#114 Traumaheilung oder Retraumatisierung

Transformations - Inspiration

In dieser Folge geht es um die Frage, was Retraumatisierung ist und darum, was geschehen muss, damit ein Mensch wieder traumatisiert wird, also ein altes Trauma wieder aktiviert wird... 

 

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In dieser Folge erfährst Du:

  • was Retraumatisierung bedeutet
  • dass Flashbacks nicht gleich Retraumatisierungen sind
  • warum schnelle Heilungsprozesse nicht ratsam sind
  • welche Lebenssituationen retraumatisierend wirken können
  • was es braucht, um retraumatisierende Potenziale zu vermeiden

 

Es geht auch darum, den Begriff zu klären, um ihn zum Beispiel zu unterscheiden, von gelingender Traumaheilung oder auch intensiven Traumatintegrationsprozessen. Ich möchte dir gleich zu Beginn den Hinweis auf eine vorangegangene Podcastfolge geben, von der ich meine, dass es nützlich wäre, wenn du sie vorher einmal hörst. Du findest sie in den Shownotes verlinkt, sodass du sie direkt anklicken kannst. Sie heißt, „Wie du mit Triggern umgehen kannst“. Vielleicht magst du da einmal reinlauschen. Jetzt wünsche ich dir viel wertvolle Inspiration mit dieser Folge.

Was wir brauchen, um Trauma zu heilen

Der Begriff der Retraumatisierung taucht immer wieder auf. In Foren, in Gruppen, immer wieder sind Menschen der Meinung oder sie befürchten, dass sie retraumatisiert sein könnten. Gleichzeitig gibt es auch viel zu wenig Bewusstsein für die Gefahr der Retraumatisierung, was sichtbar wird anhand mancher Methoden, die wir im Coachingbereich oder in der psychospirituellen Szene beobachten können, die durchaus für traumatisierte Menschen gewisse Gefahren der Retraumatisierung bergen. Auch deswegen ist es mir ein Anliegen, über diesen Begriff etwas zu sagen und hier zu Differenzierung beizutragen. Menschen, die traumatisiert sind und Traumafolgen tragen, haben in der Regel eine große Sehnsucht in sich, zu heilen. Den Wunsch, von Symptomen frei oder freier zu werden und dadurch eine bessere Lebensqualität zu erreichen. Die Psychotraumatologie und die Traumatherapie sind noch recht junge Disziplinen in unserer psychotherapeutischen Gesellschaft. Es herrschen hier und da noch alte Bilder über Trauma und auch über Traumaheilungsmöglichkeiten vor. Ein altes Bild in der Traumatherapie ist z.B., dass wir, um ein Trauma heilen zu können, dringend eine Konfrontation mit der direkten und plastischen Erinnerung bräuchten. In der neueren Traumaforschung weiß man, dass das nicht unbedingt nötig ist, um zu heilen, um heilen zu können. Gleichzeitig hat sich mit der Ausdehnung und Differenzierung des Traumabegriffes logischerweise ergeben, dass das mit der Konfrontation gar nicht immer geht. Wenn wir bspw. von Entwicklungstrauma ausgehen, also einer u.U. frühkindlichen und langanhaltenden, traumatisierenden Situation, dann können wir nicht mit konkreten Erinnerungen arbeiten, weil sie in der menschlichen Erinnerungsart gar nicht vorkommen. Besser oder anders ausgedrückt: An frühe Erfahrungen können wir uns nicht episodisch, plastisch erinnern. Das ist nicht möglich. Deswegen können wir da auch nicht mit konkreten Inhalten der Traumatisierung arbeiten. Dennoch gibt es Möglichkeiten, mit der Traumatisierung zu arbeiten und dadurch Besserung zu erzielen. Es geht mir zu Beginn erst einmal darum zu differenzieren, was wir brauchen, um erfolgreiche Traumaheilung voranzubringen. Wir brauchen nicht unbedingt die direkte Konfrontation mit den Erinnerungsinhalten. Bei manchen Traumatisierungen, bei manchen Monotraumatisierungen, also einzelnen Geschehnissen, kann es wichtig sein, für den heilsamen Prozess, sich direkt und komplett erinnern zu können. Hier kann eine Konfrontation mit den Inhalten in einer geschützten und professionellen Therapie hilfreich sein. Aber es wäre falsch zu sagen, dass das generell eine Voraussetzung für Traumaintegration und Traumaheilung sein kann. Das also zu Beginn.

