelle Parentifizierung erleben z.B. viele Kinder aus Migrantenfamilien, die z.B. in Kindergarten und Schule die Sprache des Landes lernen, während manche Eltern sich sehr schwer tun, die neue Sprache zu erlernen. So erleben Kinder ihre Eltern als hilflos und geraten z.B. in eine Übersetzerrolle. Nicht selten sitzen solche Kinder dann bei Behördengängen neben ihren Eltern und übersetzen, was zwischen den Erwachsenen zu besprechen ist. Das wäre eine funktionelle Parentifizierung. Hier wäre sie sehr offensichtlich und natürlich auch in einem gewissen Sinne zweckvoll oder verbindend. Zugleich ist es einfach nicht die Rolle eines Kindes, es gehört nicht zu den Aufgaben eines Kindes, bei Behördengängen und vielleicht schwierigen Gesprächen dabei zu sein und mit Dingen konfrontiert zu sein, mit denen Kinder im Grunde nichts zu tun haben sollten. Etwas subtiler und auch gemischter mit einer emotionalen Parentifizierung kann es laufen, wenn Kinder spüren und erleben, dass Elternteile überfordert und überlastet sind und sie sich durch die Bindung und auch die Angst um die Stabilität oder Sicherheit im Familiensystem verpflichtet fühlen, Aufgaben zu übernehmen. So manches Kind, was unglaublich hilfsbereit ist und viele Aufgaben übernimmt, wirkt sehr erwachsen und ist aber noch ein Kind.

Die emotionale Parentifizierung

Die emotionale Parentifizierung gilt als noch viel belastender für Kinder, als die Instrumentelle. Obwohl sie, wie gesagt, Hand in Hand gehen und häufig das eine nicht ohne das andere besteht. Bei der emotionalen Parentifizierung sprechen wir von der Fürsorge, die ein Kind auf der emotionalen Ebene für einen Elternteil übernimmt. Das passiert all jenen Kindern, die von den emotionalen Belastungen ihrer Eltern nicht genug abgegrenzt werden. Hier werden Kinder dann zum Ersatz für Freundinnen, für Berater oder für TherapeutInnen. Das ist eine sehr belastende Situation. Hierzu ein konkretes Beispiel: Maggie, eine Klientin von mir, die natürlich anders heißt, schilderte mir eine Geschichte aus ihrer Kindheit, die häufig wiederkehrte. Ihre Eltern stritten sich häufig heftig abends, wenn die Kinder schon im Bett waren, über all die Konflikte, die diese Familien so zerklüfteten. Diese Streits waren häufig laut und manchmal auch von körperlicher Gewalt geprägt. Regelmäßig war es so, dass zu irgendeinem Zeitpunkt, an einem solchen Abend, die Mutter weinend und leise in das Zimmer von Maggie schlich, um sich zu ihr ins Bett zu legen. In der Annahme, dass ihr Kind schlafen würde, kuschelte sie sich an ihre Tochter, um dort Trost und Halt zu suchen. Maggie konnte mir sehr eindrücklich und mit sehr viel Schmerz im Herzen beschreiben, wie furchtbar diese Situation für die war. Einerseits spürte sie den Schmerz, die Last und die Traurigkeit ihrer Mutter und andererseits spürte sie, dass sie sich selbst hilflos fühlte. Sie entwickelte das Gefühl, ihrer Mutter helfen zu müssen, auch gegenüber ihrem Vater. Aus dieser emotionalen Parentifizierung hat sich für Maggie eine Dynamik entsponnen, die noch etwas komplexer wird. Aus ihrem Bedürfnis heraus, ihre Mutter zu schützen und zu unterstützen, entwickelte sich Maggie zu einer Art Diplomatin zwischen ihrem Vater und der Mutter. Sie hatte das Gefühl oder fühlte sich innerlich verpflichtet, zwischen den Eltern zu schlichten, zu vermitteln und Brücken zu bauen. In dieser Aufgabe kann sich ein Kind erschöpfen, denn es ist eine sehr vielschichtige und sehr anspruchsvolle Aufgabe. Man muss sich zum einen fein wahrnehmend in die Dynamik zwischen zwei Erwachsene hineinfühlen und man muss in der Lage sein, bzw. man begibt sich in die Lage, einzugreifen, sich einzumischen und zu puffern und zu schützen und zu vermitteln. Solch eine Rolle kann nur überlastend sein. Sie ist schon für so manchen Familientherapeuten oder Mediator anspruchsvoll und für ein Kind erst recht, was zu einer emotionalen, dauerhaften Überlastung führt. Zu den Mustern und Prägungen, die sich daraus ergeben, komme ich später noch. In der emotionalen Parentifizierung werden also Kinder in die emotionalen Innenwelten und Probleme ihrer Eltern mit hineingezogen, was einfach nicht gut ist. Ich glaube, das brauche ich gar nicht zu betonen.

