#117 (Entwicklungs-) Trauma und Depression

Transformations - Inspiration

In dieser Folge geht es um ein Thema, das auch ein Hörerinnenwunsch ist. Es geht um die Frage des Zusammenhangs zwischen Trauma bzw. Entwicklungstrauma und Depression.... 

 

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In dieser Folge erfährst Du:

  • dass Depression eine Traumafolge sein kann
  • was die agitierte Depression ist
  • welche Aspekte von Trauma Depression begünstigen
  • welche Form der Zuwendung ein Schlüssel zur Linderung ist

 

Das ist natürlich ein Feld, über das man mehrere Stunden, wenn nicht Tage oder gar Wochen referieren könnte. Somit sehe ich mich wieder vor einer Aufgabe, eine kleine Nussschale dick und eng zu bepacken und doch so viel Platz zwischen den einzelnen Paketchen zu lassen, dass man noch atmen und auch verdauen kann. Ich hoffe, dass mir das gelingt und ich wünsche dir beim Lauschen jetzt, wertvolle Erkenntnisse und entspannte, gelassene Freude.

Diagnose Depression

Sehr viele Menschen, die Traumafolgen kennen, die Trauma in ihrer Biografie haben und die noch beim Überwinden und Integrieren ihrer traumatischen Erfahrungen sind, kennen das Symptom der Depression. Die Depression als solche gilt als ein eigenständiges Krankheitsbild. Sie ist also eigentlich mehr als ein Symptom, und ich werde mich bemühen in dieser Folge fachlich sauber zu differenzieren und es trotzdem leicht greifbar zu gestalten. Vielleicht zunächst einmal kurz ein paar Worte zu dem Thema Diagnose. Generell, in der Medizin und auch in der Psychotherapie also in der Psychopathologie, bezeichnet man sogenannte Krankheiten mit Diagnosen. Diese umschreiben Erlebnisqualitäten und Zustände, die sogenannten Krankheitswert haben. Damit eine Diagnose gestellt werden kann, braucht es verschiedene Symptome, die zusammenkommen. Eine Diagnose ist also ein Cluster verschiedener Symptome, die gewisse Kriterien erfüllen müssen wie z.B. über eine gewisse Dauer bestehen müssen, eine gewisse Schwere oder Intensität haben müssen usw.. Diagnosen werden dann gestellt, wenn gewisse Symptomcluster zusammenkommen und entstehen. Dann fällt ein Fachmensch eine Diagnose. Wenn wir solche Worte wie Depression oder Trauma verwenden, dann sprechen wir eigentlich von Diagnosen. Diese Begriffe, „Depression“, „Trauma“ oder „Angststörung“ oder dergleichen, sind immer Überbegriffe für eine Vielfalt an Erlebnisqualitäten, Zuständen, sogenannten Symptomen. Depression ist in diesem Sinne auch ein Überbegriff für viele verschiedene Varianten von Zuständen. Es gibt unterschiedliche Arten von Depressionen. Was wir landläufig unter Depression verstehen, wenn jemand sagt „Ich habe einen depressiven Tag gehabt“, oder wenn jemand wirklich Depression kennt, dann hat man meistens im Sinn, Symptome wie Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und das Gefühl, sein Leben nicht meistern zu können, seinem Leben nicht gewachsen zu sein. Depression wiederum als dieser Überbegriff, ist ein Symptom des Traumaspektrums. Wenn wir also von Trauma oder bspw. Posttraumatischer Belastungsstörung sprechen, dann sprechen wir auch von Depression, denn sie gehört in das Symptomcluster der Posttraumatischen Belastungsstörung hinein. Tatsächlich sagen viele Studien (und du findest wichtige und auch leicht zu lesende Fachbücher in den den Shownotes verlinkt), dass das häufigste Symptom des Traumaspektrums Depression ist. Das ist doch interessant. Wenn wir von Traumafolgen sprechen, dann gehört die Depression bzw. die depressive Symptomatik ganz prominent, ganz vorne mit dazu. Es ist mir wichtig am Anfang diese Begrifflichkeiten zu klären, um dann ein bisschen tiefer einzusteigen in Ursachen, in Hintergründe und natürlich auch in Ideen für Möglichkeiten zur Transformation. Zunächst mag ich dir jetzt einmal die Haupt- bzw. Leitsymptome der Depression nennen. Wenn du selbst von Trauma betroffen bist, dann lausche einfach mit dem Beobachterohr, um zu reflektieren, was du da hörst, während du es hörst.

