#115 Posttraumatisches Wachstum

Transformations - Inspiration

Diese Folge ist eine Folge, die Mut machen soll. Sie ist eine Folge für all die Menschen, die Traumafolgen tragen und schon oft in ihrem Leben gehadert haben, dass ausgerechnet ihnen das passiert ist... 

 

 button blog YT       button blog itunes 

In dieser Folge erfährst Du:

  • was posttraumatisches Wachstum ist
  • wie wichtig die eigene Würde in Heilungsprozessen ist
  • dass Traumaheilung oft eine spirituelle Dimension hat
  • dass die eigene innere Haltung und Wohlwollen essenziell für posttraumatisches Wachstum sind

 

Diese Folge hat hoffentlich etwas Leichtes und Wohltuendes für dich und etwas, was Mut macht. Solltest du selbst nicht von Trauma betroffen sein, dann gibt sie dir vielleicht ein Bild, das unterstützend sein kann, Menschen die Traumafolgen tragen, noch besser zu verstehen, sie noch mehr zu achten, zu feiern und für den Teil, den sie beitragen, wertzuschätzen. In dieser Folge werde ich über posttraumatisches Wachstum sprechen, was für ein spannender Begriff. Ich werde nicht noch einmal von vorne erklären, was Trauma ist und wann eine Erfahrung traumatisch wird. Sollte das die erste Folge von mir sein, der du lauschst, dann mag ich dich einladen, zunächst ein paar vorangegangenen Folgen zu lauschen, die du in den Shownotes verlinkt findest. Ich wünsche dir erhellende und wohltuende Erlebnisse beim Lesen.

Was ist posttraumatisches Wachstum?

Hast du diesen Begriff schon einmal gehört? Vermutlich kennst du eher die Begriffe der posttraumatischen Belastungsstörung, der Traumafolgestörungen oder einfach des Traumas. Der Begriff des posttraumatischen Wachstums ist ein Begriff, der selten verwendet wird, obwohl man ihm dringend, wie ich finde, mehr Beachtung schenken sollte. Lange bevor mir dieser Begriff zum ersten Mal untergekommen ist, er ist vor allem eher im englischsprachigen Bereich gängig, habe ich gewusst, was das ist. Aus dem einfachen Grund, dass ich seit weit über 15 Jahren mit Menschen arbeite und mich auch auf Traumatherapie spezialisiert habe. Ich habe es schon hier und da in anderen Podcastfolgen erwähnt, es gibt etwas, was in der Begegnung mit Menschen, die in die Traumatherapie kommen, ganz besonders berührend ist. Was mich schon immer berührt, ist die Tatsache, dass Menschen, die Traumafolgen tragen und Trauma erlebt haben und die sich in der Bewältigung ihrer traumatischen Erfahrung befinden, oft eine ganz besondere Tiefe haben. Dass man das Gefühl hat als BegleiterIn, dass diese Menschen in besonderer Art und Weise mit dem Leben verbunden sind. Das sind Menschen, die haben so extreme Situationen erlebt, dass ihre Beziehung zum Leben eine andere ist. Menschen die Traumafolgen tragen und die ein Stückweit in ihrer Aufarbeitung vorangekommen sind, sind in meinen Augen Menschen, die eine ganz besondere Wertschätzung für die schönen Momente des Lebens entwickeln und die in ihren Beziehungen achtsamer, wacher, empathischer und präsenter sind. Die trotz vielleicht großer Symptome ein ganz klares Gefühl dafür haben, was eigentlich ein schönes und entspanntes Leben wäre. Oft haben Menschen, die Traumafolgen bewältigen, so etwas wie eine tiefe Weisheit. Das nur zu Beginn. Ich weiß natürlich, dass Menschen, die sich in Traumabewältigungsprozessen befinden, zunächst einmal leider vor allem häufig unter Symptomen leiden, unter quälenden Symptomen. Unter den sogenannten Traumafolgen. Parallel dazu, kann sich eben diese andere Ebene entwickeln, das, was wir posttraumatisches Wachstum nennen. Wenn die Traumatisierung vorbei ist, wenn der Mensch sich wieder in Sicherheit befindet, entsteht etwas im Inneren, was den Menschen zu einem reiferen, bewussteren und weiseren Menschen macht, als er es zuvor war. Darauf mag ich also heute im Einzelnen eingehen. Es ist mein Ziel in dieser Folge, dir etwas Mut zu machen, Zuversicht zu spenden und alle Menschen, die sich in Traumaufarbeitungsprozessen befinden, zu feiern, zu wertschätzen, zu würdigen.

