#107 Wieso Abgrenzung für Menschen mit Entwicklungstrauma so schwer ist

Transformations - Inspiration

Abgrenzung ist ein superspannendes, vielschichtiges und reichhaltiges Thema. Ich beschäftige mich schon lange sehr viel mit diesem expliziten Thema... 

 

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In dieser Folge erfährst Du:

  • was Abgrenzung und Verbundenheit untrennbar macht
  • dass es versehrte Anteile gibt, die Abgrenzung Verhindern
  • dass Abhängigkeit dazu dient, Sicherheit zu kreieren
  • wie sich das neurobiologisch ausdrückt
  • dass es nie zu spät ist, gelingende Abgrenzung zu lernen

 

Mir ist im Laufe der Zeit, im Laufe meiner Praxiserfahrung immer bewusster geworden, dass für Menschen mit Traumafolgen und besonders für Menschen mit frühen Traumatisierungen oder Entwicklungs- und Bindungstraumatisierungen, Abgrenzung eine besondere Herausforderung darstellt. Auf diese Aspekte möchte ich in dieser Folge eingehen. Es ist dabei weniger relevant, ob du selbst betroffen bist oder nicht, denn Entwicklungstrauma ist ein sehr häufig vertretenes Phänomen. Du wirst also mit Sicherheit Menschen kennen, die das erlebt haben. Entwicklungstrauma ist auch etwas, was in unserer Gesellschaft sehr übersehen ist und die Folgen aus Entwicklungstraumatisierungen werden oft nicht erkannt und deswegen auch nicht entsprechend aufgefangen oder heilsam begleitet. Solltest du dich mit dem Thema Entwicklungstrauma noch nicht beschäftigt haben, dann schaue doch gerne einmal in die Shownotes. Dort findest du ein paar Links zu Podcastfolgen, in denen ich mich diesem Thema widme. Ich würde dich einladen diese Folgen zu hören, bevor du in diese Folge reinlauschst. Denn die Grundlagen, die ich dort beschreibe, können hilfreich sein, um das was ich hier erzähle noch tiefer zu verknüpfen mit den Informationen über Entwicklungs- und Bindungstrauma. Solltest du selbst betroffen sein, dann lade ich dich ein, wie so oft, beim Lauschen mit dir gut in Kontakt zu sein, dich zu beobachten, wahrzunehmen wie es dir geht, was für Reaktionen du vielleicht beim Lauschen, beim Zuhören spürst, was für Assoziationen oder Bilder oder Verknüpfungen in dir auftauchen, und ich mag dich einladen, das, was du wahrnimmst oder was dir einfällt, direkt zu notieren, damit du dich später gesammelt hinwenden kannst. Ich wünsche dir jetzt viel gewinnbringende und wohltuende Inspiration beim Lauschen oder Lesen.

Was ist Abgrenzung?

Das ist nicht die erste Folge, die ich über das Thema Abgrenzung aufnehme und es wird vermutlich auch nicht die Letzte sein. Denn dieses Thema ist in seinem Facettenreichtum schier unerschöpflich. Abgrenzung ist für sehr viele Menschen eine manchmal lebenslange Herausforderung, ein manchmal lebenslanges Lernfeld. Das hat schlicht damit zu tun, dass Abgrenzung und Verbundenheit in jeder Beziehung einen wesentlichen Bestandteil darstellen. In der Beziehung zu uns selbst und auch in all den Beziehungen in unserem Leben. Abgrenzung ist etwas, was uns dazu dienen soll, einen eigenen, inneren Raum zu wahren. So etwas wie einen intimen, heiligen Raum zu schützen. Abgrenzung ist auch etwas, was uns hilft, in der Klarheit zu bleiben, was zu uns selbst gehört und was zu einem anderen gehört. Abgrenzung ist das, was uns als Individuen erlaubt voneinander zu lernen. Wenn wir nicht abgegrenzt sind, sind wir in unserer Individualität und in unserer Einzigartigkeit nicht klar sichtbar. Mangelnde Abgrenzung hat sehr viele Folgen und nicht zuletzt auch Folgen, unter denen wir persönlich sehr leiden können. Darauf werde ich hier im speziellen in einem kleinen Augenblick eingehen. Sich abgrenzen zu können hat also, wie schon angedeutet, sehr viel mit Individuation zu tun. Mit der Fähigkeit und Möglichkeit, sich als eigenständiges und selbständiges Wesen wahrzunehmen. Vielleicht klingt das erst einmal nach etwas isoliertem oder nach etwas intellektuellem, aber es ist etwas ganz natürliches und auch ein natürliches Bestreben in uns Menschen, uns als Individuen wahrzunehmen, nicht zuletzt, damit wir uns auch verbunden fühlen können. Wir sind zwar aufs tiefste ausgerichtet auf Bindung und Verbundenheit, denn Bindung und Verbundenheit sind die wesentlichen Elemente, die uns Sicherheit geben und ein Zugehörigkeitsgefühl. Gleichzeitig jedoch gibt es in uns auch ein ganz natürliches Bestreben nach Individuation, nach eigenem, nach Autonomie. (Zu dem Thema Bindung und Autonomie, findest du in den Shownotes auch einen Hinweis auf eine Podcastfolge). Dich abzugrenzen von einem anderen Menschen, von einer Gruppe von Menschen, vielleicht von einem System bedeutet also, dich diesem Menschen, der Gruppe, dem System gegenüber als eine einzelne Person spürbar zu machen. Das kann sich unter gewissen Umständen bedrohlich anfühlen. Hier kommen wir zu dem Thema Entwicklungstrauma.