Depressive Symptomatik

Wenn wir von Depression sprechen, von depressiver Symptomatik, dann sprechen wir auch von dem Gefühl der mangelnden Verbundenheit. Sowohl zu uns selbst, als auch zu anderen Menschen, zur Außenwelt, zum Leben. Es wird in der Literatur und auch in den Diagnosemanualen auch bezeichnet mit dem "Gefühl der Gefühllosigkeit". Das bedeutet, dass man wenig fühlt, dass man keinen Zugang mehr hat zu seinen Gefühlen, was auch dazu führen kann, dass man Interesse verliert, dass man ein Desinteresse erlebt an Dingen oder Umständen oder Menschen, die einem eigentlich, wenn man nicht in diesem Zustand ist, wichtig und bedeutsam sind. Ein Mangel an Verbundenheit, kann also auch zu dem Gefühl der Gefühllosigkeit und zu Desinteresse führen. Depressive Symptome umfassen auch, wie schon vorhin genannt, die Antriebslosigkeit. Das schwere und tiefe Gefühl, nicht in die Gänge zu kommen und nichts von dem umsetzen zu können, was vielleicht noch als innerer Impuls auftaucht. Manchmal führt die Antriebslosigkeit auch dazu, dass nicht mal mehr Impulse von innen durchkommen. Das ist auch etwas, was sich anfühlen kann wie ein hohes Maß an Unlebendigkeit und Schwere. Manchmal ist das auch verbunden mit einer tiefen, bleiernen Müdigkeit. Dazu kommt auch ein Spektrum, das wir Schlafstörungen nennen. Das morgendlichen Früherwachen, Einschlafstörungen, Durchschlafstörungen, Grübelzwänge und dergleichen. Ein weiteres, wichtiges Symptom sind Konzentrationsstörungen. Dass man nicht mehr gesammelt denken kann, dass einem die Konzentration nicht mehr gelingt und auch solche Gefühle und Zustände wie Gefühle der Hilflosigkeit, wo man sich, auch aus dem Mangel an Verbundenheit heraus, nicht in der Lage fühlt, irgendetwas zu verändern, wo man sehr verzweifelt sein kann und sich hilflos und ohnmächtig fühlt. Dazu gehören noch ganz wichtig und das ist etwas sehr, sehr schweres und sehr belastendes, sogenannte Insuffizienzgefühle. Das ist doch wieder mal ein sehr nettes Wort aus der Fachwelt. Insuffizienzgefühle, also das Gefühl nicht zu genügen. Das Gefühl nicht wertvoll zu sein, das Gefühl für die anderen eine Last zu sein und in diese Richtung anderes mehr. Die Insuffizienzgefühle, sind gefährlich, weil sie uns in eine so tiefe Abneigung und Abwertung unserer selbst führen können, dass häufig die Insuffizienzgefühle die Gefühle sind, die Menschen mit depressiver Symptomatik in Richtung Suizid führen können. All das, was ich gerade beschrieben habe, diese wichtigen Symptome depressiver Energie, sind im Grunde alles Umschreibungen oder Ausdruck von grundlegender Dysregulation. Wir sind gefangen in einem Ohnmachtsgefühl, das uns in Schwere und Verzweiflung führen kann. All das bezeichnen wir als depressive Symptomatik. Ich werde im Weiteren später darauf eingehen, was das mit Trauma oder auch mit unserem Nervensystem zu tun hat.

