#106 Du bist im Widerstand - 4 Missverständnisse über Heilung

Transformations - Inspiration

Diese Folge entspringt einer Berührtheit, die mich immer wieder einmal ereilt, wenn ich gewisse Dinge höre oder Lese, die in der Persönlichkeitsentwicklungsszene, in der psychospirituellen Szene oder wo auch immer, gesagt oder geschrieben werden....

 

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In dieser Folge erfährst Du:

  • dass es Widerstand gegen Heilung oder Selbstsabotage nicht wirklich gibt
  • warum Menschen jammern oder klagen
  • warum Verurteilung nicht hilfreich sind
  • welche Haltung es braucht, um heilsam unterstützen zu können

 

Es geht hier um gewisse Haltungen und gewisse Positionierungen im Bezug auf die Prozesse anderer Menschen oder auch eigener Heilungsprozesse. Ich möchte auf ein paar, wie ich finde, grundlegende Missverständnisse eingehen, die in gewissen Heilungsprozessen oder Entwicklungsprozessen zu ganz schönen Belastungen werden können. Ich möchte auch hier ein bisschen für Klarheit und Gerechtigkeit für die Betroffenen sorgen. Denn viele dieser Missverständnisse über Heilung sind für Betroffene und ganz besonders für Betroffene von Traumafolgen wie Ohrfeigen, Schläge, wie Demütigungen. Da ich tatsächlich mit jeder Faser meines Seins für Gewaltfreiheit stehe, sowohl im Inneren als auch im Äußeren, ist es mir an dieser Stelle wichtig, diese ausgewählten Missverständnisse über Heilung anzusprechen und sie wieder aus der traumatherapeutischen Perspektive zu betrachten. Ich möchte voranstellen, dass es mir hier um eine innere Haltung geht, die ich mir für uns miteinander und in uns selbst wünsche. Es gibt ein paar Sätze, die mir immer wieder begegnen und die mich immer wieder betroffen machen und berühren. Diese Sätze entspringen meiner Meinung nach tiefen Missverständnissen über menschliche, innere Dynamiken und über innere gute Gründe. Ich nenne dir zunächst einmal diese 4 Sätze, die ich jetzt auseinandersetzen möchte. Sie sind sicherlich auch exemplarisch für so manch andere Sätze oder Meinungen über Betroffene oder Menschen, die sich in Entwicklung befinden.

Hier sind sie:

  • Du bist im Widerstand
  • Wer jammert, will nur Aufmerksamkeit
  • Wir lernen nur über Leiden
  • Nur traumatisierte Menschen verstehen traumatisierte Menschen

Nun hast du einen kleinen Ausblick über diese Folge und ich lege los mit dem ersten Satz.

„Du bist im Widerstand“

Die Sicht auf einen Menschen und das Gefühl er/sie sei im Widerstand drückt ein Gefühl des Beobachters aus. Der/Die Beobachter*in, der/die Begleiter*in, der/die Freund*in also die beobachtende Person bekommt den Eindruck, dass die betroffene Person sich in einem Widerstand befindet, sich selbst sabotiert, mögliche Heilungsschritte ablehnt, sich vielleicht wehrt und sich vielleicht sogar quer stellt- manchmal wird eine Absicht unterstellt. Dabei kommt die Überzeugung raus, der/die andere sei im sogenannten Widerstand. In der Regel wird diese Überzeugung oder diese Reflexion mit einer vorwurfsvollen Haltung kommuniziert. Die beobachtende Person fühlt sich meistens, in dem Moment, in dem sie das zur Aussprache bringt, in irgendeiner Weise gekränkt oder zurückgewiesen, vielleicht in ihrer Hilfsbereitschaft ausgenutzt und ist dementsprechend in einer gewissen Emotion.