Durch stabile Verbundenheit zu natürlicher Autonomie

Ein Kennzeichen von Entwicklungstrauma ist das, dass die Verbundenheit zu den Bezugspersonen, die in der frühen Kindheit Sicherheit, Geborgenheit und Halt vermitteln sollten, unzuverlässig, brüchig oder gar bedrohlich war. Dass die Verbundenheit zu den Wesen, die einen inneren und äußeren Halt geben sollten, nicht solide war. Diese solide und stabile Verbundenheit zu unseren Bindungs- und Bezugspersonen brauchen wir aber als kleine Menschenwesen, um in die Lage zu kommen, ein Gefühl von Identität und Individualität entwickeln zu können. Nur die Verbundenheit und das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit ermöglicht es einem Menschen, einem Kind, sich auszuprobieren und das Gefühl von Autonomie und gleichzeitiger Sicherheit zu entwickeln. Um Autonomie zu entwickeln, müssen wir uns abgrenzen. Wir müssen uns entfernen von unseren Bindungspersonen, wir müssen etwas Eigenes tun, etwas, was abgegrenzt ist von den anderen. Wir müssen etwas tun, was uns unterscheidet von den anderen, damit wir das Gefühl von Autonomie und Eigenständigkeit entwickeln können. Auch damit wir das Gefühl von Selbstwirksamkeit entwickeln können, müssen wir uns ein Stückweit abgrenzen. Wir müssen uns z.B. durchsetzen als Kinder, dass wir etwas allein tun wollen, statt dass es uns jemand abnimmt. Es gibt gewisse Entwicklungsphasen in der frühen Kindheit, in denen „Nein“ oder „Alleine“ Lieblingswörter sind. Das sind die Phasen, in denen sich Autonomie entwickelt, in denen die ganz natürliche Abgrenzung beginnt, sich zu entwickeln. Ich möchte dir hier also vermitteln, dass Abgrenzung ein natürliches Bedürfnis ist und von Natur aus etwas ist, was nicht stressbeladen ist, aber unter gewissen Umständen entwickelt sich Stress.