Agitierte Depression

Bevor ich das tue, möchte ich noch auf eine Art der Depression hinweisen. Wie gesagt, es gibt verschiedene Formen der Depression, verschiedene Arten der Depression aus dem Formenkreis. Eine Art der Depression, die sehr interessant ist, auch im Zusammenhang mit Trauma, ist die sogenannte agitierte Depression. Die ist ein wenig anders, bzw. fast das Gegenteil von dem, was ich gerade beschrieben habe. In der agitierten Depression sind Menschen eher sehr aktiv und wir würden es auf der Nervensystemebene als eine Übererregung bezeichnen, in der Menschen mit der agitierten Depression „eingerastet“ sind. Menschen mit einer agitierten Depression sind eher getrieben und haben eine starke Unruhe in sich und sind oft rastlos. Die agitierte Depression ist häufig begleitet von Angstsymptomen, es ist also ein Zustand, den wir erstmal von außen nicht mit einer Depression in Verbindung bringen würden. Ich erwähne diese Form der Depression, weil sie nach meinem Empfinden oder aus der traumatherapeutischen Perspektive wichtig ist, weil sie etwas zu tun hat mit einem übererregten Nervensystem. Die Symptome, die ich vorhin genannt habe, all die depressiven Symptome, der mangelnden Verbundenheit, der Antriebslosigkeit, der Insuffizienzgefühle, Gefühl der Gefühllosigkeit, scheinen Symptome zu sein, die eher mit einem untererregten Nervensystem im Zusammenhang stehen könnten. Sollten dir diese Begriffe Untererregung oder Übererregung nichts sagen, dann lade ich dich einmal wieder ein, diese Folge an dieser Stelle einmal zu unterbrechen, um einer anderen Folge zu lauschen und erst danach hier weiterzulauschen. Ich würde dich einladen, die Folge zu hören, in der ich die Polyvagaltheorie erkläre. Sie heißt „Ohnmacht und Starre – Polyvagaltheorie“ und ist in den Shownotes verlinkt. Wir sehen also, in dem was ich bis jetzt beschrieben habe die Symptome der Depression, des depressiven Formenkreises. Da sehen wir verschiedene Cluster, bzw. Symptomenansammlungen, in denen wir Unter- oder Übererregung erkennen können.