Triangulation

Wenn ein Kind in die Vermittlerrolle kommt, wie ich es gerade anhand von Maggie beschrieben habe, es also als DiplomatIn und VermittlerIn von den Eltern eingesetzt wird, bewusst oder unbewusst, dann spricht man hier von einer sogenannten Triangulation. Es entsteht ein Dreieck. Von einer Triangulation spricht man immer dann, wenn sich zwei Personen in einem Konflikt befinden und eine dritte Person involviert wird, um einen zu stärken. Hier geht es also um ein sich verbünden mit einem anderen, gegen einen dritten. Das passiert leider sooo häufig in Trennungsprozessen. Wenn Eltern sich trennen. Manchmal auf super krass offensichtliche Weise, wo man entsetzt ist, wenn man davon erfährt. Manchmal doch viel subtiler und dennoch sehr intensiv für Kinder. Wenn eine Mutter oder ein Vater versucht, ein Kind in Koalition zu bringen mit sich, um sich gegen den anderen Elternteil zu verbünden, dann zieht dieser Erwachsene das Kind weg von der Kind Ebene, rauf auf die Erwachsenenebene, wo dieses Kind wahrlich nichts verloren hat, schon gar nicht in einem Konflikt. Hier wird Kindern eine Verantwortung übertragen, die Kinder tatsächlich wirklich krank machen kann. All das sind Aspekte, die hineinwirken, wenn wir von Bindungs- oder Entwicklungstrauma oder frühem Trauma sprechen. Wenn Kinder Opfer werden von Triangulation, durch die Konflikte, die ihrer Eltern oder die Partner miteinander haben, kommen Kinder immer in Loyalitätskonflikte. Diese müssen sie dann versuchen im außen irgendwie zu balancieren. Sie müssen sie im inneren aushalten. Auch das führt zu Musterbildungen, die ich später beschreibe. Vielleicht magst du einmal durchschnaufen, insbesondere dann, wenn dir etwas von dem, was ich erzähle, bekannt vorkommt. Achte fein auf dich und halte dein Herz offen, um im Hier und Jetzt ganz orientiert und ausgerichtet zu bleiben.

Eine Mischung aus instrumenteller und emotionaler Parentifizierung…

…können wir leider häufig sehen, wenn Menschen, Männer oder Frauen, ihre Kinder allein großziehen müssen. Wenn alleinerziehende Elternteile überfordert sind. Vielleicht weil da mehrere Geschwister sind, weil man allein aufkommen muss für den Unterhalt, weil dies oder jenes und auch noch etwas dazu belastend und anspruchsvoll ist. Hier kommen Kinder häufig in die Rolle funktionell zu unterstützen, indem sie sich beispielsweise um jüngere Geschwister, um den Einkauf oder auch um das Essen oder etwas im Haushalt kümmern. Sie kommen häufig auch in eine emotionale Fürsorgerolle, indem sie im schlimmsten Fall nicht nur BeraterIn, FreundIn, sondern auch Partnerersatz sein sollen. Eine kindliche Psyche gerät in einem solch komplexen Geschehen in ein ungünstiges Dilemma. Zum einen ist da diese unbeschreibliche und fortwährende Überlastung, dieser Grundstress, weil man so viel Verantwortung tragen muss, die einem im Grunde gar nicht zugestanden ist. Zum anderen entwickelt sich ein Gefühl von gebraucht sein und durch das so verfahren und handeln, stabilisieren können. Es fällt einem Kind dann auch eine Gewisse Wirkmacht zu. Das alles unter großer Not und nicht freiwillig. Dennoch führt es zu einem Dilemma. Man ist einerseits überfordert und andererseits spürt man, wenn man es so nicht macht, dann wird es noch schlimmer.

Welche Folgen haben diese Dynamiken?