Abhängigkeit statt Abgrenzung als Folge von Entwicklungstrauma

Wie schon erwähnt ist unter Entwicklungstrauma keine wirkliche Sicherheit durch die Bindungspersonen gegeben. In dem Maße, in dem es an Bindungssicherheit mangelt, mangelt es auch an der Möglichkeit, Abgrenzung zu lernen. Wenn die Bindung unsicher ist, dann ist in der kindlichen Psyche eine ganz starke Ausrichtung darauf, Bindungssicherheit selbst irgendwie herzustellen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass ein Kind, das sich nicht sicher gebunden fühlt, es sich nicht erlauben kann, sich von seiner Bindungsperson in einer Art und Weise abzuwenden, wie es ein Kind kann, das sicher gebunden aufwächst. Der Mangel an Bindung hat unter Umständen zur Folge, dass ein Mangel an Bedürfnis nach Abgrenzung entsteht. Die Bedürftigkeit, die aus dem Mangel an Verbundenheit entsteht, verhindert ganz einfach diesen Impuls sich abzuwenden und selbst etwas Eigenständiges zu entwickeln. Aus diesen frühen Prägungen entwickeln sich dann unter Umständen abhängige Persönlichkeitsstrukturen. Oder etwas milder gesagt, abhängige Bindungsmuster. (Auch dazu findest du eine Podcastfolge in den Shownotes, in der es um emotionale Abhängigkeit geht.) Gefühle der Abhängigkeit, die aus einem Mangel an Verbundenheit entstehen können, sind also sozusagen große Verhinderer für gelingende Abgrenzung. Wenn ich abhängige Tendenzen habe, dann bin ich schwer in der Lage, mich abzugrenzen, weil meine abhängige Bedürftigkeit mich gewissermaßen kontrolliert. Andere Bedürfnisse haben neben den abhängigen Bedürfnissen im Grunde keinen Platz. Ich mag das kurz an einem Beispiel erklären. Nehmen wir an, ein Kind entwickelt durch die unzuverlässige Bindungsqualität der Bezugspersonen, eine Bedürftigkeit nach Nähe und nach Sicherheit, die zu einem abhängigen Verhalten führt. Das Kind kann nicht alleine einschlafen, das Kind ist sehr übererregt, wenn es darum geht, allein gelassen zu sein oder etwas allein tun zu sollen. Das Kind ist mit seiner ganzen Wahrnehmung darauf ausgerichtet, die Bindungsperson wahrzunehmen, um, wenn möglich, ein Stück Verbindung und Kontakt zu bekommen. Für dieses Kind in seiner Not ist z.B. die Entfernung der Bindungsperson mit dem Gefühl des Alleinseins und des Verlassenwerdens verknüpft. Aus dieser Angst heraus, die tief im Inneren geprägt ist, entwickeln sich dann Verhaltensmuster in diesem Kind, das verhindern möchte verlassen und alleine zu sein. Diese Verhaltensmuster, diese Bindungsmuster sind später im Leben noch immer triggerbar, sodass ein Mensch, der dann erwachsen sind, der das erlebt hat, u.U. in den Momenten, wo Verlassenheit oder allein gelassen werden auch nur im Ansatz drohen könnten, alle eigenen, anderen Bedürfnisse, alle eigenen Grenzen und vielleicht manchmal sogar die eigene Würde hintenanstellt, um um keinen Preis verlassen zu werden. Noch einmal anders ausgedrückt, ist es in jedem Falle schwierig, sich als erwachsener Mensch abzugrenzen, wenn es innere, kindliche, abhängige oder bedürftige Anteile gibt, die derartige Ängste tragen, wie ich sie gerade beschrieben habe. Das kommt bei Entwicklungstrauma leider sehr häufig vor, weil eben die Bindungsebene, die Beziehungsebene, sehr belastet wurde. Diese Belastung schlägt sich dann später in den erwachsenen Beziehungen ebenso nieder.

Versehrte Anteile, die Abgrenzung verhindern

Es kann also sein, dass du als erwachsener Mensch, wenn du Bindungstrauma erlebt hast, in deinem Inneren noch Anteile aktiv hast, dass dort noch Anteile leben, die Abgrenzung auf eine gewisse Art und Weise verhindern. Nicht um dir zu schaden, sondern aus dem alten Erleben heraus, dass Abgrenzung genau das Gegenteil ist, von dem, was sie eigentlich brauchen. Denn sie brauchen Verbundenheit, Nähe und das Gefühl von Gemeinsamkeit und gemeinsamer Geborgenheit. Diese Anteile im Inneren haben eine gewisse, u.U. sehr starke, Wirkung, weil sie unter großem Stress entstanden sind. Das heißt, diese Anteile tragen immer noch den Stress von damals und dieser Stress schwingt dann auch mit in den Verhaltensmustern, die im heute noch stattfinden. Manchmal ist das insbesondere für die Betroffenen ziemlich quälend, weil man vielleicht kognitiv weiß, dass man sich hier keine Sorgen machen sollte, dass man mit den gewissen Verhaltensmustern den Anderen eher stresst und ihn dadurch vielleicht eher noch von sich wegtreibt, aber diese Anteile haben „Wumms“. Sie kommen nach vorne, wenn die Angst vorm Verlassen werden getriggert wurde. Infolgedessen passiert es dann häufig, dass sich Beziehungsmuster entwickeln, in denen die eigene Abgrenzung keine Rolle mehr spielt. Dazu kommt, das führe ich hier jetzt einfach mal fort, dass manchmal diese Anteile, die Angst haben, sich abhängig fühlen, Bedürftigkeit fühlen, Angst vor dem Alleinsein haben und all das, dass diese Anteile auch gewisse Überlebensstrategien tragen. Auch diese Überlebensstrategien oder auch Kompensationsstrategien für die starken Gefühle, die im Hintergrund wirken, verhindern häufig eine gelingende und würdevolle Abgrenzung. Beispiele hierfür sind all diejenigen, wo Menschen sich übermäßig anpassen, um zu gefallen und dadurch Sicherheit zu kreieren. Das sind also all die Muster, wo es schwerfällt oder nicht möglich ist, für sich einzustehen, eine eigene Meinung, ein eigenes Bedürfnis, eigene Anliegen nach vorne zu bringen. Das kennen viele Menschen auch ohne Entwicklungstrauma, aber bei Menschen mit Entwicklungstraumafolgen, ist das einfach nochmal in einer anderen Qualität präsent.