Warum Depression eines der häufigsten Symptome des Traumaspektrums ist

Jetzt möchte ich für dich, mit dir, darauf eingehen, was Ursachen für Depression sein können im Zusammenhang mit Trauma, bzw. ich möchte die Frage touchieren, die eigentlich sehr umfangreich ist: Warum Depression eines der häufigsten Symptome des Traumaspektrums ist. Bei Traumatisierungen erleben wir, wie du schon gehört hast in vorangegangenen Podcastfolgen von mir, besondere, spezielle Erlebensqualitäten. Sowohl bei frühen Traumatisierungen, den Bindungs-, Entwicklungstraumatisierungen und allen frühkindlichen Traumatisierungen, als auch bei späteren Traumatisierungen. Bei jeder Art Traumatisierung erleben wir eine Überwältigung unserer eigenen Abwehrmechanismen. Das heißt, wir erleben Qualitäten von Ohnmacht und Hilflosigkeit und unbeschreiblicher Überforderung. Wenn wir derartige Situationen erleben, dann wird in uns immer wieder und wieder, in diesen Situationen, Überlebensenergie mobilisiert. Da wir unter traumatischem Stress, unter den Bedingungen einer traumatisierenden Situation, nicht in der Lage sind, das Ereignis zu verarbeiten und es sozusagen zu überwinden, wird die unausgedrückte aber mobilisierte Energie, weiter im System gehalten. Das gilt sowohl für Körperreaktionen, also Muskelanspannung, Kortisolausschüttungen, Flucht-, Kampfimpulse, als auch für Emotionen. Wenn wir gelernt haben, z.B. von unseren Bindungspersonen, dass wir wertlos seien, wenn wir beschämt wurden, wenn wir Scham erlebt haben, wenn wir unerlöste Trauer in uns tragen, wenn wir ungetrösteten, unaufgefangenen Schmerz in uns tragen, dann sprechen wir sozusagen von ungelebten Gefühlen. Von nicht ausgedrückten Gefühlen aus der Vergangenheit. Das ist eine Folge von Trauma. Nicht vollendete Erfahrung, nicht zu Ende gefühlte Gefühle, nicht vollendete Flucht-, Kampfimpulse, Abwehrreaktionen. Das bedeutet, ungelebte Gefühle sind gehaltene Energie. Wenn Energie im Inneren gehalten wird, dann muss sie sozusagen gemanagt werden. Es kostet Kraft und Energie, zu deckeln. Wenn wir ungelebte Gefühle in unserem Unterbewusstsein wegsperren, dann ist das eine neurobiologische Leistung, weil wir in dem Moment eigene Affekte, eigenes Erleben, eigenes Empfinden aus dem Bewusstsein heraushalten. Das bedeutet also, dass wir uns zu einem gewissen Maß von unserer fühlenden Energie abspalten müssen, bzw. dazu in der Lage sind, als eine rettende Strategie. All diese Elemente, Wertlosigkeit, Scham, Trauer, Schmerz, können, wenn sie unterdrückt werden, depressive Symptome auslösen. Weil wir, wenn wir nicht an unsere Abwehrmechanismen, unsere Gefühle, unsere Empfindungen herankommen, auch nichts anderes wirklich fühlen können. Wenn depressive Symptome einschlagen, wenn Menschen, die Traumafolgen tragen, depressive Phasen haben (und die können manchmal auch kürzer sein als die Diagnosekriterien für eine waschechte Depression bedeuten würden), dann ist das oftmals, aus meiner Sicht, eine Gegenreaktion zu aufkommenden Gefühle. Wenn es innerlich zu viel wird, können wir reagieren mit einem, natürlich unbewussten abschneiden von unserer fühlenden Natur und dann gelangen wir in eine depressive Erlebenswelt. Wir können also in diesem Moment sagen, dass unsere Biologie uns davor schützt, von überwältigenden Gefühlen überflutet zu werden. Hier spielt auch wieder unser parasympathisches Nervensystem eine wichtige Rolle, unser dorsaler Vagus, der in diesem Moment wahrscheinlich eine große Rolle spielt und uns in dieses Gefühl der Gefühllosigkeit und das abgeschnitten sein und emotional betäubt sein, hineinführt, der dafür zuständig ist. Wenn wir hingegen in eine agitierte Depression schlittern, wenn zu viel innerlich prozessiert wird, wenn wir getrieben sind, vor uns selbst fliehen und gar nicht mehr zur Ruhe kommen, dann ist eher der Sympathikus übersteuert und wir leiden unter einem hohen Maß an Stress.

Verschiedene Aspekte von Trauma als Auslöser

Nach diesen Beschreibungen möchte ich jetzt gerne einmal mit dir hinschauen, welche Art oder welche Aspekte von Traumatisierungen zu Depression führen können. Hier sind vor allem drei Aspekte wichtig und zwar erlernten Hilflosigkeit, Verlassenheit und Vernachlässigung.