Mehr Zugang oder mehr Abstand zu Erinnerung

Nun einmal zu einer Ambivalenz, die viele Menschen mit Traumatisierung und Trauma in der Biografie und daraus folgenden Traumafolgen erleben. Zum einen ist da die Sehnsucht zu heilen und die Sehnsucht auch etwas tun zu können, was zur Heilung gereicht. Als Traumatherapeutin habe ich hier häufig zwei fast schon gegensätzliche Phänomene beobachtet. Es gibt Menschen, die entwickeln in dieser Sehnsucht nach Heilung ein großes Bedürfnis, die Inhalte zu erfassen und zu erfahren. Das hört man dann in solchen Sätzen wie „Ich will jetzt endlich wissen, was genau damals passiert ist. Wenn ich es weiß und wenn ich es erinnern kann, dann wird es mir besser gehen!“. Das kann fast zu einem Sog werden, wie ein Spürhund auf die Fährte zu gehen, in dem Bedürfnis und mit dem dringenden Anliegen, dissoziative Barrieren, also Schutzmechanismen oder eine Amnesie wegzuziehen, um endlich zu erkennen, was gewesen ist. Das ist eine Tendenz, die man häufig beobachten kann. Dieser dringende Wunsch zu erfahren, was gewesen ist. Eine andere Richtung ist die, dass Menschen, die gerne von ihrer Traumatisierung heilen wollen, große Angst vor der Konfrontation mit den Inhalten bekommen. Das sind meistens die Menschen, die ohnehin schon die Erfahrung haben, gequält zu sein bspw. von Flashbacks und die sozusagen eher von zu viel Erinnerung geplagt sind. Beiden Menschengruppen ist gemein, dass sie heilen wollen, dass sie das Gefühl haben, sie brauchen etwas, um heilen zu können. Entweder mehr Zugang zu Erinnerung oder mehr Abstand zu Erinnerung.

Kurz erklärt: Was ist Trauma?

Nun aber konkret zu der Frage „Was ist eine Retraumatisierung und wieso führen die beiden eben genannten Tendenzen möglicherweise in Richtung einer Retraumatisierung?“. Um den Begriff der Retraumatisierung erklären, möchte ich ihm den Begriff des Triggers gegenüberstellen. Dazu hier nochmal eine kleine Zusammenfassung, was wir unter Trauma verstehen können. Ganz vereinfacht gesagt und ganz überbegrifflich zusammengefasst: Eine Erfahrung wird dann zu einer traumatischen Erfahrung, also zu einer Erfahrung, die Traumafolgen auslösen kann, wenn sie unsere Bewältigungsstrategien massiv überfordert. Wenn also unsere Überlebensmechanismen nicht in der Lage sind, uns vor der Wucht der Erfahrung zu schützen und die Erfahrung so groß wird, dass wir nicht in der Lage sind, sie so zu verarbeiten, wie eine Erfahrung die wir als normal oder stressreich bezeichnen würden. Traumatische Erfahrungen sind immer in einem Zusammenhang stehend mit einer massiven Bedrohung der eigenen Sicherheit im Innern oder im Außen und sie sind immer gekoppelt an Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Das sind Parameter, die eine traumatische Situation oder eine Situation, die traumatisierend wirkt, insbesondere auszeichnen. Wenn wir ein Trauma erfahren haben, dann haben wir also eine Erfahrung gemacht, deren Verarbeitung und sehr schwerfällt. Da sich unter einer traumatischen Erfahrung unsere Wahrnehmungsart verändert, das ist ein Schutz unserer Psyche, eine psychische Schutzfunktion, ist auch die Art und Weise, wie die Erinnerung gespeichert wird, anders als bei herkömmlichen Erfahrungen. Man kann sich das so vorstellen, dass ganz einfach gesagt, das Erlebnis nicht als ein vollständiges und zusammenhängendes Bild im Inneren abgelegt wird, sondern wie ein Puzzle, das in einzelnen Teilen zerlegt im Inneren abgelegt wird. Es werden Erinnerungsfragmente, Erinnerungspuzzlestücke unzusammenhängend im Inneren abgelegt.