Nelson Mandela, Viktor Frankl – Beispiele für posttraumatisches Wachstum

Ich möchte dir gerne ein paar Beispiele nennen, für Menschen, die ihr posttraumatisches Wachstum sehr deutlich in ihrem Leben zum Ausdruck bringen oder brachten. Zunächst möchte ich dir zwei prominente Beispiele nennen. Ein wunderbares Beispiel für posttraumatisches Wachstum ist Nelson Mandela. Nelson Mandela war viele Jahre seines Lebens inhaftiert. In einem Gefängnis isoliert, aus seinem Leben herausgeschnitten und das ist eine definitiv traumatisierende Situation. Nelson Mandela war aus unserer Sicht unverschuldet im Gefängnis. Ein Mensch, der einen politischen Kampf für die Menschenwürde gekämpft hat, der einen ethischen Kampf für die Menschenwürde gekämpft hat, wurde dafür inhaftiert. Das ist eine seelische, körperliche und psychische Folter. Man müsste also erwarten, dass ein solcher Mensch aus einer jahrzehntelangen Inhaftierung gebrochen herauskäme. Nelson Mandela hingegen kam aus dem Gefängnis und rief nicht etwa zur Rache gegen seine Peiniger auf, sondern kämpfte würdevoll, weiser, besonnener und leuchtender als je zuvor seinen Kampf weiter. Wie war ihm das wohl möglich? Ein weiteres prominentes Beispiel ist Viktor Frankl. Viktor Frankl war ein österreichischer Neurologe und Psychiater, der die Logotherapie begründete. Viktor Frankl wurde 1905 geboren und wurde mit Mitte 30 mit seiner Frau und seinen Eltern als Jude deportiert. Seine ganze Familie, seine Eltern und seine Frau starben auf dieser grauenvollen „Reise“. Viktor Frankl wurde von einem zum anderen KZ verfrachtet und wurde 1945 lebend befreit. Viktor Frankl hat also alles verloren, den Halt seines Lebens in der Familie durch seine Eltern und seine Frau und er überlebte als einziger. Wir können uns aus unserer heutigen Wahrnehmung kaum vorstellen, welche grauenvollen Traumatisierungen in diesen vielen Jahren passiert sind. Viktor Frankl, der also alleine zurückblieb, schrieb ein Buch, nachdem er befreit worden war. Ein Buch, das den Titel trägt „Trotzdem ja zum Leben sagen – ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“. Viktor Frankl wurde bekannt und die Schule der Logotherapie ist eine anerkannte, ganzheitliche Art und Weise den Menschen zu betrachten und durch Krisen zu führen. Wie ist es nur Viktor Frankl gelungen, nach diesem ersten Lebensabschnitt, der so abrupt abgerissen, unterbrochen und zerstört wurde, nach Jahren der Demütigung und Traumatisierungen in den schlimmsten KZs, in eine solche Haltung zu finden? Viktor Frankl vertrat eine Haltung und eine Meinung, in der Versöhnung ein sinnvoller Ausweg aus den schrecklichen Katastrophen des Weltkriegs und der Shoa darstellte. Viktor Frankl beschäftigte sich in seiner Arbeit viel mit dem Begriff des Sinns und der Bedeutung. Er ist ein unglaublich gutes Beispiel für posttraumatisches Wachstum. Nun noch ein paar kleine Randnotizen. Viktor Frankl machte Karriere, er wurde Professor für Neurologie und Psychiatrie. Er galt als einer der größten Fachleute in seinen Gebieten und er schrieb 32 Bücher, die auf der ganzen Welt in 49 Sprachen erschienen sind. Was für eine Lebensleistung. Das sind also zwei prominente Beispiele, die uns gleich zum Verstehen des posttraumatischen Wachstums hervorragend dienen werden. Aber auch Menschen wie du und ich, Menschen, die nicht zu solcher Berühmtheit kommen wie Nelson Mandela oder Viktor Frankl, sind oft durch posttraumatisches Wachstum ganz leuchtende Gestalten. Hierzu mag ich dir auch ein Beispiel