Wozu dienen Überlebensstrategien?

Wichtig ist mir hier das Wort "Überlebensstrategie". Anteile, die sich unter Entwicklungstraumastress entwickeln, sind Anteile, die einen wirklichen Überlebensstress hatten. Das sind Anteile, die aus der Zeit stammen und in der Zeit gebildet wurden, als existenzielle Bedrohung sozusagen im Inneren und auf eine gewisse Art auch im Außen an der Tagesordnung waren. Das bedeutet, dass die Überlebensstrategien dieser Anteile auch eine gewisse Kraft haben. Diese Kraft ist deswegen so wichtig zu verstehen, weil sie ursprünglich zum Überleben diente und deswegen etwas Bedingungsloses hat. Nicht selten erleben Menschen mit Folgen aus Entwicklungstraumatisierungen, dass sie sehr reflektiert sind, dass sie viel gelernt haben, dass sie ihre eigenen Themen und Baustellen sehr gut kennen und dass sie genau wissen, wie sie sich verhalten wollen würden, aber unter gewissen Umständen greift einfach die alte Strategie. Man hört sich Sachen sagen, die man nicht sagen möchte, man geht Kompromisse ein, die man schon lange nicht mehr eingehen wollte, man beugt sich einem inneren Muster der Vermeidung oder des Kompensierens. Man geht in eine Art Haltung dem anderen gegenüber, die nicht gut tut und dergleichen mehr, in unterschiedlichsten Facetten und diversesten Ausführungen. All diese unterschiedlichsten Ausführungen und Facetten haben gemein, dass die dahinterliegende Überlebensstrategie immer dazu dienen soll, eine Sicherheit wiederherzustellen. Dazu dienen Überlebensstrategien.

