#116 Entwicklungstrauma und Angst

Transformations - Inspiration

In dieser Folge geht es um Entwicklungstrauma und Angst. So viele Menschen auf dieser Welt leiden unter starker, inadäquater, belastender, quälender oder subtiler Angst... 

 

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In dieser Folge erfährst Du:

  • was die Urenergie der Angst ist
  • was die Folgen von unerlöster Angst sein können
  • Wie Entwicklungstrauma die Beziehung zu Angst beeinflusst
  • dass wir dadurch Situationen vermeiden und Emotionen und Stressreaktionen unterdrücken
  • was helfen kann, um diesen Kreislauf zu durchbrechen

 

Ich möchte in dieser Folge darauf eingehen und verdeutlichen, wie wir das einordnen können, wie wir das in Verbindung setzen können zu Entwicklungstrauma und was helfen kann, aus solchen Angstphänomenen herauszuheilen. Ich möchte dich gerne einladen, einer vorangegangenen Folge zu lauschen, falls du sie noch nicht gehört hast. Die Folge „Selbstbestimmt trotz Angst“, die du in den Shownotes verlinkt findest. Dort erzähle ich einiges auch zur Neurobiologie von Angst und weil ich das schon einmal getan habe in eben dieser Podcastfolge, werde ich das hier nicht mehr tun. Sei also eingeladen, falls du diese Folge noch nicht kennst, jetzt hier zu pausieren und zunächst einmal die andere Folge zu hören. Dann wünsche ich dir mit dieser aktuellen Folge wertvolle Erkenntnisse, wohltuende Inspiration und ein angenehmes Lauschen.

Was ist Angst (für dich)?

Angst ist eine der unbeliebtesten, eine der unangenehmsten und manchmal auch eine der quälendsten Emotionen, Empfindungen oder Zustände. Viele Menschen kennen Angst als ein sehr quälendes Symptom, das sie durch ihr Leben und ihren Alltag begleitet. Angst ist leider auch oftmals sehr falsch verstanden und wird häufig verteufelt und als etwas empfunden, was man abstellen und loswerden möchte. Vielleicht magst du einmal zu Beginn dieser Lauschreise in dich hinein hören und dich fragen, was sind deine spontanen Assoziationen mit Angst? Was ist Angst für dich, was bedeutet Angst für dich? Ich habe zu Beginn gesagt, dass sich in dieser Folge Angst auch unter der Überschrift des Entwicklungstraumas für dich beleuchten mag. Zunächst einmal möchte ich die Urenergie der Angst noch einmal ganz kurz zusammenfassen. Angst ist in allererster Linie eine Überlebensreaktion. Angst empfinden wir dann natürlicherweise, wenn unsere Biologie, unsere Wahrnehmung und unsere Verarbeitungsmechanismen uns das Gefühl vermitteln bzw. zur Überzeugung kommen, dass wir in Gefahr sind. Dann reagieren wir mit dem, was wir als Angst bezeichnen. Diese Überlebensreaktion, die wir mit dem Wort Angst benennen, ist eine komplexe biologische Reaktion mit komplexen und eindeutigen, biochemischen Vorgängen. Sehr vereinfacht gesagt, ist das, was wir als Angst bezeichnen, eine Reaktion unseres autonomen Nervensystems. Ein Zustand der Angst zeichnet sich durch eine hohe Aktivierung unseres sympathischen Nervensystems aus. Das heißt, unser Stoffwechsel ist in einer speziellen Stoffwechsellage, in der viele Stresshormone im Blutkreislauf unterwegs sind. Das habe ich in der vorangegangenen Podcastfolge „Selbstbestimmt trotz Angst“ schon beschrieben. Angst als Überlebensreaktion, mit der Aktivierung unseres sympathischen Nervensystems ist also etwas, was uns, wie der Name Überlebensreaktion schon sagt, dazu in die Lage versetzen soll, Gefahrensituationen zu überleben. In der Angstreaktion, bzw. in unserer Stressreaktion, wird sehr viel Energie mobilisiert und unser ganzer Organismus wird in einen Zustand versetzt, der anders ist, als der eines ausgeglichenen und entspannten Nervensystems. Wie gesagt, die Stoffwechsellage ist eine andere, wir erleben eine biologische, physiologische Reaktion, die hochgradig sinnvoll ist. Die rein biologische Seite der Angst ist also die, dass Energie mobilisiert wird, damit wir in Bewegung kommen und uns von Gefahrensituationen aus in Sicherheit bringen. Wenn wir uns jetzt die Komplexität des Entwicklungstraumas anschauen, dann werden wir verstehen, wieso Entwicklungstrauma dazu führen kann, dass wir später Schwierigkeiten mit Angst und Stressreaktionen bekommen. Sehr viele Menschen, die Entwicklungstraumatisierungen erlebt haben, (falls dir dieser Begriff noch nicht viel sagt, findest du dazu natürlich auch ein paar Folgen in den Shownotes verlinkt) erleben später in ihrem Leben als Erwachsene eine Schwierigkeit mit der Emotion und dem Zustand von Ängstlichkeit und Angst. Sie leiden häufig unter sehr starken Ängsten, unter subtilen Ängsten oder unter so etwas wie Panikattacken, was furchtbar quälend und unglaublich anstrengend sein kann.