Die erlernte Hilflosigkeit

Der Begriff der "erlernten Hilflosigkeit" ist ein wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang. Generell ist er ein Begriff, der im Zusammenhang mit Trauma, Entwicklungstrauma, Bindungstrauma eine wichtige Rolle spielt. Der Begriff erlernte Hilflosigkeit wurde schon in den sechziger Jahren von einem amerikanischen Psychologen namens Martin Seligman geprägt. Er hat, leider mit Tierversuchen, Studien durchgeführt, um diesen Begriff klar zu umreißen. Die erlernte Hilflosigkeit beschreibt ein Erleben. Das Erleben, eine tiefe Überzeugung zu tragen, die sich aus negativen Erfahrungen entwickelt, und zwar die Überzeugung, dass man keine ausreichende Fähigkeit zur Veränderung der eigenen Lebenssituation hat. Dass man die Fähigkeit zur Veränderung der eigenen Lebenssituation entweder verloren hat oder sie gar nicht hat und dass man gleichzeitig für diesen Zustand selbst verantwortlich ist. In der Beschreibung der erlernten Hilflosigkeit geht man auch davon aus, dass Menschen, die überzeugt sind, nichts verändern zu können, aus ihrem Inneren keinen Impuls mehr empfinden oder empfangen, die Situation, die Zustände oder Umstände zu verändern oder abzustellen. Von außen betrachtet könnten das diese Menschen, aber in ihrem Inneren Erleben engen sie sich so ein in ihrer Selbsteinschätzung, dass sie sich als ohnmächtig und hilflos empfinden. Dieses Erleben einer solchen Hilflosigkeit, führt dann häufig zu einem sehr depressiven Empfinden, einem depressiven Zustand, in dem man quasi in sich kollabiert und sich dem Zustand, den Umständen unterwirft. Hier ist auch eine innere Bewertung sehr auffällig, nämlich dass Menschen das Gefühl haben, dass sie selbst das Problem sind und nicht die äußeren Umstände. Gleichzeitig sehen diese Menschen häufig das Problem, dass sie als nicht lösbar wahrnehmen, als allgegenwärtig, also generalisiert und nicht nur auf eine Situation bezogen. Gleichzeitig sehen sie das Problem oder die belastende Situation als unveränderlich an und als nichts, was je vorübergehen könnte, als zeitlich unbegrenzt. Das fühlt sich an wie eine schreckliche Falle. Seligman und seine BegleiterInnen haben später auch festgestellt, und das hat viel mit Neurobiologie zu tun, dass diese Symptome der Passivität, die wir auch als depressive Symptome bezeichnen könnten, auch eine natürliche, standardmäßige Antwortreaktion auf Situationen sind, die einfach lange andauern oder die sich stetig wiederholen. Hier kannst du dir vorstellen, was das mit frühen Erfahrungen zu tun hat. Mit dem Erleben in einer Kindheit, in der man sehr widrigen Umständen ausgesetzt ist, in dem man also beispielsweise keine Co-Regulation erfährt und dadurch immer wieder in Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit hineingeworfen wird. Kinder, die so etwas erleben, lernen Hilflosigkeit, weil sie nicht in die Situation kommen oder einfach noch nicht in der Lage sind, ihre Situation selbst zu verändern. Diese Art Reaktion auch im Nervensystem, schlägt sich dann häufig im Erwachsenenalter weiter nieder, wenn Menschen bspw. sich in einer Situation nicht wehren. Wenn sie das Gefühl haben, gegenüber jeder Autorität unterworfen zu sein. Wenn sie das Gefühl haben, nicht in die Eigenverantwortung zu können und wenn sie das Gefühl haben, keine Selbstwirksamkeit in ihrem Leben zu empfinden. Erlernte Hilflosigkeit ist etwas, was wir in frühen Traumatisierungen, in Entwicklungstrauma und auch in Bindungstrauma häufig finden, weil eben das Erleben so prominent und dominant ist, dass man keine Selbstwirksamkeit erlebt und den Situationen, den Empfindungen, der Hilflosigkeit und Ohnmacht längere Zeit unterworfen ist. Das ist eine wichtige Komponente, die in früher Traumatisierung eine Rolle spielt, um später unter depressiven Symptomen zu leiden.