Scheinbare Sicherheit durch abhängige Beziehungsmuster

Bei Bindungs- und Entwicklungstrauma ist es jedoch so, dass diese Sicherheit möglicherweise nie bestanden hat. Dass es also das Gefühl von Sicherheit und wirklicher Gebundenheit, mit einer solchen Erfahrung im Hintergrund vielleicht noch gar nicht gibt. Dass sich dieses Erleben von wirklicher Sicherheit erst noch entwickeln muss, dass das etwas ist, was sich im weiteren Leben, in hoffentlich guten Beziehungen und guten Erlebnissen, nach und nach, nachbilden und nachentwickeln kann. Ich möchte auf einen wichtigen Punkt hinaus. Wenn wir uns vorstellen, dass jemand mit Folgen aus Entwicklungstrauma es gewohnt ist, eine Sicherheit herzustellen, die es gar nicht wirklich gibt, also sich plastisch gesagt, noch einmal klar gesagt, an die eigenen Bindungspersonen innerlich heranzuheften, um zumindest ein Gefühl von Sicherheit zu empfinden, auch wenn diese Person die Sicherheit nicht wirklich geben können, dann ist diese Person im Erwachsenenalter häufiger auch in Beziehungen oder in Situationen unterwegs, wo sie versucht, etwas festzuhalten, was es gar nicht gibt. Ich hoffe, dass das irgendwie nachvollziehbar wird, was ich hier meine. Ein Beispiel aus den abhängigen Beziehungsmustern wäre, dass ich mich an einen Partner/eine Partnerin binde, der/die mir nicht wirklich Sicherheit geben kann. Weil ich daran erinnert werde, dass mir jemand nicht wirklich Sicherheit geben kann, brauche ich noch mehr von diesem jemanden. Das heißt, ich werde auf der emotionalen Ebene abhängig und versuche, die Sicherheit zu spüren, die mir der/die andere nicht wirklich geben kann. Das bedeutet, ich bin daraufhin in der Bereitschaft und auch in der Lage, alle meine Grenzen hinter mir zu lassen, um nur irgendwie Verbindung und Sicherheit zu spüren. Das führt u.U. zu solchen Situationen oder Mustern, wo man alle möglichen Dinge tut, die einem überhaupt nicht entsprechen. Dass man sogar Dinge tut, die möglicherweise die eigene Würde, die eigene innere Zartheit verletzen, weil man um jeden Preis Sicherheit in der Bindung spüren will. Ich treibe das hier ein bisschen auf die Spitze, weil ich sichtbar machen will, wie stark und wie krass die Suche nach Sicherheit uns dazu verleiten kann, eigene Grenzen zu überschreiten. Das klingt vielleicht dramatisch und möglicherweise überspitzt, aber ich stelle es nur in Reinform dar. Natürlich ist es wichtig an dieser Stelle dazu zu sagen, dass keinesfalls Hopfen und Malz verloren sind, wenn man solche Erfahrungen macht oder in solchen Mustern steckt oder immer wieder in solchen Mustern landet. Es ist nie zu spät, gelingende Abgrenzung zu lernen, auch wenn Bindungs- und Entwicklungstrauma eine gewisse Rolle in diesem Themenfeld spielen. Bitte fühle dich von dem, was ich bis jetzt gesagt habe, nicht entmutigt, sondern nimm diese Ausführungen erst mal nur dazu, um zu reflektieren und um noch besser zu verstehen, weshalb Abgrenzung für manche Menschen wirklich eine mega Herausforderung ist.

Chronische Übererregung

Ich habe jetzt erklärt, was für Anteile Abgrenzung verhindern können, welche Kompensations- und Überlebensstrategien sie verhindern können und nun möchte ich noch auf einen Aspekt hinaus, der auch Abgrenzung erschwert, der in unserem Nervensystem begründet ist, wenn Entwicklungstrauma eine Rolle spielt. Menschen, die Entwicklungs- und Bindungstrauma erlebt haben, frühe sequenzielle Traumatisierungen erlebt haben, haben über lange Zeit enormen, krassen Stress erlebt. Das schlägt sich sehr im Nervensystem nieder. Man beschreibt ein Phänomen, das durch chronischen oder dauerhaften, großen Stress entsteht. Das ist die sogenannte "Übererregung". Wenn ein Nervensystem unter Stress gerät, dann wird es sehr stark erregt und es gerät u.U. in eine Übererregung, wenn der aufgebrachte Stresslevel bzw. das Energieniveau nicht wieder abgebaut werden kann. Dann bleibt eine Übererregung im Nervensystem haften. Das bedeutet, dass unser sympathisches Nervensystem dauerhaft sehr hochgefahren ist, mit all den Symptomen, die dazu gehören. Nervöse Angespanntheit, Ruhelosigkeit, eine Fahrigkeit, Konzentrationsschwäche, all das, was man mit dem Wort Hypervigilanz, also übermäßiger Wachsamkeit beschreibt. Wenn ein Nervensystem übererregt ist, dann ist es die ganze Zeit dabei, die Umgebung, das Umfeld, die Situation auf mögliche Gefahren hin zu überprüfen, zu scannen. Die chronische Übererregung ist ein Zustand, in dem sich ein Nervensystem befindet, der das dauerhafte Gefühl von Bedrohung oder mangelnder Sicherheit beinhaltet oder sozusagen suggeriert.