Aus solchen Dynamiken und solchen Konstellationen in der Kindheit, entwickeln wir selbstverständlich starke Muster. Diese Muster spiegeln sich vor allem auf der Beziehungs- und Bindungsebene wider. Vieles, was ich dir jetzt beschreiben werde als Muster und Folgen, die sich aus diesen Dynamiken ergeben, wird dir bekannt sein aus den Folgen, wo ich über Entwicklungstrauma und frühe Prägungen spreche.

Verpflichtungsgefühl

Viele Menschen, die in ihrer Kindheit in Elternrollen schlüpfen mussten, sind geprägt in ihrem tiefen Inneren, von einem großen Verpflichtungsgefühl. Von dem Gefühl, automatisch und ganz ohne eine vorherige Überlegung für andere da zu sein. Aus diesem Verpflichtungsgefühl ergibt sich eine Helferattitüde, die manchmal ganz erstaunlich ist. Menschen haben ein schlechtes Gewissen „Nein“ zu sagen, sie haben Angst, dass etwas schlimmes passiert, wenn sie diese Verantwortung nicht übernehmen und sie haben Angst, dass die Beziehung bricht, wenn sie ihrer gefühlten Pflicht nicht nachkommen. Das führt zu Abgrenzungsthemen.

Einmischen

Damit verwandt und oft einhergehend ist tatsächlich auch eine Einmischungstendenz. Menschen, die es gelernt haben, sich einmischen zu müssen, weil sonst die Familie zusammengekracht wäre, um es mal ganz platt auszudrücken, haben selbstverständlich den inneren Impuls in Konflikten, sich einzumischen, teilzuhaben, hineinzutreten und eine Vermittlerrolle, eine rettende Rolle oder was auch immer für eine Rolle zu übernehmen. Dazu gehört auch die Facette der Harmoniesucht. Also der inneren hohen Stresserfahrung, wenn ein Konflikt entsteht. Einmischen muss nicht immer bedeuten, dass man eskaliert, es kann auch bedeuten, dass man alles tut, um Harmonie zu stiften. Dass man als VermittlerIn in die Presche springt und versucht, für alle die beste Lösung zu finden.

Abgespaltene Bedürfnisse und Schuldgefühle

Auch eine Folge aus einem solchen Lernen ist, dass die eigenen Bedürfnisse ziemlich weit weggebeamt oder besser gesagt verdrängt oder abgespalten werden müssen. Wenn wir lernen, dass sich ein System, also unsere Welt stabilisiert, indem wir nur für die anderen da sind und unsere eigene Position verlassen, dann werden wir das in uns als eine Überzeugung tragen. Hierbei sind eigene Bedürfnisse nur im Weg. Leider ist es dann auch häufig so, dass Schuldgefühle auftauchen, wenn es nicht gelingt zu vermitteln und Konflikte zu befrieden. Wenn es uns nicht gelungen ist, was niemandem gelingen kann, in der Elternrolle für unsere Eltern zu sorgen und sie zu retten oder ihre Ehe zu retten oder einen Hausfrieden, Haussegen zu retten, dann entstehen Schuldgefühle. Diese Schuldgefühle sind ungerechtfertigterweise da. Sie sind natürlich nachvollziehbarer Weise da aber sie sind nicht richtig, weil es keine Schuld gibt an dieser Stelle. Man kann keine Verantwortung tragen und Lösungen finden für Probleme, die nicht die eigenen sind. Schon gar nicht als Kind!

Perfektionismus und Selbstwert

Aus diesem subtilen Schuldgefühl oder der Angst vor dem Schuldgefühl ergibt sich nicht selten ein Perfektionismus. Wenn wir parentifiziert wurden als Kinder, dann mussten wir große Leistung erbringen. Wir mussten Dinge richtig machen, wir mussten stark sein, wir mussten es schaffen, es hinkriegen, wir mussten halten und tragen. Darin steckt ein gewisser Leistungsdruck, der sich später in Perfektionismus zeigen kann. Hinter diesem Perfektionismus steckt tatsächlich ein ziemlich großes Thema, nämlich das Thema des Selbstwertes und der eigenen Identität. Wenn wir viel Parentifizierung erlebt haben in unserer Kindheit, dann hatten wir keine Möglichkeit, die Entwicklungsphasen gesund und in Ruhe zu durchschreiten, in denen wir einen stabilen Selbstwert entwickeln. So wird ein Selbstwertgefühl dann definiert über Leistung oder Erfolg. Wie gut gelingt es mir, meine Aufgabe zu erledigen. Dann finden wir also später den Perfektionismus als eine Kompensationsstrategie für ein fehlendes Gefühl von „Ich bin okay so wie ich bin.“.