Verlassenheit

Ein weiterer wichtiger Faktor der Depression im Erwachsenenalter als Traumafolge begünstigt ist, wie angekündigt, der Faktor der Verlassenheit. Wenn wir frühe Verluste erleben, dann erleben wir Verlassenheit. Verlust muss nicht unbedingt bedeuten, dass wir durch Tod einen wichtigen Menschen verlieren. Das können auch Scheidungen oder Trennungen sein, das können auch Umzüge sein. Es können unterschiedliche Umstände sein, die dazu führen, dass wir Verlassenheit in uns fühlen. Verlust und Verlassenheit ist immer etwas, was wir betrauern müssen. Wenn die Trauer nicht stattfinden kann, wenn Trauer nicht einen Platz bekommt, wenn Trauer in einer kindlichen Psyche nicht Co-Reguliert wird, dann erleben wir tiefe, tiefe Einsamkeit und das Gefühl mit einem schweren, schweren, inneren Schmerz nicht gesehen zu sein. Also müssen wir den Schmerz wegdrängen oder wir stranden in dem Gefühl der Einsamkeit. All das ist vom Erleben her ganz nah an der depressiven Symptomatik. Wenn früh Verlassenheit, Bindungsabbrüche und Einsamkeit eine Rolle gespielt haben, dann ist das ein weiterer, begünstigender Faktor, bzw. ein Türchen in Richtung Depression. (Vielleicht erinnerst du dich noch daran, dass ich vorhin beschrieben habe, wie sich ungelebte Gefühle auswirken, wie die gehaltene Energie zur Erstarrung oder Untererregung führen kann oder eben zur absoluten Getriebenheit und der Übererregung im Nervensystem.)

Vernachlässigung

Ein weiterer, dritter, sehr begünstigender Faktor für Depression ist die Vernachlässigung. Vernachlässigung ist eine der schwersten Formen von psychischer und emotionaler Gewalt. Vernachlässigung gilt auch in der Psychotraumatologie als eine der schwersten Misshandlungsformen bei Kindern. Das ist tatsächlich das Wort, was hier verwendet wird. Das hat Grund, denn vernachlässigt zu werden, wirkt sich sehr stark auf die Psyche und auch auf die neurobiologische Entwicklung von Kindern aus. Das heißt, wenn wir vernachlässigt werden als kleine Kinder, dann erleben wir keine Co-Regulation, wir erleben starke Zustände der Angst und Not, der absoluten Über- und dann auch der absoluten Untererregung durch Erschöpfung und vollkommene Überforderung. All das belastet unser Nervensystem so stark, dass wir, wenn wir das erlebt haben, es im Weiteren generell schwer haben, auch als Erwachsene, unsere Gefühle zu regulieren, uns selbst in Balance zu halten, innerhalb unseres Stresstoleranzfensters zu agieren. All das begünstigt das Erleben von depressiven Zuständen.

Erste Schritte in Richtung Heilung

Vielleicht magst du einmal tief durchschnaufen. Das war nun alles eine Menge Info und Theorie. Ich mag dich einladen, einmal nachzuspüren, wie das in dir klingt oder schwingt oder was du vielleicht damit assoziierst. Dann möchte ich dir ein paar Hinweise geben, wie du dich vielleicht als BetroffeneR oder wenn du mit Betroffenen arbeitest, unterstützend verhalten kannst, um aus dieser Erlebensqualität immer mehr herauszufinden. Im Grunde werde ich dir hier nichts neues berichten, wenn du mir schon eine Weile zuhörst und lauschst, dann ahnst du vielleicht jetzt schon was kommt. Zum einen ist es wichtig, wenn wir betroffen sind von solchen Symptomen, von einer so schweren depressiven Energie, sodass wir das Gefühl haben nicht wirklich zu sein, wenn wir Ohnmacht und Hilflosigkeit kennen, dass wir dann uns selbst gegenüber wohlwollend sind und anerkennen, dass das so ist. Das ist ein sehr wichtiger Schritt im Heilungsprozess, im Integrationsprozess, dass wir anerkennen, wie unser Innensystem, unsere Biologie, unser Gesamtsystem versucht, mit dem was in uns noch nicht bewältigt ist, umzugehen. Ich mag dich also einladen, diesen Schritt wahrzunehmen als einen wichtigen und bedeutsamen Schritt in jedem Heilungsprozess. Anzuerkennen, was ist, anzuerkennen, dass es ist, ist ein erster, entlastender Schritt. Der öffnet erst die Tür zur eigentlichen Ebene, auf der Heilung, Integration und Transformation entstehen kann.