Überlebensmodus

Wenn wir in der Übererregung sind, wenn unser Nervensystem in der Hypervigilanz schwingt, dann sind wir in einem Überlebensmodus. Der Überlebensmodus ist dazu da, unser Überleben zu sichern. Der Überlebensmodus ist nicht dazu da, nette Gespräche zu führen, soziale Kompetenzen zu pflegen, sich auszutauschen und Kuscheligkeit zu erleben. Das ist leider im Überlebensmodus nicht inkludiert. Das bedeutet, wenn wir in der Übererregung, in der Hypervigilanz schwingen mit unserem Nervensystem, dann sind wir nicht in der Lage, uns wirklich verbunden zu fühlen. Das ist ein großes Dilemma für Menschen mit Bindungstrauma und einem chronisch übererregten Nervensystem. Es ist die stetige Sehnsucht nach Sicherheit da, aber es mangelt an der Kapazität, rein neurobiologisch gesehen, wirkliche Verbundenheit, also wirkliche Sicherheit zu spüren. Vor allem mangelt es an der Kapazität, die Verbundenheit zu einer eigenen Mitte zu spüren. Im Überlebensmodus der Übererregung sind wir nicht in der Lage, oder es kommt uns jedenfalls nicht von allein in den Sinn, uns mit unserem inneren, stabilen, ausgeglichenen Selbst zu verbinden. Das ist in diesem Modus neurobiologisch nicht möglich, da wir in diesem Modus tatsächlich nur in den Überlebensreaktionen funktionieren. Das bedeutet wiederum anders gesagt, dass wir in diesem Zustand nicht wirklich Zugriff haben auf die Aspekte sowohl unserer Neurobiologie, als auch unserer Psyche und unserer seelischen Verfassung, die es uns möglich machen, uns sicher und verbunden zu fühlen. Ich hoffe, ich kriege diesen „Teufelskreis“ gut dargestellt.

Die Bindungssuche

Wenn wir also in der Übererregung sind, aus dem Gefühl heraus, einsam, verlassen und in Not zu sein, ist es uns erschwert, uns sicher und verbunden zu fühlen, was eigentlich die Lösung wäre. Unsere Biologie hat es so eingerichtet, dass wir in der Übererregung als aller erstes eine Bindungssuche starten. Das heißt, noch bevor die Fluchtreaktion, die Kampfreaktion oder der Totstellreflex einsetzen, findet eine Bindungssuche statt. Denn das ist neurobiologisch so angelegt, dass wir zunächst versuchen, uns durch jemand anderen Sicherheit zu erschaffen oder gemeinsam Sicherheit zu kreieren. Menschen mit Bindungstraumatisierungen haben erfahren, dass die Bindungssuche scheitert. Das bedeutet, die Bindungssuche ist bei Menschen mit Bindungs- und Entwicklungstrauma in der Übererregung oft entweder völlig übersteuert in der Konsequenz. Das ist wieder die Richtung Abhängigkeit. Oder sie ist gänzlich abgeschaltet. Das würde so etwas bedeuten, wie eine empfundene, massive Abgrenzung, im Sinne von einem Mangel an möglicher Hinwendung. Wenn die Bindungssuche abgeschaltet ist, dann kommen Menschen in diesem Modus nicht mehr auf die Idee, sich jemand anderem zuzuwenden, um bspw. Trost oder Regulation zu erfahren. Das ist ein Aspekt der neurobiologischen Wirkung von Entwicklungstrauma. Hier gäbe es noch mehr dazu zu sagen, aber ich möchte die Nussschale nicht zu sehr beladen, damit sie auch noch hält.