Getriggert sein ist nicht gleich retraumatisiert sein

Wenn wir jetzt von Triggern sprechen, vom getriggert sein sprechen, dann bedeutet das, dass einer oder mehrere dieser Erinnerungsschnipsel durch ein aktuelles Geschehen im Hier und jetzt ausgelöst, also getriggert wird und vom Unterbewusstsein ins Bewusstsein hochgeschleudert wird. Beispiele dazu findest du in der Folge, die du in den Shownotes verlinkt siehst „Wie du mit Triggern umgehen kannst“. Wenn wir getriggert sind, dann fühlen wir uns ziemlich aktiviert in unserem Nervensystem. Getriggert zu sein bedeutet, in einen Zustand hineinzugeraten, der mit der Situation zu tun hat, die damals sehr stark und sehr einprägsam stattgefunden hat. Getriggert zu sein bedeutet also, in einem gewissen Maße den Zugang zum Hier und Jetzt und der Sicherheit des Augenblicks zu verlieren. Wenn wir getriggert sind, dann erleben wir Stress in unserem Nervensystem. Das heißt, der Sympathikus ist aktiviert und es setzen unsere Überlebensstrategien ein. Wir haben im Laufe unseres Lebens und insbesondere unter traumatischen Erfahrungen immer Überlebensstrategien entwickelt. Wir haben also auch nach einer Traumatisierung den Traumafolgen gegenüber Überlebensstrategien entwickelt. Lass mich das kurz klären: Nehmen wir an, eine Überlebensstrategie aus einer Traumafolge heraus ist, sich abzulenken. Durch eine Entwicklungstraumatisierung hat man Schwierigkeiten, bspw. innere Spannungszustände oder innere Emotionen auszuhalten. Infolgedessen entwickelt man eine Copingstrategie oder eine Überlebensstrategie, um nicht in einen unangenehmen, furchtbaren Zustand zu geraten und beginnt z.B. sich abzulenken, durch den Konsum von Medien oder Substanzen bspw.. Das wäre also eine Copingstrategie oder auch eine Überlebensstrategie, die uns helfen soll, nicht in einen alten Zustand des vollständigen getriggert seins zurückzugeraten. Das heißt also im erwachsenen Leben, wenn wir getriggert werden, setzen unsere Überlebensstrategien, unsere Überlebensmechanismen unsere Schutzmechanismen ein. Diese Schutzmechanismen sollen also verhindern, dass der getriggerte Zustand zu intensiv wird, dass wir die Kontrolle verlieren. Kontrolle verlieren bedeutet hier, in Überflutungszustände zu geraten, also in innere Zustände zu geraten, in denen wir von den alten Gefühlen, Erinnerungen, Empfindungen, Bildern oder was auch immer überwältigt werden. Das bedeutet zusammengefasst, dass getriggert werden nicht bedeutet retraumatisiert zu werden. Es bedeutet aber auch, dass getriggert werden, die Gefahr beinhaltet in eine Retraumatisierung hineinzurutschen. Denn eine Retraumatisierung unterscheidet sich vom getriggert sein dadurch, dass die Überlebensmechanismen, die Schutzstrategien in diesem Moment erneut versagen. Dass also innere Überflutungszustände stattfinden und man aus ihnen nicht mehr herausfindet. Das nicht nur für einen kurzen Moment, sondern für eine längere Zeitspanne. Es kann natürlich passieren, dass man in Überflutungszustände gerät, manchmal ist das schlicht ein Flashback oder eine Panikattacke und danach wieder mehr in die Regulation kommt. Das würde man nicht als Retraumatisierung bezeichnen. Als Retraumatisierung würde man das bezeichnen, wenn dieser Zustand der Überflutung und der nervlichen Übererregung länger andauert, also zu einem Zustand wird, der zum aktuellen, alltäglichen Zustand wird. Das ist ein furchtbarer Zustand und eine ganz schreckliche Erfahrung, die du selbst hoffentlich noch nicht machen musstest, die aber leider einigen Menschen mit Traumafolgen widerfährt. Erfahrungen der Überflutung sind immer dann gefährlich in Richtung Traumatisierung zu kippen, wenn keine Selbstregulation und keine Co-Regulation stattfinden kann, die uns dann hilft, wieder in einen Zustand zu gelangen, der die Überflutung beendet.