geben, das du vielleicht von dir selbst kennst oder von Menschen in deinem Umfeld. So viele meiner KlientInnen, die durch Traumafolgen auf den Weg gekommen sind, sich selbst kennenzulernen, sich selbst zu heilen und aus ihrem Leiden herauszuwachsen, entwickeln unterwegs oder schon währenddessen ein Bedürfnis. Nämlich das Bedürfnis das, was sie gelernt haben auf diesem Weg, an andere, ähnlich Betroffene Menschen weiterzugeben. Viele Menschen mit schweren Traumatisierungen in ihrem Leben, das trifft auch für Entwicklungstrauma zu, entwickeln irgendwann in ihrem Leben, vielleicht an einem Punkt der Aufarbeitung das Bedürfnis, ihr Leben zu verändern. Oftmals wählen Menschen dann in der Mitte ihres Lebens oder eben nach einer Weile schon einen neuen Beruf. Es gibt das Klischee, dass viele Menschen erst mit 40,50 HeilpraktikerInnen oder YogalehrerInnen werden. Das ist tatsächlich ein Klischee. Wenn man genauer hinschaut, dann sind das ganz oft Menschen, die in dem Moment, wo sie die Entscheidung treffen etwas anderes zu machen als bisher, als täglich im Büro zu sitzen oder weiter prima zu funktionieren, dass diese Menschen tiefe Erkenntnisse über sich gewonnen haben und dass diese Menschen mit einem tiefen Vermögen in sich selbst in Kontakt gekommen sind, nämlich mit dem Gefühl zu spüren, was sie zu geben haben. Dieses Klischee oder Vorurteil ist also wie die meisten Klischees und Vorurteile ganz weit überwiegend völlig ungerechtfertigt. Ich feiere all jene Menschen, die die Kraft und den Mut entwickeln, irgendwann in ihrem Leben derartig große Entscheidungen zu treffen. Das ist so wundervoll! Es gibt eine weitere Ungerechtigkeit, die, wenn man genauer hinschaut, posttraumatisches Wachstum verbirgt. Es gibt auch das Klischee, dass die meisten TherapeutInnen nur TherapeutInnen werden, weil sie selbst einen am Sträußchen haben. Das ist selbstverständlich auch ungerecht. Trotzdem findet man in der Biografie sehr vieler Therapeutinnen und Therapeuten ganz schön knackige Traumatisierungen oder furchtbare Kindheiten, also Entwicklungstraumatisierungen. Das bedeutet aber nicht, dass diese Menschen nur Therapeuten werden, um sich selbst von sich abzulenken oder um sich selbst zu retten, sondern in meinen Augen bedeutet das viel mehr, dass die Menschen, die das selbst erlebt haben, eine ganz natürliche und tiefliegende Fähigkeit zu Empathie und zum Begleiten selbst betroffener Menschen haben. Grundsätzlich ist es jedoch so, dass dieses posttraumatische Wachstum also die Früchte, das was wir aus einer solchen Erfahrung lernen und mitnehmen können, vor allem dann zum Erblühen kommen, wenn wir verarbeiten und bearbeiten und Bewusstsein erlangen über das was uns passiert ist. Ein posttraumatisches Wachstum geschieht zu einem gewissen Teil auch automatisch, ich werde das gleich weiter umreißen, oder nebenbei und unbewusst aber es braucht ein gewisses Maß an Bewusstheit, um in eine Qualität hineinzukommen, von der ich hier spreche. Es ist so, dass manche Leute vielleicht aus einem tiefen Bedürfnis helfen zu wollen, den Beruf des Therapeut/Therapeutin ergreifen und sich dann aber nicht ausreichend um sich und ihre eigene Aufarbeitung kümmern (das Studium zur Psychologie bietet dafür auch nicht wirklich einen Rahmen – das ist ein anderes Thema), sodass es durchaus schon geschehen kann, dass Menschen, die zu Therapeutinnen und Therapeuten werden, sich selbst nicht ausreichend reflektiert haben und dann kann das natürlich schon ein bisschen schiefgehen.