Es ist nie zu spät, gelingende Abgrenzung zu lernen

Damit das Ganze nicht zu sehr an Schwere gewinnt, möchte ich jetzt natürlich gerne dazu kommen, etwas dazu zu sagen, wie Menschen mit diesen Prägungen aus diesen Prägungen und Strategien herausheilen können. Denn es ist wirklich, wirklich wichtig, was ich vorhin schonmal gesagt habe. Es ist nie zu spät, auch mit starken Folgen aus Entwicklungstraumatisierungen, ist es nie zu spät, gelingende Abgrenzung zu lernen. Denn gelingende Abgrenzung hat essenziell zu tun mit Verbundenheit zu sich selbst. Wenn du betroffen bist oder Betroffene kennst oder mit Betroffenen arbeitest, dann ist das, was zu tun ist, um die Abgrenzungsfähigkeit bei Entwicklungstraumafolgen zu stärken, die Verbundenheit zu sich selbst zu stärken. Dazu dienen unterschiedlichste Dinge. Z.B. die Regulation des eigenen Nervensystems zu lernen. Zu üben, aus Übererregungszuständen, auch aus chronischen, herauszufinden. Dazu ist es selbstverständlich wunderbar, wenn man therapeutische, fachkundige Begleitung hat, denn das Nervensystem zu regulieren, wenn man Traumafolgen kennt, ist eine ziemlich große Aufgabe, die einiges an Übung braucht und einen Prozess darstellt. Du findest auf meinem YouTube-Kanal und auch auf meiner Website eine kleine Webinar Reihe, wo ich 7 verschiedene Webinare gehalten habe, in denen ich Techniken vermittle, die man mit sich selbst gestalten kann, um Nervensystemregulation voranzutreiben und zu üben. Dazu mag ich dich als Betroffene/r oder Begleiter/in unbedingt einladen. Arbeite behutsam und stetig an der Selbstregulation deines Nervensystems. So dass du deine eigenen Zustände lernst, besser zu regulieren. Das ist das, was Menschen mit Entwicklungstrauma dringend lernen müssen, weil sie es in ihrer Kindheit unter den Umständen nicht lernen konnten. Das zu üben bahnt den Weg und macht den Weg einfacher, um in Verbundenheit mit sich selbst zu kommen. Verbundenheit zu sich selbst ist ein wesentlicher Bestandteil für gelingende Abgrenzung, wie gesagt. Deswegen auch noch einmal andersrum ausgedrückt, lade ich dich, falls du betroffen bist, definitiv dazu ein, alles zu tun, was dir ein gutes Gefühl mit dir selbst verschafft. Ganz egal, was es ist, solange es nicht in irgendeiner Weise schädigend ist. All das, was dir ein gutes Gefühl mit dir selbst gibt und was gesund ist, solltest du zu einer Priorität in deinem Leben machen, weil es dir Türen öffnet für gelingende Abgrenzung und damit auch für gelingende Beziehungen. Es gibt einiges, was hilfreich und wichtig ist zu tun, was nur dich und deine Beziehung zu dir betrifft, damit Abgrenzung gelingen kann, trotz dieser Traumafolgen. Darüber hinaus ist es natürlich wunderbar hilfreich, wenn du üben kannst, deine Kommunikation deinem eigenen inneren Erleben anzupassen. Dass du übst, deine Bedürfnisse, deine innere Befindlichkeit, deine Wünsche und auch deine Meinungen zu kommunizieren. Optimalerweise indem du von dir selbst sprichst, indem du also übst, von dir zu erzählen, dich sichtbar zu machen in der Kommunikation, in der Interaktion mit deinem Gegenüber. Denn Kommunikation ist quasi dann der Ausdruck gelingender Abgrenzung und natürlich auch gelingender Verbundenheit. Verbundenheit und Abgrenzung lassen sich wie gesagt nicht trennen. Sei bitte ermutigt, zuversichtlich zu sein, dass selbst wenn Abgrenzung für dich möglicherweise ein großes Thema ist in unterschiedlichsten Bereichen deines Lebens, dass es dir gelingen kann, das zu lernen. Übe dich und schenke dir den Raum, deine Fähigkeit zur Selbstregulation zu steigern. Unternehme alles, was dich unterstütz, deine Verbundenheit zu dir auf angenehme Art und Weise zu spüren. Finde heraus, was Verbundenheit mit dir für dich bedeutet und pflege das, mache es zur Priorität. Erlaube dir, deine Kommunikation zu üben, deine Kommunikation feinfühlig und klar zu gestalten, vielleicht zunächst, indem du beginnst, für dich aufzuschreiben, was deine klaren Wünsche, Bedürfnisse und deine Meinungen sind. Wenn du magst, vergiss bei alledem die Anteileperspektive nicht und erlaube dir, dich um deine versehrten, bedürftigen, abhängigen, ängstlichen Anteile zu kümmern. Optimalerweise auch hier mit therapeutischer oder fachkundiger Begleitung. Dann bin ich mit sicher, dass du wunderbare Erfolge erzielen kannst, vielleicht in ganz kleinen Schritten aber in Schritten, die in die richtige Richtung weisen. Sei ermutigt, erlaube dir, zuversichtlich zu sein, es ist möglich, das zu lernen, das zu etablieren und dadurch deine Lebensqualität zu steigern, die Qualität deiner Beziehungen zu steigern und einfach mehr in dein wahres Potenzial, in dein Leuchten, in dein Strahlen, in deinen ganz persönlichen Ausdruck zu kommen. Ich wünsche dir dabei, in diesem Sinne, wohltuende Erfahrungen und ganz heilsames Erleben.

Shownotes:

 

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Ich wünsche dir viel Freude und Inspiration beim Lauschen. Ich freue mich riesig über Kommentare (z.B. auf Instagram @kreativetransformation), in denen Du teilst, was Dich in dieser Folge berührt hat. Ich freue mich sehr, dass wir verbunden sind!

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