Exposition ist nur in Balance heilsam

Deswegen bergen Methoden der Exposition also der Auseinandersetzung mit Inhalten, mit Zuständen immer auch die Gefahr der Retraumatisierung, wenn sie nicht fachgerecht und sehr gekonnt eingesetzt werden. Man könnte es so ausdrücken, und der Begriff ist dir vielleicht bewusst, wenn du hier schon ein bisschen lauschst, dass eine Exposition mit Traumainhalten nur dann heilsam sein kann, solange das Nervensystem im Stresstoleranzfenster balanciert ist. Also eine Exposition kann dann gelingen, wenn das Stressniveau der betroffenen Person nicht zu lange zu weit außerhalb der eigenen Stresstoleranz liegt. Das bedeutet, eine Überflutung wird, wenn man gekonnt arbeitet, vermieden, es wird so dosiert und wie man im somatic experiencing sagt, so titriert also fein gemischt, dass man nicht in Überflutungszustände kommt. Ein sehr wichtiger Aspekt, um nicht in Überflutungszustände zu kommen, ist generell die eigene Stabilität. Um Expositionen durchstehen zu können -es ist sehr anstrengend, das hörst du an meiner Formulierung- braucht man eine gewisse Kapazität als Betroffene/r. Diese Kapazität zu bilden ist Aufgabe einer traumatherapeutischen Arbeit, eines traumatherapeutischen Prozesses. Um Kapazität zu bilden und das sogenannte Containment auszubilden, also die Fähigkeit, sich selbst in einer hohen Erregung besser zu halten, braucht es viel Edukation. Viel Information, um sich selbst in seinem so sein besser verstehen zu können. Das ist Teil der Kapazitätsbildung, dass wir uns selbst besser verstehen. Diese Selbstverständnisebene und die Edukation ist auch wichtig, damit man als Betroffene/r vorbereitet sein kann, auf das, was unter einer Hinwendung zu Traumainhalten, wenn es denn nötig ist, passieren kann. Die Kapazität zu bilden ist auch wichtig, wenn man nicht in der Exposition arbeiten möchte, sondern einfach nur am Symptom, am Erleben, an den Körperempfindungen arbeiten will. Auch dann ist das sehr wichtig, denn wir müssen als Betroffene darauf vorbereitet sein, mit unseren heftigen oder intensiven Gefühlen anders umgehen zu können, als wir das bisher getan haben. Nämlich mit Überlebensstrategien, mit Ablenkungsstrategien, Verdrängungsstrategien oder mit dem Abdriften in Überflutungszustände. Das bedeutet auch, dass in diesem Geschehen, wenn man Retraumatisierungen vermeiden will, man im Vorfeld oder „on the fly“, während der Traumaaufarbeitung, Nervensystemregulation lernen muss. Auch hierzu findest du ein paar Podcastfolgen in den Shownotes verlinkt, wenn du darüber mehr lernen möchtest.

Retraumatisierende Potenziale

Noch einmal ein bisschen zurückgespult. Ich habe vorhin gesagt, Expositionsverfahren bergen immer die Gefahr der Retraumatisierung. Nicht nur solche Verfahren bergen die Gefahr der Retraumatisierung, wenn sie nicht fachgerecht angewandt werden, sondern auch alle möglichen anderen sogenannten Methoden, die hier und da und dort angepriesen werden. Z.B. Schnellhypnosen für die Traumaheilung oder all die kathartischen Methoden, die wir immer noch auf dem Markt, besonders in der psychospirituellen Szene finden. Kathartische Methoden sind die Methoden, in denen man das Wiedererleben einer Situation anstrebt. Wenn das nicht wirklich richtig gut begleitet ist und vorher genügend Stabilisierung erwirkt wurde, dann kann das total nach hinten losgehen und schlichtweg einfach in die Retraumatisierung führen. Ich habe schon einige Klientinnen und Klienten erlebt, die nach gewissen Wochenendseminaren oder Einzelsitzungen in die Retraumatisierung gerasselt sind. Selbst die Methode der Familienaufstellungen oder systemischen Aufstellungen können deutlich die Gefahr der Retraumatisierung bergen, wenn sie eben nicht traumasensibel angewandt werden. Weitere Beispiele für retraumatisierende Potenziale sind auch solche Situationen wie Gerichtsprozesse. Wenn man beispielsweise Opfer eines Gewaltverbrechens wurde oder Opfer sexualisierter Gewalt wurde und man strebt einen Gerichtsprozess an, dann ist es sehr anzuraten, dass man das nur in therapeutischer und unter fachlicher Begleitung für sich wagt. Denn in einem solchen Prozess wird man einigen Herausforderungen ausgesetzt. So muss man beispielsweise vor Zeugen, einem Richter/einer Richterin, AnwältInnen oder einem/einer psych. GutachterIn das Geschehen mehrmals und immer wieder schildern. Man muss berichten, was geschehen ist, es wird nach Details gefragt. Vielleicht wird die Glaubwürdigkeit in Frage gestellt. Möglicherweise ist es auch so, dass man dem Täter begegnet in einem Gerichtsverfahren. Das alles kann unglaublich belastend sein, so dass es zu einer Retraumatisierung kommt, sofern man nicht gut begleitet und gut vorbereitet ist.