Was müssen wir tun, um aus depressiven Zuständen und aus depressiven Mustern herauszukommen?

Zum einen, das ist eine logische Folge zu dem was ich schon beschrieben habe, braucht es natürlich eine Zuwendung zu den ungelebten Gefühlen. Sodass wir also bestenfalls und ich denke auf jeden Fall, mit einer kompetenten, therapeutischen Begleitung unterstützt, uns unseren ungelebten Emotionen zuwenden können. Den Gefühlen, die so groß und schwer sind und waren, dass wir uns bisher nicht erlauben konnten, uns ihnen zuzuwenden. Oder, wenn wir mit ihnen in Kontakt waren, von ihnen überwältigt wurden. Eine Ebene ist die Zuwendung zu den ungelebten, unerlösten, nicht vollendeten Gefühlen und Impulsen und Reaktionsmustern. Das ist etwas, was wir mit Anleitung und Unterstützung einer fachkundigen Person tun sollten. Darüber hinaus, das ist etwas, was du wunderbar für dich selbst tun kannst, ist das Aktivieren deines ventralen Vagussystems wichtig. Das kannst du jetzt verstehen, wenn du dir die Folge angehört hast, die ich vorhin erwähnt habe. Was also wichtig ist, ist dass wir, anders ausgedrückt, unsere Neurobiologie, unsere Selbstregulation in den Fokus nehmen. Dass wir alles tun, was uns nur helfen kann, um uns wieder in eine sozial interagierende Schwingung zu bringen. Unseren ventralen Vagusast zu aktivieren, um rauszukommen aus den biologischen Reaktionsmustern der Untererregung, der Unterwerfung und des ohnmächtig, hilflos seins. Dazu gehört alles, was guttut. Insbesondere solche Dinge wie ein wohltuender Wohlfühlkontakt, in dem wir uns gesehen und verstanden fühlen, in dem wir leicht oder intensiv im Austausch sein können. Bindung ist ein sehr wichtiges Heilungselixier, was unseren ventralen Vagus aktiviert und uns hilft, aus der depressiven Symptomatik herauszukommen. Genauso Berührung, wohltuende, absichtslose, liebevolle oder tröstende Berührung. Oder solche Aktivitäten wie gemeinsames Singen oder Spielen. Die Zuwendung zu den ungelebten Gefühlen, vorangehend und immerwährend das Anerkennen des eigenen Zustandes und das Aktivieren unserer sozialen, biologischen Komponenten in unserem Nervensystem. Das sind die drei wichtigen Aspekte, die wir brauchen, um depressive Symptome in Traumafolgen zu lindern, zu transformieren und in eine andere Qualität zu bringen. Ich hoffe sehr, dass diese Hinweise dir Mut geben und dich einladen, dich dir selbst zuzuwenden, wahrzunehmen und davon auszugehen, dass du deine Situation verändern kannst, dass du für dich selbst wirskam sein kannst. Dass die Ohnmacht und die Hilflosigkeit alt sind, vielleicht erlernt und dass du mit einer Zuwendung zu dir selbst und hilfreichen Menschen und Wesen um dich herum, wahnsinnig viel für dich erreichen kannst. Ich wünsche dir ganz viel Erfolg und wohltuende Erlebnisse, bei der Zuwendung zu dir selbst, so wie liebevolle Selbstwertschätzung in den Momenten, in denen es dir nicht gut geht.

Shownotes: 

 

 

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Ich wünsche dir viel Freude und Inspiration beim Lauschen. Ich freue mich riesig über Kommentare (z.B. auf Instagram @kreativetransformation), in denen Du teilst, was Dich in dieser Folge berührt hat. Ich freue mich sehr, dass wir verbunden sind!

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