Wie Betroffene posttraumatisches Wachstum erleben

Zurück zum posttraumatischen Wachstum. Nun habe ich dir einige Beispiele genannt und nun möchte ich dir ein paar Hinweise geben, was posttraumatisches Wachstum umschreibt. Zwei Drittel aller Menschen, die Traumatisierung erfahren haben, berichten im Nachhinein, das ist durch Studien belegt, dass sie ein sogenanntes posttraumatisches Wachstum erleben. Was sagen diese Leute über sich? Diese Menschen sagen, dass sie stärker sind als sie dachten. Sie kommen also an Ressourcen heran, an Kraftressourcen, an Fähigkeiten, die in ihnen liegen, von denen sie vorher nichts wussten. Das zeigt sich beispielsweise darin, dass Menschen, die in der Aufarbeitung bspw. eines Entwicklungstraumas unterwegs sind, auf diesem Weg sehr viel Bewusstsein darüber erlangen, was ihnen widerfahren ist und was sie in ihrem Innern unbewusst daraus gemacht haben. Das heißt, in der Aufarbeitung bspw. eines Entwicklungstraumas, wird einem Menschen sehr viel über sich bewusst und über die unglaublichen Kräfte, die er bereits als kleiner Mensch aufgebracht hat, um ganz widerstrebende und lebensfeindliche Situationen zu überleben. „Ich bin stärker als ich dachte“, bedeutet also auch, sich selbst zu erkennen, in der Überlebenskraft, die im eigenen Inneren steckt und die in jedem Augenblick des eigenen Lebens zuverlässig für einen selbst gesorgt hat. Wenn ein Mensch die Dimension seiner Traumatisierung versteht, also auch wahrnimmt, wie viel Überlebensnot und wirkliche Bedrohung empfunden wurde, dann erst wird ihm häufig bewusst, wie wundervoll er selbst reagiert hat, um zu überleben. Ich weiß, dass das vielleicht komisch klingt, weil natürlich überhaupt nichts schönes an einem solchen Geschehen ist, aber die Wertigkeit, den Wert der eigenen Überlebensreaktionen zu erkennen, ist ein unglaublich wichtiger Teil im Heilungsprozess. Es ist so wichtig, die eigenen inneren Anteile anzuerkennen, die heute vielleicht destruktive Muster Leben, als Anteile, die einstmals fürs Überleben zuständig waren. Zu dem Satz „Ich bin stärker als ich dachte.“, gesellt sich auch die Tatsache, dass Menschen über sich sagen, dass sie einen anderen Blick auf sich gewinnen und die Beziehung zu sich selbst sich im Traumaverarbeitungsprozess verändert. Das kennst du von mir in meiner ständigen Predigt des Wohlwollens. Ich predige regelrecht die Haltung des Wohlwollens, weil sie die einzig gerechte Haltung uns selbst gegenüber ist. Wenn wir Wohlwollen üben, dann kommen wir automatisch, nach und nach in die Haltung, uns selbst wertzuschätzen für all unsere Muster, die wir gebildet haben. Für all unsere Überlebensstrategien, die wir gebildet haben und die uns heute vielleicht als lästige und störende Muster im Alltag vor die Füße fallen. Menschen, die posttraumatisches Wachstum leben finden also eine Haltung in der Beziehung zu sich selbst, die friedvoll und wertschätzend wird. Das bedeutet, dass das Selbstbewusstsein, was unter der Traumatisierung gelitten hat, wieder heilen kann. Dass die Beziehung zu sich selbst der Heilungsort wird für den verletzten Selbstwert und auch die verletzte Würde. Zur Würde später noch ein paar Worte mehr.