Retraumatisierung von Frauen durch Geburt

Leider sind immer wieder auch Geburten retraumatisierend für Frauen, die früher in ihrem Leben sexuelle Gewalt erfahren haben. Manchmal kommt mit einer Geburt überhaupt erst die Erinnerung an sexuelle Gewalterfahrungen ins Bewusstsein. Das hängt damit zusammen, dass die körperliche Erfahrung einer Geburt sehr intensiv ist und für viele Frauen tatsächlich überwältigend sein kann, besonders wenn ein solches Gewaltgeschehen in ihrer Biografie liegt. Das bedeutet also auch, dass eine Geburt nicht zwangsläufig selbst traumatisch sein muss, um eine Retraumatisierung herbeizuführen. Sofern eine Geburt aber mit Komplikationen verläuft oder vielleicht Gewalt bei der Geburt erfahren wird, ist das natürlich ein noch höheres Risiko, dass eine Retraumatisierung stattfindet. Häufig werden diese Retraumatisierungen nicht erkannt und manchmal werden sie, ich wage es so zu sagen, verwechselt mit einer postpartalen Depression. Manchmal verfallen Frauen nach der Geburt in depressive und dissoziative Zustände. Zustände des nicht Fühlens, des abgespalten seins von ihrem Körper, des unverbunden seins zu ihrem Kind. Das könnte unter Umständen mit frühen Erfahrungen in ihrer Biografie zu tun haben, das muss es aber nicht. Ich erwähne nur, dass es hier solche Gründe geben kann, wenn es zu solchen Komplikationen nach einer Geburt kommt. Wenn man also Mutter werden möchte und man weiß, man hat eine Traumageschichte, die eine starke körperliche oder sogar sexuelle Komponente hat, dann ist es sehr ratsam, sich mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten auf dieses Geschehen der Geburt sanft und liebevoll unterstützend vorzubereiten, um einer solchen Gefahr der Retraumatisierung schlicht und ergreifend vorzubauen.

Reinszenierung

Ein weiteres Beispiel von Retraumatisierung, das leider häufig geschieht, ist das der Reinszenierung. Leider ist es so, dass wir häufig unbewusst das Vertraute wählen. Es ist also so, dass bspw. Frauen, die früh in ihrer Kindheit gewaltvolle Erfahrungen gemacht haben, überzufällig häufig später in Partnerschaften leben, in denen sie ähnliches Erfahren, wie damals in der Familie. Eine ähnliche Art Gewalt, körperlicher Übergriffe oder Atmosphäre. Wenn wir also aus unseren traumatisierenden Kindheiten herauswachsen und dann später in Kontexte geraten, die ganz ähnlich sind, dann ist eines natürlich sehr wahrscheinlich, nämlich, dass wir schlicht und ergreifend eine Retraumatisierung erfahren. Das ist möglicherweise auch eine Erklärung dafür, weshalb es so schwer ist, sich aus sehr toxischen Beziehungen heraus zu bewegen. Weil man sich in einem traumatisierten Zustand befindet und häufig im Zustand der Starre, der Ohnmacht, der Hilflosigkeit. Wenn wir also in unseren Partnerschaften nicht nur gegenwärtig Gewalt oder destruktive Situationen erfahren, sondern diese auch noch mit einer alten und frühen Traumatisierung zusammenpassen, dann ist Retraumatisierung an der Tagesordnung und wird zu einem Zustand, aus dem man sich sehr schwer befreien kann. ABER es ist nicht unmöglich, sich zu befreien! Hier ist es absolut nötig, sich Hilfe zu holen, von jemandem der/die einem hier fachkundig Unterstützung gibt, aus so destruktiven Beziehungen und Kontexten herauszukommen, sich in Sicherheit zu bringen und nach und nach zu heilen.