Wie lernen Kinder mit Angst/angstvollen Gefühlen umzugehen?

Optimalerweise, dann wenn es wirklich gut läuft, in einem sicheren Zuhause mit liebenden, treu-sorgenden und fürsorglich zugewandten, feinfühligen Eltern, wird ein Kind lernen können, mit angstvollen Gefühlen umzugehen. Wenn ein Kind Angst erlebt, dann ist sein Nervensystem, wie bei einem Erwachsenen, in einem erregten Zustand. Der Sympathikus ist stark aktiviert. In diesen Momenten brauchen Kinder, sehr kleine, kleine und auch mittelkleine und manchmal auch große Kinder etwas, was wir Co-Regulation nennen. Das heißt, dass das Kind mit dem übererregten oder stark aktivierten Nervensystem Beruhigung, Sicherheit und Schutz von außen braucht. Das Kind wünscht sich und braucht in diesem Moment einen schützenden Erwachsenen, der ihm mit seinem eigenen, regulierten, also nicht aktivierten Nervensystem hilft, sich selbst wieder zu beruhigen. Das nennen wir Co-Regulation. Wenn Kinder Co-Regulation von ihren angstvollen Gefühlen erleben, dann lernen sie auch, sich selbst mit ängstlichen Gefühlen zu beruhigen. Die Selbstregulation in Bezug auf Angst- und Stressreaktionen wird über Co-Regulation erlernt. So werden in das Nervensystem eines wachsenden Menschen Erfahrungen geprägt. Daraus entwickeln sich wiederum Reaktionsmuster. Wenn wir also als Kinder lernen, dass wir in unserer ängstlichen Empfindung, in unserer Not, Regulation, Schutz und Sicherheit erfahren, dann werden wir keine Angst vor diesen ängstlichen Empfindungen entwickeln. So läuft es optimal. Dann entwickelt sich eine Stresstoleranz, die es uns als heranwachsenden und auch als erwachsenen Menschen möglich macht, auch durch ängstliche, angsterzeugende oder manchmal angstvolle Situationen oder Phasen in unserem Leben hindurch zu kommen, ohne darunter zu zerbrechen.