Mangelndes Urvertrauen

Wenn unsere Eltern nicht in der Lage waren, selbst Eltern zu sein und erwachsen zu sein, dann war es sehr schwer, Urvertrauen zu entwickeln. Das Gefühl von Halt in der Welt fehlt dann unter Umständen auch später im Leben noch. Wie eben beschrieben gibt es dann Kompensationsstrategien. Wenn da kein Vertrauen und kein Gefühl von Halt ist, dann muss ich etwas machen, um das zu spüren. Wo wir wieder bei Leistung und Erfolgsstreben sind. Leider gibt es häufig in der Folge Gefühle der Einsamkeit. Weil Kinder nun einmal Bindung, Trost und Gehaltensein brauchen. Wenn sie selbst nicht Kind sein können, dann spüren sie auch nicht diese Bindung, den Halt und das Geborgensein. Manche Menschen beschreiben sogar, dass sie das Gefühl haben, sie hatten gar keine Kindheit. Das klingt sehr schwer und das ist es auch. Wenn Kinder eben früh reif sein mussten, sich also in eine "Pseudoreife" entwickeln mussten, die Rolle der reifen, erwachsenen Person einnehmen mussten, obwohl sie noch Kinder waren, dann lernen sie extrem gut funktional zu sein und ihre eigene Natur zu verschleiern. Um das noch einmal zusammenzufassen, wie sich das auswirkt, nenne ich dir noch einmal ein paar Punkte zusammengedampft. Für viele Betroffene fühlt es sich so an, als hätten sie ihre Kindheit verloren. Sie haben das Gefühl, dass sie alles allein machen müssen und dass sie niemandem vertrauen können. Vielleicht haben sie sogar ein grundlegendes Misstrauen gegenüber Autoritäten, Chefs/Chefinnen, Systemen oder anderen Autoritäten gegenüber. Menschen, die durch Parentifizierung geprägt wurden, erleben sich häufig in dem Bedürfnis, sich einzumischen und von außen werden sie wahrgenommen als Menschen mit einer einmischenden, eindringlichen Art. Zwangsvermittler sozusagen. Gleichzeitig sind sie fürsorglich für alle und stellen sich selbst an letzte Stelle oder können sich nicht einmal selbst spüren in ihren eigenen Bedürfnissen. Häufig ist es auch so, dass Menschen mit dieser Prägung dazu neigen, sich zu verschmelzen mit ihren Partnern oder Partnerinnen und dass sie sich mit ihrem Gegenüber gewissermaßen "über-identifizieren". Dass sie es also schwer haben, ihr eigenes Selbst in einen Beziehungskontext wirklich einzubringen, weil sie es so sehr gewohnt sind, sich ganz auf den anderen auszurichten. Ich denke, wenn du schon mehr von mir gehört hast, dann klingelts jetzt hier und da. Außerdem tragen Menschen mit dieser Prägung häufig eine tiefe Wut in sich, ein tiefes Gefühl von Groll durch die Ungerechtigkeit, die ihnen widerfahren ist. Durch das ständig und stetig in der eigenen Bedürftigkeit und Bedürfnislage übergangen worden zu sein. Zudem neigen Menschen, die diese schwere Prägung erfahren haben, häufiger zu Angst. Hinter all dem stark Sein und dem Funktionieren steckt, wie beschrieben, eine ständige Überforderung und ein ständiger Leistungsdruck, der das Nervensystem mächtig unter Stress setzt. Es gibt also einiges zu heilen.

Was kann helfen, um aus dieser Prägung herauszuheilen?

Diese Heilung ist ein Prozess. Wenn Parentifizierung in deiner Kindheit eine Rolle gespielt haben sollte, dann hast du schwerste Zeiten in deiner Kindheit erlebt und dann ist das nicht das einzige Phänomen, das Heilung wünscht. Deswegen greife ich das hier jetzt etwas allgemeiner.