Spirituelle Dimension – tiefere Verbundenheit, Empathie und Verständnis

Menschen, die von posttraumatischem Wachstum sprechen, beschreiben, dass sie durch den Verarbeitungsprozess mehr Empathie und Verständnis für andere Menschen entwickeln. Ein Mensch, der seine eigene Traumatisierung aufarbeitet und mit sich selbst in einen so heilsamen Kontakt kommt, der wird sich bewusst, wie verletzlich wir Menschen sind. Wenn man einmal die Verletzlichkeit des Menschen wirklich verstanden hat, wenn man sie einmal in seinem Herzen aufgenommen und umarmt hat, dann wird man zwangsläufig empathischer und verständnisvoller, weil man auch das Verletzliche, Verwundbare, das Zarte, Versehrte oder Versehrbare im anderen sieht. Empathie und Verständnis sind wunderbare Elixiere für gelingende Beziehungen. Das bedeutet anders gesagt, dass im posttraumatischen Wachstum Menschen häufig eine Verbesserung ihrer Beziehungsqualitäten erleben oder dass sie neue Menschen „in ihr Leben ziehen“, mit denen sie Beziehungen führen können, die wunderschön sind, die eine andere Qualität haben als Beziehungen, die sie bisher kannten, Beziehungen in denen mehr Empathie und Verständnis wirken. Menschen, die von posttraumatischem Wachstum berichten, sagen über sich, dass sie in ihrem Leben neue Möglichkeiten entdecken und entdeckt haben. Dass sie beginnen, Prioritäten anders zu setzen und dass sie andere Ziele in ihrem Leben fassen. Meistens haben diese Ziele und diese neuen Prioritäten etwas zu tun mit der Perspektive aufs Leben, die sich verändert. Das ist etwas Weiteres, was Menschen berichten, nämlich, dass sie eine ganz andere Haltung dem Leben gegenüber einnehmen. Hier spricht man auch von einer spirituellen Dimension. Die Sicht auf das eigene Leben und auf das Leben selbst verändert sich nach einer bewältigten, traumatischen Erfahrung. Das Gefühl von wirklicher Verbundenheit mit dem Leben nimmt häufig zu. Es ist nicht selten so, dass Menschen, die Trauma überlebt haben und in ihrem Verarbeitungsprozess Erfolge erzielen, das Gefühl haben zu spüren, dass sie verbunden sind mit einer anderen, einer größeren, einer höheren Kraft, die unterschiedlich genannt werden kann. Ich nenne es hier einfach mal „das Leben selbst“. Das heißt, noch einmal anders zusammengefasst, das posttraumatische Wachstum, was sich aus einer gelingenden und auch im Prozess befindlichen Traumabewältigung entwickelt, bringt Menschen in ein Gefühl von mehr Tiefe im Erleben, mehr Sinn im Leben, mehr Nähe zu sich selbst, auch mehr Nähe zum Leben und auch das Gefühl einer tieferen Reife. Ich glaube, dass wir kaum tiefer und gründlicher reifen können, als in der Bewältigung und Verarbeitung traumatischer Erfahrungen.