Wenn Angst nicht aufgelöst oder reguliert wird…

Bei Entwicklungstrauma und Bindungstrauma erleben Kinder etwas anders. Leider lernen diese Kinder, dass sie nicht wirklich co-teguliert werden. Kinder, die Entwicklungstrauma und Bindungstrauma erleben, kennen zutiefst das Erleben in Angst und Not, allein gelassen zu werden, verlassen zu sein in ihrem Schmerz und ihrer Angst. Das führt dann zu gewissen Notreaktionen in einem kindlichen Organismus. Bleiben wir zunächst bei den ganz Kleinen und schauen uns dann an, was mit den größeren Kindern in einem solchen Geschehen passiert. Bei den ganz kleinen Babys, die nicht in den Genuss der Co-Regulation kommen, prägt sich ins Nervensystem eine tiefe Erfahrung ungelöster Angst ein. Ganz kleine Babys können in ihrem aktivierten Nervensystem, wenn der Sympathikus sehr aktiv ist, nicht selbst eine Reaktion und eine Aktion herbeiführen, die sie rettet. Kleine Babys können nicht fliehen. Kleine Babys können nicht kämpfen. Das Einzige, was kleinen Babys in dem Moment, wenn sie nicht reguliert werden, übrig bleibt ist, in eine Erstarrungsreaktion hineinzugleiten. Das bedeutet einfach gesagt, dass die aufgebrachte Energie, die aufgebrachte Mobilisierung des Nervensystems nicht beruhigt wird und dadurch abklingt und sich nicht löst durch die Co-Regulation, sondern sie bleibt im Organismus bestehen und muss in irgendeiner Weise anders „verarbeitet“ werden. Häufig geschieht das durch eine Notlösung im Nervensystem, von der du auch schon gehört hast, wenn du meinem Podcast schon länger folgst, nämlich, dass ein anderer Teil des Nervensystems übernimmt, ein Teil des parasympathischen Nervensystems, der sogenannte dorsale Pfad des Vagusnervs. Dann wird der Stress, den das Kind erlebt, vereinfach gesagt, abgeschaltet. Das heißt, der Zustand im Stoffwechsel verändert sich, es werden andere Botenstoffe ausgeschüttet und das Kind landet in einem gefühlsarmen und dissoziierten Zustand. Hier ist das Kind emotional betäubt, Schmerzen des Körpers sind betäubt und dadurch wird die Angstreaktion heruntergefahren, bzw. unterbrochen. Das ist eine Notlösung, um zu überleben. Wichtig ist hier zu verstehen, dass in dieser Notreaktion die aufgebrachte Energie nicht abgeleitet wird. Im Nervensystem dieses Kindes wird eine Erfahrung gespeichert, in der Angst sich nicht auflöst. Die Bedrohung wird nicht aufgelöst. Die Emotion, das Empfinden, der Körperzustand, der ganze Gesamtzustand der Angst wird nicht gelöst oder abgebaut, sondern unterbrochen. Das wird im Nervensystem gespeichert. Wenn das häufig geschieht, wird das im Nervensystem zu einer Prägung. Das heißt, anders ausgedrückt, dass Menschen, die eine solche Prägung in ihrer frühen Kindheit erfahren haben, tief in sich die Überzeugung tragen, eine vorsprachliche, tief verankerte Überzeugung, dass es für Angstgefühle keine Lösung gibt. Dass Angst immer ein unlösbares und furchtbares Szenario darstellt. Für Menschen, die diese Prägung erfahren haben, die eine Bedrohung auf der frühkindlichen Ebene erfahren haben, ist Angst immer verknüpft mit dem Gefühl völliger Isolation und Einsamkeit. Das bedeutet also, dass in den Momenten, in denen Angst getriggert wird, man sich gleichzeitig in der Angst verloren fühlen kann. Das trifft sicher nicht für alle Menschen zu, aber für sehr viele Menschen, die derartig Entwicklungstraumatisierung erlebt haben. Für sie ist Angst und Ausweglosigkeit eins. Für Menschen, die das erlebt haben, ist es auch sehr schwer zwischen Aufregung und Angst zu unterscheiden. Denn auch Aufregung, also eine Aktivierung des sympathischen Nervensystems, bringt eine ähnliche Stoffwechsellage mit sich, wie Angst.

Auch positive Gefühle können Angst triggern

Menschen, die Angst unter Entwicklungstrauma gelernt haben, haben oft eine Schwierigkeit damit, intensive Gefühle der Aufregung, auch wenn sie positiv sind, auszuhalten. Häufig kippt eine hohe Intensität an sympathischer Aktivierung, egal ob positiv oder negativ, in das alte Gefühl der ausweglosen Angst. Das als Randnotiz. Auch positive Gefühle, die eine hohe Intensität haben, die eine Aktivierung des Sympathikus mit sich bringen, sind für Menschen mit derartig frühen Entwicklungstraumatisierungen häufig schwer tolerierbar, weil sie die alte Überzeugung und Empfindung der Angst triggern können. All das zusammen führt häufig dazu, dass Menschen dann beginnen, angstauslösende Situationen zu meiden und manchmal auch generell stimulierende oder aufregende Situationen zu vermeiden. Das führt natürlich zu einer krassen Einschränkung im Leben. Spontanität und neues zu lernen ist dadurch stark beeinträchtigt.