Verständnis für dich

Zum einen ist es natürlich super wichtig und super hilfreich, dass du Verständnis für dich entwickelst. Dass du diese Dynamik verstehst und dass du dir noch einmal klar machst, was das für dich als Kind für Folgen hatte. Mache dir klar, was diese Dynamik für ein Muster enthält und was sich daraus für Muster entwickelt haben. Was wurde gelernt? Wenn du das erkennst und immer mehr in dein Bewusstsein kriegst, dann kannst du beginnen, dich liebevoll, wohlwollend zu beobachten in diesen automatischen Reaktionsweisen und kannst beginnen, dich sanft zu unterstützen, nach und nach anders zu handeln.

Übe Abgrenzung

Es ist auch sehr wichtig, Abgrenzung zu üben. Zu üben, mit deinen eigenen Bedürfnissen, die vielleicht schon seit deiner Kindheit verschüttet sind, wieder in Kontakt zu kommen. Das heißt, es ist wichtig, dich selbst zu reflektieren, deine Emotionen wahrzunehmen und zu lernen, wie du sie entschlüsseln kannst. All das sind im Grunde Bewusstseinsschritte und Wiederverbindung zu deinem Inneren, zu den bedürftigen, kindlichen Anteilen, zu den ungefühlten Bedürfnissen. All das erweckt oder stärkt dein Verständnis und dein Wohlwollen für dich, zu dem ich dich herzlich und bedingungslos einladen mag.

Trauer und Mitgefühl

Ein Aspekt gehört auch noch dazu. Nämlich, dass es auch etwas zu betrauern gibt. Wenn Parentifizierung in deinem Leben eine Rolle gespielt hat, dann konntest du in einer Phase deiner Kindheit, vielleicht sogar einen großen Teil deiner gesamten Kindheit, nicht Kind sein. Das ist traurig, das darf betrauert werden. Vielleicht möchtest du ein bisschen lauschen, welche kindlichen Bedürfnisse in deiner Kindheit keinen Platz finden konnten und kannst dich fragen, wie du deinen inneren Kind Anteilen heute etwas Gutes tun kannst. Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Parentifizierung ist etwas, was häufig unbewusst passiert und dennoch ist es eine Art Missbrauch an den Kindern. Wenn du das erfahren hast, hast du also dein ganzes Mitgefühl verdient und du hast Unterstützung und eine helfende Hand verdient. Sowas muss man sich natürlich nicht verdienen – auch eine eigenartige Redewendung in unserer Sprache. Es steht dir also vollstens zu, dich mit deinem Mitgefühl und deiner Zuwendung und helfenden Händen zu versorgen und dich einfach lieb zu haben für das, was du geleistet hast und was du vielleicht für ein tapferer kleiner Mensch gewesen bist, der vielleicht eine ganze Welt zusammengehalten hat.

Wohlwollend mit dir selbst sein

Solltest du selber in einer Elternrolle stellen, wo du dich beim Zuhören dabei ertappt hast, dass du das eine oder andere vielleicht mit deinem eigenen Kind machst, dann sei auch hier bitte milde mit dir und erlaube dir jetzt anzufangen, das zu verändern. Auch hier ist Hilfe holen und liebevoll zu dir sein etwas sehr Wichtiges, um die Dynamik zu transformieren. Sei also, egal auf welcher Seite du stehst, egal, was dich in dieser Folge angesprochen hat, liebevoll ermutigt, etwas zu verändern, etwas Gutes für dich zu tun und das ganze als einen Prozess zu betrachten, der Zeit verdient und den du nicht alleine bewältigen musst.

Du musst es nicht allein schaffen!

Das ist die große Wunde aus der Parentifizierung. Niemand ist da, der mir hilft, ich muss alles allein Schultern. Ich lade dich ein, fang heute an, damit aufzuhören. Schau dich um nach Hilfreichem in deinem Inneren und im Außen, wende dich deinen inneren Kindern zu und den äußeren und erlaube dir, es nicht allein zu müssen. Du bist nicht allein, ich bin nicht allein, wir sind nicht allein und wir müssen es nicht alleine schaffen.

Shownotes: 

 

 

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Ich wünsche dir viel Freude und Inspiration beim Lauschen. Ich freue mich riesig über Kommentare (z.B. auf Instagram @kreativetransformation), in denen Du teilst, was Dich in dieser Folge berührt hat. Ich freue mich sehr, dass wir verbunden sind!

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