Wiederherstellung der Würde

Vorhin habe ich das Wort „Würde“ schon einmal ins Spiel gebracht und mag hierauf an dieser Stelle noch einmal eingehen. Traumatische Erfahrungen sind häufig sehr entwürdigend. Besonders die Erfahrungen, die menschengemachte Traumatisierungen betreffen. Jedes Entwicklungstrauma geht auf Kosten der Würde und des Selbstbewusstseins. Viele, viele andere Traumatisierungen ebenso. So lange wir uns noch entwürdigt fühlen und uns noch in einer Haltung der Scham befinden, ist es schwer, sich bereichert zu fühlen durch die Errungenschaften, die man aus einer traumatischen Erfahrung entwickeln kann. Das bedeutet, dass das Wiederherstellen der eigenen Würde ein unglaublich hilfreicher Faktor ist, um dann auch die weiteren Früchte bewältigter Traumatisierung ernten zu können.

Wie kann das gelingen, Würde wiederherzustellen und aus dem Gefühl der Beschämung und Wertlosigkeit herauszufinden? Menschen, die posttraumatisches Wachstum für sich reklamieren können, berichten auch von einem Aspekt, den ich ganz besonders wichtig finde. Sie sprechen von der Erkenntnis, die manchmal in der Therapie errungen werden muss. Dass sie selbst in ihrer Traumatisierung nicht gemeint waren. Dass sie anders gesagt nichts dafür können, dass ihnen das geschehen ist, was ihnen geschehen ist. Besonders bei der Entwicklungstraumatisierung ist das komplex. Denn Kinder, die Entwicklungstraumatisierung erleben, lernen so viel unwahres über sich, dass sie nicht wert, nicht wichtig, nicht erwünscht seien, dass das tief in das Unterbewusstsein eingegraben wird. Dementsprechend entsteht dann auch die Idee, der Gedanke, die innere Haltung, dass man selbst daran schuld sei oder dafür verantwortlich sei, dass man so etwas erlebt hat. Die eigene Würde wiederzuerlangen, bedeutet, sich klar zu machen, dass das nicht stimmt. Dass jeder andere Mensch an unserer Stelle genau das gleiche erfahren hätte, dass wir selbst keine Macht hatten oder gehabt hätten, durch ein anderes verhalten, ein anderes Aussehen, einen anderen Charakter die Situation zu verändern. Dass wir die Ohnmacht von damals anerkennen, um zu erkennen, dass es nichts mit uns zu tun hatte. Wenn wir anerkennen können, dass wir nicht mächtig waren etwas zu verändern, dass wir schlicht Kinder waren, die einer Dynamik von anderen Menschen unterworfen wurden, dann wird die Würde entlastet. Zu dieser Anerkennung der eigenen Ohnmacht von damals, gehört auch das Anerkennen einer Opferschaft von damals. Das Phänomenale ist, dass das Anerkennen einer Opferschaft von damals, es uns möglich macht, uns aus der Opferschaft, die wir heute oft noch fühlen, befreien zu können. Dass man also aus einer sogenannten - und ich mag dieses Wort nicht gerne - „Opferrolle“ herausheilt, wenn man anerkennt, wie stark man selbst zum Opfer geworden ist. Auch das führt zur Wiederherstellung der eigenen Würde und damit dazu, sich wieder zeigen zu können, sicher leben zu können, sich über das Geschehene hinaus bewegen zu können. Ich möchte eines noch einmal deutlich sagen, um Missverständnissen vorzubeugen. Posttraumatisches Wachstum ist nicht etwas, was wir erst dann spüren, wenn wir eine traumatische Erfahrung vollkommen überwunden haben. Dann genießen wir das posttraumatische Wachstum in vollen Zügen, aber bereits unterwegs, bereits manchmal schon ganz früh, entstehen Aspekte, die wir posttraumatisches Wachstum nennen können. Posttraumatisches Wachstum bedeutet also nicht, geheilt zu sein, sondern es bedeutet, auch im Prozess aus dem Geschehenen heraus, etwas entwickeln zu können, was uns unterstützt, unsere Potenziale zu leben.