Dysfunktionaler Umgang mit Stressreaktionen

Nun noch einmal zu den etwas älteren, kleinen Kindern, die ich vorhin erwähnte, wenn wir also nicht mehr ganz so klein sind, dass wir weder fliehen noch kämpfen können. Wenn Kinder schon in einem Alter sind, in dem sie bspw. Körperimpulse wie Flucht oder Abwehr umsetzen können, wird eine andere Strategie geprägt. Ab einem gewissen Alter sind wir in der Lage dazu, funktional zu werden und unbewusste Strategien zu entwickeln, die es uns möglich machen, unsere empfundenen Gefühle, Zustände, Emotionen zu verdrängen oder auch zu dissoziieren. Das bedeutet, wir sind in der Lage, Anpassungsreaktionen zu entwickeln. Wenn wir als Kinder lernen, dass wir mit unseren ängstlichen Reaktionen, mit unseren Stressreaktionen nicht willkommen sind, dann werden wir in der Lage sein, uns so anzupassen, dass wir diese Reaktionen irgendwann nicht mehr aufsteigen lassen. Dafür gibt es viele Beispiele. Man sieht das manchmal später im Erwachsenenalter. Wenn bspw. jemand auf der Straße stolpert oder vom Fahrrad fällt und du siehst das. Menschen eilen dieser Person zu Hilfe und noch bevor die Menschen da sind, steht die Person schon wieder, guckt ängstlich und sagt zuallererst „Alles gut, alles gut. Ich brauche keine Hilfe. Ist schon in Ordnung.“. Erst später merken diese Menschen vielleicht, dass sie sich ganz schön wehgetan haben, aber sie würden es nicht sagen. Sie wollen schnell aus der Situation heraus. Sie fühlen sich allein dadurch, dass ihnen etwas passiert ist schon beschämt und vielleicht erwarten sie unterbewusst, dass sie beschämt werden. Dass man sie für das, was ihnen passiert ist, vielleicht beschuldigt oder sie auslacht. Diese kleine Szene ist ein gutes Beispiel dafür, was wir lernen können. Wie wir also mit unseren eigenen autonomen Reaktionen ganz schnell umgehen. Dass wir in der Lage sind, sie zu unterdrücken. So etwas lernen wir bereits in unserer Kindheit. Kinder, die Entwicklungstrauma erleben, können also „lernen“ bzw. ihnen wird in gewisser Weise beigebracht, auf ungute Art und Weise, sich anzupassen, indem sie ihre Stress-, ihre Angstrektionen, ihre Kampf- und Fluchtreaktionen unterdrücken. Hinter dieser Fähigkeit, seine eigenen Angstreaktionen/Stressreaktionen zu unterdrücken, liegt die ursprüngliche Angst, alleingelassen oder beschämt zu werden. Ein Urbedürfnis, das belastet wurde, wird durch das Unterdrücken von Reaktionen kompensiert. Das ist eine abgefahrene, riesige Leistung, die manchmal schon kleine Kinder hervorbringen, die sie gezwungenermaßen entwickeln. Noch einmal zusammengefasst finden wir in Entwicklungstrauma einen dysfunktionalen Umgang mit Stressreaktionen. Kinder lernen einen dysfunktionalen Umgang mit ihren eigenen Emotionen und Zuständen. Kinder lernen, sich funktionell zu verhalten, aus der Angst, verlassen zu werden in ihrem Schmerz oder ihrer Angst. Sie lernen funktionell sich selbst zu unterdrücken in ihren Reaktionen, aus der Angst davor, beschimpft oder beschämt oder bestraft zu werden. Das heißt, Kinder die Entwicklungstrauma erleben, lernen ihre Gefühle zu verdrängen, zu deckeln, zu dissoziieren. Das führt im späteren Leben natürlich zu gewissen Problemen. Insbesondere zu Problemen im Bezug auf die eigene Empfindung von Angst.