Retraumatisierung durch stress und was hilfreich dagegen ist

Es gibt verschiedenste Szenarien in denen ein Mensch retraumatisiert werden kann, weil Geschehen im Hier und Jetzt das Potenzial haben so viel Stress auszulösen, dass es ohnehin belastend ist und in den Situationen aus dem Hier und Jetzt Aspekte enthalten sind, die mit der eigenen unverarbeiteten Traumatisierung verwandt sind. Was hier ganz deutlich wird ist, dass, wann immer man unter Traumfolgen leidet, wodurch auch immer, eine der wichtigsten Aspekte, die Nervensystemregulation und die dadurch entstehende Kapazität darstellt. Dass wir, indem wir stabilisieren, durch Selbstwirksamkeit, durch Nervensystemregulation, durch Entwicklung von Containment, dass wir dadurch einen Raum schaffen, der es uns erschwert, in eine Retraumatisierung zu geraten. Es ist also wirklich niemals anzuraten, schnelle Prozesse anzustreben, Methoden zu wählen, die schnelle Heilung versprechen und Methoden zu wählen die generell mit Exposition arbeiten, ohne dass man vorher lange genug eine Stabilisierung erwirkt. Wenn du noch einmal nachdenkst, was ich hier gerade alles erzählt habe im Bezug auf Retraumatisierung und dass das so viel damit zu tun hat, ob wir innerhalb unseres Stresstoleranzfensters sind oder nicht ,dann kannst du vielleicht noch besser verstehen, warum es so wichtig ist, sich in seinem Alltag in einem gewissen balancierten Zustand zu befinden. Wenn wir beispielsweise Traumatisierung in unserer Biografie tragen, wenn es da gewisse unverarbeitete Dinge gibt, wir vielleicht auch in Therapie sind und daran arbeiten, dann ist es sehr wichtig, dass wir uns vor einem Leben hüten, in dem wir in einen Dauerstress geraten. Dass wir immer dann, wenn die Belastung von außen sehr hoch wird, gut für uns sorgen. Dass wir dann, wenn die Belastung von innen sehr hoch wird, gut für uns sorgen. Dass wir dafür sorgen, dass unser Nervensystem nicht in die Notlage kommt, so hochgefahren zu sein, dass wir dekompensieren. Wenn wir uns zu oft und zu lange in Stressfeldern bewegen und nicht mehr regenerieren und uns erholen können, dann besteht die Gefahr der sogenannten Dekompensation, dass also Funktionsmechanismen und auch Kompensationsmechanismen auf einmal zusammenklappen und das Ganze unverarbeitete von Innen nach oben kracht. Also eine Art Retraumatisierung entsteht, allein durch Stress.

Innere Ausrichtung

Ein Aspekt ist noch wichtig zum Abschluss. Und zwar sich darüber bewusst zu sein, welche Rolle die eigene innere Ausrichtung spielen kann, für Stabilität bzw. für die Gefahr einer möglichen Retraumatisierung. Es ist also schön, wenn dir bewusst ist, dass du durch deine Gedankenkreise oder durch deine gedankliche Ausrichtung einen Rahmen schaffst, in dem dein Containment es leichter hat, zu wachsen. Es kann uns passieren, dass wir uns in Gedankenkreisen und Gedankenstrudel hineindenken, die uns in eine innere Verfasstheit bringen, die ein hohes Stressniveau erwirkt. Hier ist es wichtig, so etwas wie eine Bewusstheit hineinzubringen. Sich bewusst zu werden, mit welchen Gedanken und inneren Dialogen man sich vielleicht immer wieder selbst in hohe Stresspegel hineinbringt. Dazu ist bspw. zu empfehlen, Tagebuch zu führen oder so etwas zu tun, wie ein Dankbarkeitstagebuch zu führen und wertschätzende Gedanken aufzuschreiben, wertschätzendes und wohltuendes über sich selbst. Natürlich ist es immer gut, wenn du deine Ressourcen pflegst und auch hier dafür sorgst, dass deine Gedanken zur Ruhe kommen und du dich nicht in einen gedanklichen und emotionalen Kreislauf hineinbegibst, der dich massiv stresst. Deine Selbstachtsamkeit und deine Selbstzugewandtheit, dein Wohlwollen zu dir ist also auch hier wieder einmal die beste Prävention, der beste Schlüssel für möglichst wenig Ärger und möglichst viel Heilsames. In diesem Sinne wünsche ich dir ganz viel Klarheit und liebevolle Zugewandtheit mit dir selbst und eine schöne Achtsamkeit dir und deinen Mitmenschen gegenüber.

Shownotes:

 

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Ich wünsche dir viel Freude und Inspiration beim Lauschen. Ich freue mich riesig über Kommentare (z.B. auf Instagram @kreativetransformation), in denen Du teilst, was Dich in dieser Folge berührt hat. Ich freue mich sehr, dass wir verbunden sind!

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