Die Kraft der inneren Haltung

Das posttraumatische Wachstum hat auch auf der neurobiologischen Ebene seine Entsprechung. Hier spielt der Begriff der Neuroplastizität eine wichtige Rolle. Er besagt, dass unser Gehirn zeitlebens in der Lage ist, sich weiterzuentwickeln. Wir sind zeitlebens in der Lage, neues zu lernen. Unsere innere Haltung, unsere innere Ausrichtung bedingt sehr, wie wir lernen und was wir lernen. Um unsere Neuroplastizität zu nutzen, also aus den gelernten Überlebensmustern und Strategien herauszuheilen, helfen uns gewisse innere Haltungen. Zum Beispiel das Annehmen der eigenen Reaktionen. Darüber spreche ich auch immer wieder. Das Annehmen und Anerkennen der eigenen Reaktionen. Unsere heute lästigen Muster sind meistens gesunde Abwehrreaktionen und Überlebensreaktionen aus unserer Vergangenheit. Es ist also nur zu hilfreich, wenn wir beginnen, unsere Reaktionen anzunehmen, statt sie weiter zu verteufeln. Dann können wir sie beginnen zu verändern. In der inneren Haltung des Verständnisses und des Wohlwollens können sich Dinge viel leichter verändern, als unter Ablehnung und fortdauerndem, daraus entstehendem Stress. Dazu gehört also auch, die Stärke unseres Überlebenstriebes anzuerkennen. Wahrzunehmen, dass in uns eine unglaubliche Stärke gewirkt hat, um das zu überstehen, was wir überstehen mussten. Auch diese innere Haltung verändert unsere neurobiologischen Vernetzungen in unserem Gehirn, weil wir der ganzen Geschichte eine andere Bedeutung geben. Wir kommen raus aus dem Bewerten aus der reinen Opferperspektive, hin zu der Bewertung aus einer Helden- und Heldinnenperspektive oder auch Überlebendenperspektive. Indem wir unsere Stärken und unsere gesunden Reaktionen anerkennen, verändert sich eine innere Haltung, was zu neuen Bewertungen führt. Das wiederum führt zu mehr Stabilität im eigenen Inneren. Daraus entsteht so etwas wie Zuversicht. Die Zuversicht, dass es besser werden kann. Die Zuversicht, dass man doch selbstwirksam ist und nicht für immer Opfer der damaligen Situationen und heutigen Umstände. Natürlich ist das Verarbeiten, das bewusste Verarbeiten sehr, sehr hilfreich, um ein posttraumatisches Wachstum zu erwirken. Also z.B. in Therapie beschäftigt zu sein mit der Aufarbeitung der vergangenen Traumatisierungen. Es wirkt häufig Wunder, wenn Menschen, die ihre Traumageschichte aufarbeiten, einen Ausdruck finden. Wenn sie sich sozusagen offenbaren und das, was sie gelernt haben, teilen. Mit „sich offenbaren“ ist nicht gemeint, dass man seine ganze Geschichte vor aller Welt ausbreitet, sondern damit ist gemeint, dass man mit dem, was man erlebt hat, als ganzer Mensch sichtbar und präsent und in dieser Welt nahbar ist. Vielen Menschen hilft es beispielsweise sehr, darüber zu schreiben, darüber zu sprechen oder wie schon erwähnt, es zu einem Beruf zu machen.