Verlust von Körpergefühl

Wenn Menschen lernen, ihre eigenen Gefühle und vor allem Angst und Schmerz zu unterdrücken, verändert sich etwas in ihrer Beziehung zu sich selbst. All das wirkt sehr auf das Vertrauen zu sich selbst und seinen eigenen inneren Signalen. Wenn wir lernen unsere Gefühle zu unterdrücken, dann müssen wir uns auch von unserem Körper distanzieren. Denn unser Körper sendet Signale, das ist das was er soll, um uns schützen zu können. Das heißt, das eigene Verhältnis, also die eigene Beziehung zu den Signalen des eigenen Körpers, kippt. Es wird schwerer im eigenen Körper zu sein, es wird schwer, die eigenen Wahrnehmungen aus der sogenannten Interzeption, also der Wahrnehmung aus dem inneren des Körpers, zu interpretieren. Es kann z.B. sein, dass durch einen Spaziergang oder nach einer Tasse Kaffee die Pulsfrequenz hochgeht und es schwer ist für die betroffene Person, diese Wahrnehmung aus dem inneren des Körpers zu interpretieren bzw. einzuordnen. So kann beispielsweise eine steigende Pulsfrequenz bereits eine Angst auslösen, vielleicht sogar in eine Panikattacke führen. Es wird auch schwerer, Sicherheit und Bedrohung voneinander zu unterscheiden. Wenn man gelernt hat seine eigenen Impulse, die ursprünglich lebensschützend sein sollten, sehr zu unterdrücken, dann wird es schwer, Sicherheit zu empfinden. Unterm Strich ist es natürlich auch so, dass sich diese Prägungen darauf auswirken, wie gut man sich selbst regulieren kann. Denn wenn ich es gewohnt bin, meine eigenen Impulse, Empfindungen, Gefühle zu unterdrücken, zu deckeln, zu dissoziieren, dann ist es auch schwer, mich mir selbst zuzuwenden und mein eigenes Nervensystem zu erreichen. Ich erzähle dir hier also, dass ein großer Teil der Ängste, die Menschen mit Entwicklungstrauma im Hier und Jetzt empfinden, eigentlich alte, nicht verarbeitete, nicht versorgte, nie beruhigte Angst darstellt. Dass das der Kern von vielen aktuellen Ängsten ist, in den Leben von entwicklungstraumatisierten Menschen. Das soll nicht belastend klingen, sondern eher eine Tür aufmachen zu einer möglichen Befreiung.