Essenzen für posttraumatisches Wachstum

Zum Abschluss möchte ich noch zwei Essenzen nennen, die für ein posttraumatisches Wachstum wichtig sind. Essenziell, und das kann man bei Viktor Frankl hervorragend nachlesen, ist die Bedeutungsgebung. Welche Bedeutung und welchen Sinn geben wir einem Geschehen, das wir überlebt haben. Was für eine Bedeutung, was für einen Sinn kannst du einer Situation geben, die dich beinahe gebrochen hat? Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Es gibt die Möglichkeit, sie zu bewerten als das schrecklichste, größte und ungerechteste Pech, was einem Menschen nur widerfahren kann. Das ist gerechtfertigt! Und es gibt die Möglichkeit, ihr eine Bedeutung oder einen Sinn zu geben, die besagt, dass daraus, aus dieser Erfahrung, etwas erwachsen konnte, was dich mit dieser Erfahrung auszeichnet. Was du ohne diese Erfahrung heute nicht in dir entwickelt hättest. Einen Sinn und eine Bedeutung zu geben ist etwas, was uns herausholt aus dem tiefen Empfinden der Ohnmacht. Eine weitere Essenz ist auch das „sowohl als auch“. Wir sind dazu geneigt, besonders auch in einer Welt, in der viele Traumatisierungen geschehen, in ein schwarz/weiß-Denken hineinzurutschen. Dass wir davon ausgehen, es gäbe nur Leid oder Glück, es gäbe entweder Schmerz oder Reife. Ein Schlüssel zum Vorankommen und Wachsen nach schweren Ereignissen, ist das „sowohl als auch“ für sich zu erobern. Es gibt sowohl Leid als auch Wachstum. Es kann Schmerz gleichzeitig präsent sein, während Reife entsteht. Das „sowohl als auch“ hilft uns, uns anzuerkennen in unserer Versehrtheit und uns wahrzunehmen in unserer Größe. Ich möchte dich einladen, dich einmal im Nachgang dieser Folge ein wenig zu reflektieren und dir Zeit zu nehmen, um zu fühlen und nachzudenken, was für einen Sinn, was für eine Bedeutung kannst du mitnehmen aus den schweren Dingen, die dir in deinem Leben schon widerfahren sind? Welche Fähigkeiten haben sich daraus entwickelt? Welche Fähigkeiten konntest du besonders durch das Geschehen und deine darauffolgenden Heilungs- und Wachstumsweg für dich erreichen? Wo lebst du noch ein „entweder, oder“? Wo lebst du noch schwarz/weiß und was könntest du in ein „sowohl als auch“ transformieren? Ich bin mir sicher, wenn du betroffen bist, dann gehörst du auch zu den Menschen, die ganz besonders viel zu geben haben, auch und gerade weil sie so heftiges erlebt haben. Ich mag dich einladen, fühle dich in keinem Falle unter Druck gesetzt, etwas besonderes sein zu müssen. Wenn du Trauma erlebt hast und bist heute da, dann bist du unvergleichlich besonders, einzigartig und großartig. Ich mag dich also einladen, in jedem Falle und aus jedem Blickwinkel heraus wohlwollend und zuversichtlich mit dir und für dich zu sein.

Shownotes: 

 

button termine

Meinen Podcast findest du auch auf: iTunes

Auf meinem YouTube-Channel 

Spotify und allen weiteren kostenlosen PodcastApps

Ich wünsche dir viel Freude und Inspiration beim Lauschen. Ich freue mich riesig über Kommentare (z.B. auf Instagram @kreativetransformation), in denen Du teilst, was Dich in dieser Folge berührt hat. Ich freue mich sehr, dass wir verbunden sind!

Wenn Du künftig keinen Podcast mehr verpassen möchtest, melde Dich gerne zum kostenlosen Newsletter an.

 

LEBE KREATIVE TRANSFORMATION

Tausche Dich mit anderen kreativen, wachen Menschen in meiner Facebookgruppe aus: Transformationsinsel

Meditiere mit mir und anderen für Deine Kreative Transformation beim kostenlosen Online Mediabend:

 akademie header txt VK