Was es braucht, um alte Ängste zu transformieren

Die Befreiung, die ich gerade vollmundig benannt habe, kann zum einen darin liegen, die Reaktion und das Geschehen was hier passiert, wirklich zu verstehen. Also einen neuen Kontext und einen neuen Rahmen herzustellen, in dem die quälende und subtile, immer wieder aufkommende, nachts und tags unmittelbar aufploppende und sich über einen ergießende Angst, einen Platz finden kann. Zum anderen ist es dann wichtig, aus diesem Verständnis heraus zu beginnen, eine Kapazität und ein sogenanntes Containment für die eigene Emotion zu entwickeln. Es geht also darum, auf einer kognitiven Ebene die Möglichkeit zu schaffen, sich in einer gegenwärtigen Situation wahrzunehmen und sich klarzumachen und herauszufinden, wieviel der Angst, die ich in diesem Moment spüre, gehört in diesem Moment und wieviel der Angst, die ich in diesem Moment spüre, ist in Wirklichkeit alte, ungelöste Angst? Wenn wir das klarer kriegen, steigt unsere Kapazität für unsere eigenen Empfindungen. Das ist etwas was auf der kognitiven Ebene passiert. Auf der somatischen, auf der körperlichen Ebene, brauchen wir es, zu lernen, wie man Gefühle regulieren kann. Das, was Menschen mit Entwicklungstrauma häufig nicht gelernt haben. Es braucht die Fähigkeiten der Regulation des Nervensystems. Auch dazu findest du ein paar Podcastfolgen in den Shownotes verlinkt und auch einen Link zu einer Playlist mit Übungen zur Nervenystemregulation. Wir brauchen also: Verständnis und Kapazität bilden, auf der körperlichen Ebene Containment und Nervensystemregulation entwickeln. Wir müssen also etwas lernen, was wir früher nicht lernen konnten, damit unsere subtile und nebulöse Angst und die Paniksymptomatik und all diese furchtbaren Dinge, sich langsam in einem Prozess abmildern können. Außerdem kann es sehr hilfreich sein, einen anderen Blick auf den eigenen Körper zu entwickeln. Wenn man Angst gut kennt und Schwierigkeiten hat, Angst zu regulieren, dann entwickelt sich häufig eine Überfokussierung auf die Angst. Man spürt seinen Körper dann, wenn man Angst hat. Man ist sehr wahrnehmend für die Signale, die zur Angst führen. All das, was im Sympathikus passiert, was in die Übererregung führen kann, wird deutlich wahrgenommen. Um Kapazität bilden zu können, um Containment zu entwickeln, brauchen wir auch eine Wahrnehmung und Aufmerksamkeit für das andere. Wie fühlt sich dein Körper an, wenn es dir gut geht, wenn keine Angst da ist, wenn es schön ist? Viele Menschen können dazu keine Antwort geben. Aber viele Menschen können spontan antworten, wie es sich anfühlt, wenn die Angst da ist. Wenn du betroffen sein solltest, sei eingeladen, mehr Wahrnehmung in die Momente zu bringen, in denen es dir gut geht und in denen dein Körper in einem recht entspannten Zustand ist. Diese physiologischen Zustände müssen wir ins Bewusstsein holen, damit wir wissen, wohin wir wollen, wenn wir aus der Angst herauswollen. Es ist also wichtig, die eigene Physiologie, den eigenen Körper kennenzulernen in unterschiedlichen Zuständen. Dann kann es nach und nach gelingen, mit der Selbstregulation über das Nervensystem alte, gespeicherte Angst und die Reaktionen, die aus ihr heraus entstanden sind, abzubauen und zu transformieren.

Hinter der Angst, steckt die Prägung des Nervensystems

Noch einmal zusammengefasst. Was ich dir in dieser Folge erzählt habe, ist im Grunde ganz einfach ausgedrückt folgendes: Menschen, die Entwicklungstrauma erlebt haben, haben häufig starke Angstsymptome in ihrem erwachsenen Leben. Menschen, die Entwicklungs- und Bindungstrauma erlebt haben, haben meist nicht gelernt, mit Empfindung der Angst umzugehen. Sie haben Prägungen in ihrem Nervensystem, die Angst managen und versuchen, Angst zu verdrängen, oder die Angst besonders laut werden lassen, aus dem mangelnden Vermögen sie zu regulieren und in der Not mit ihr leben zu müssen und ihr sozusagen zu entkommen. Daraus ergeben sich also sowohl Muster des Verdrängens, des Deckelns, des Dissoziieren, als auch Muster durchbrechender Ängste, wie Panikattacken oder aufwachen in Panik. Betroffene erleben häufig viel Angst, die sich anfühlt wie die alte Bedrohung in ihrer frühkindlichen und kindlichen Existenz, während sie heute in Sicherheit sind. Hinter der Angst von heute, steckt die Prägung des Nervensystems, die gehaltene und geladene, nicht abgebaute Angstreaktion von damals, zusammen mit der Angst vorm allein sein, vom Verlassen werden, vor dem schrecklichen Gefühl, keine Rettung zu erfahren. Hinter all dem, oder all dem gemein ist eine nützliche, ursprüngliche, gesunde, biologische, physiologische Reaktion, eine normale Stressreaktion, durch Trauma im Nervensystem tief geprägt. Der Lösungsweg für diese schwierige Prägung ist die, sich in einen Prozess zu begeben, Kapazität und Containment zu entwickeln, sich selbst zu verstehen, sich dann auch wohlwollend zu begegnen und dann dem Körper die Möglichkeit zu geben, etwas Neues zu lernen. Das geschieht durch das Erlernen von Selbstregulationstechniken, sodass man sein Nervensystem selbst regulieren kann und lernt, Angstreaktionen zu regulieren. Dadurch wird der Körper entlastet, wodurch alte, gespeicherte Überlebensreaktionen sanft aufhören können, sich immer wieder aufzubauen. Dadurch kann die Integration alter, traumatischer Energie nach und nach geschehen.

Vermeidung vergrößert Angst

Wichtig ist zum Abschluss noch eines: Vermeidung ist ein häufig gewähltes Mittel. Dass man also Situationen vermeidet, in denen man Angsttrigger erfahren könnte. Das kann Beziehung sein, die man vermeidet, weil sie Angst macht. Das kann Lebendigkeit sein, das kann Körperlichkeit sein, das kann ein Teilhaben sein an sozialer Interaktion - was auch immer früher angstbesetzt wurde, wird heute häufig vermieden. Vermeidung ist eine Art der Flucht, die wir dann wählen, wenn wir keine Selbstregulation gelernt haben. Vermeidung vergrößert allerdings die Angst, weil die Angst dadurch nicht gelöst wird, sondern die Prägung im Nervensystem weiter bespielt wird, dass wir die Angst managen oder verdrängen müssen. Die Angst vergrößert sich auch, da wir durch die Vermeidung einen "Erfolg" erleben, dass sie sich nicht vergrößert. Wenn wir vermeiden, wird die Angst nicht weniger, sondern eher mehr, mit dem Nebeneffekt, dass unsere Welt immer kleiner und enger wird, weil wir immer mehr vermeiden. Weil wir immer weniger Lebendigkeit in unserem Leben tolerieren können. Vermeidungsstrategien sind eine Art der Flucht. Sie sind legitim, aber sie sind nie die Lösung für eine innere, gespeicherte, unerlöste Angstreaktion.

Sei ermutigt, zuversichtlich zu sein

Sei mit all dem, was ich dir heute erzählt habe, zutiefst ermutigt, zuversichtlich zu sein und  dir bewusst zu machen, dass du durch das Erlernen von Nervensystemregulation, durch das Kennenlernen deines Körpers, durch die Beziehung zu deinem Körper, in die Lage kommst, alte Angst abzubauen und mehr Lebendigkeit in deinem Leben möglich zu machen. Sei dir bewusst, dass all diese empfundene Angst ursprünglich eine Überlebensreaktion war, die göttlich, richtig und vollkommen angemessen war. Sei dir bewusst, dass du etwas lernen darfst, was du damals nicht lernen konntest und sei dir bewusst, mache dir bewusst, dass du noch heute dazu in der Lage bist, das zu lernen. Erlaube dir Geduld und Wohlwollen. Erlaube dir Unterstützung und dann erlebe deinen Prozess, mit all den kleinen Erfolgen, die sich nach und nach einstellen wollen und die immer mehr und immer größer werden. Vielleicht tut es zum Schluss noch gut zu hören, dass du mit Sicherheit, wenn du betroffen bist, nicht alleine bist und dass es ganz viele Menschen gibt, die mit dir auf diesem Weg sind und ähnliches wie du erleben. Manche haben noch nicht die Schritte getan, die du schon getan hast, manche haben schon manchen Schritt getan, der noch auf dich wartet. Wir alle sind auf dem Weg in Richtung Heilung und Integration und mehr Lebensqualität, mehr Lebensfreude, sodass noch mehr von deinem Licht in dein Leben und in diese Welt strahlen kann. Ich wünsche dir wunderschöne Erfolgserlebnisse und seien sie noch so scheinbar klein und ich wünsche dir, dass du den Mut nie verlierst, auch wenn die Angst manchmal ganz groß sein kann.

Shownotes: 

 

 

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Ich wünsche dir viel Freude und Inspiration beim Lauschen. Ich freue mich riesig über Kommentare (z.B. auf Instagram @kreativetransformation), in denen Du teilst, was Dich in dieser Folge berührt hat. Ich freue mich sehr, dass wir verbunden sind!

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