„Widerstand“ = Selbstschutz

Wie kommen wir zu dem Gefühl, zu der Meinung, zu dem Eindruck, jemand sei im Widerstand? Das ist erst einmal eine wichtige Frage. Dieser Meinung, dieser Überzeugung geht irgendetwas voraus. Meistens das Gefühl oder die Idee, man wüsste was der/die andere braucht. Man hätte eine Lösung angeboten oder es gäbe Lösungen und die würden nicht ergriffen. Man hat also in sich das Bild oder die Idee was zu tun wäre und man fühlt sich aus irgendeiner Ebene heraus betroffen davon, dass der/die andere diese Chance oder Möglichkeit nicht ergreift. Wie du schon merkst an meiner Hinwendung zu diesem Satz, ich bin viel mehr bei demjenigen/derjenigen, der/die diese Idee hat und viel weniger bei demjenigen/derjenigen, dem/der sie unterstellt wird. Ich gebe dir an dieser Stelle einmal meine Sicht auf den sogenannten Widerstand. In meinen Augen gibt es keinen Widerstand gegen Heilung. In meiner Empfindung, die sich aus Erfahrung gebildet hat, gibt es so etwas wie eine Selbstsabotage nicht wirklich. Es gibt eine Menge, was so aussieht. Es gibt eine Menge Handlungen oder Nichthandlungen, eine Menge Glaubenssätze, eine Menge Überzeugungen in Betroffenen, die nach außen und auch für den/die Betroffene/n oft aussehen wie Selbstsabotage oder Widerstand. Wenn man diesem sogenannten Widerstand einmal auf den Grund geht, wird man aber herausfinden, dass er, wie so oft, ausschließlich eine Schutzstrategie ist. Wir können natürlich auch Schutzstrategien und die daraus entstehenden Muster bewerten, beurteilen und für schlecht befinden. Dann würden wir tatsächlich die Weisheit der Psyche, etwas pathetisch gesagt, mit Füßen treten. Widerstand als Selbstschutz verstanden ist wertzuschätzen. Sogenannte Selbstsabotage als Schutz zu verstehen bedeutet, sie zu verstehen. Wenn wir verstehen, dass ein sogenannter Widerstand, in welcher Form auch immer er sichtbar wird, im Grunde nicht mehr und nicht weniger ist als der Versuch etwas zu verhindern, vor dem im Inneren noch Angst empfunden wird oder was im Inneren noch als zu groß oder nicht händelbar empfunden wird, dann werden wir selbst vor diesem Gebaren in einer gewissen Weise demütig oder zumindest einmal tolerant. Ich glaube, es ist einer unserer größten sogenannten Fehler, dass wir unsere innere Weisheit stets unterschätzen, dass wir dazu neigen, sie zu unterschätzen, dass wir immer wieder davon ausgehen, dass der Mensch sich selbst schaden wolle. Dass der Mensch, der sich auf einem Heilungsweg befindet, der leidet, der in Not ist, der etwas trägt, zusätzlich zu seinem Leid und zu seiner Not sich selbst noch schaden wolle. Ich weiß, es gibt selbstschädigendes Verhalten, das ist ein feststehender Begriff und selbstverletzendes Verhalten ebenso. Das sind Symptome von Menschen, die schwer belastet sind. Sie dienen niemals zum Schaden, davon bin ich zu hundert Prozent überzeugt und darüber ist man sich hier auch landläufig, zumindest in der traumatherapeutischen Landschaft einig, sondern ursprünglich zum Schutz. Wenn wir also jemandem Widerstand unterstellen, bleiben wir auf einer oberflächlichen Ebene stecken. Dann unterschätzen wir das Bedürfnis, was hinter dem sogenannten Widerstand steht. Wir unterschätzen und missachten das Bedürfnis nach Schutz und dementsprechend auch die Not, die dahinter liegt und wir kreieren eine Bewertung, die schädigend sein kann. Ich mag dich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es eine Folge gibt, die den Titel trägt „Wenn dein Verständnis toxisch wird“. Diese Folge mag ich dir hier ans Herz legen, denn ich möchte einem weiteren Missverständnis vorbeugen: Es geht nicht darum, dass wir Menschen nicht ihre Verantwortung zumuten sollten, aber wir sollten ihnen ihrer Verantwortung auch insofern zumuten, dass wir ihnen erlauben, sie so ernst zu nehmen, dass wir davon ausgehen, dass sie nicht so naiv, stumpf oder kurzsichtig sind, dass sie ihr Leben damit verbringen, sich selbst zu schaden. Ich glaube nicht, dass es das gibt. Meiner Ansicht nach gibt es keinen Widerstand. Es gibt Menschen, die Muster leben, die so aussehen als würden sie damit andere Menschen nerven, belasten oder benutzen wollen. Natürlich gibt es diese Symptome und auch diese Muster. Manchmal steckt in so etwas wie Widerstand eine musterhafte Abhängigkeit oder ein den anderen Benutzen für dieses oder jenes, das kann alles sein. Das ist auch alles ernst zu nehmen und auseinanderzusetzen, aber es ist wichtig wahrzunehmen, dass selbst diese Muster nicht dazu da sind, sich oder dem anderen zu schaden. Es sei denn, das ist die Ausnahme, wir sprechen von Pathologien, die tatsächlich beinhalten, dass andere Menschen geschädigt werden. Wie zum Beispiel bei Formen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung oder der Dissozialen Persönlichkeitsstörung oder vielleicht noch ein paar anderen sogenannten „Störungen“, die dieses Potenzial beinhalten. Wenn wir hier von traumatisierten Menschen sprechen oder auch von Menschen, die nicht in dem Maße belastet sind, aber trotzdem ein inneres Leiden tragen, dann dürfen wir voraussetzen, es gibt Widerstände nicht wirklich. Ein Widerstand gegen Heilung, ist eine Idee aus dem Kopf des/der Beobachters/Beobachterin, der/die in sich berührt oder möglicherweise getriggert ist. Das ist eine gute Überleitung zum zweiten Missverständnis über Heilung.

Was steckt hinter jammern und klagen?

Häufiger hört man solche Sätze wie „Wer jammert, will nur Aufmerksamkeit“, „Wer jammert ertrinkt im Selbstmitleid und das ist sicherlich nicht hilfreich“.  Nun frage ich einmal, wie würdest du jammern definieren? Welche Art von Jammern macht dich aggressiv, bei einem anderen Menschen? Welche Art von Jammern ruft in dir eine Reaktion hervor? Nach meiner Beobachtung ist auch hier, wenn wir uns vom sogenannten „Jammern“ einer anderen Person betroffen fühlen, etwas in uns berührt. Es liegt in meiner und deiner Verantwortung herauszufinden was das ist. Natürlich kenne ich Klienten/Klientinnen, die klagen, die manchmal jammern. In meiner therapeutischen Arbeit gibt es dafür einen Platz. Denn Jammern und Klagen sind ein Ausdruck von Gefühl. Jammern und Klagen sind für viele Menschen etwas, was nie stattfinden konnte. Meistens jammern oder klagen Menschen, die etwas zu bejammern oder zu beklagen haben. Ich bin auch hier der Überzeugung, niemand jammert oder klagt aus Spaß an der Freude, sondern weil ein Leiden dahintersteht. Es ist wichtig anzuerkennen, dass es Anteile in uns Menschen gibt, die viel Leid tragen. Dass es besonders in Menschen mit Trauma in ihrer Biografie häufig kindliche Anteile gibt, die sehr schwer gelitten haben. Manchmal sind es kindliche Anteile, die in dem Jammern oder Klagen endlich Gehör finden. Manchmal sind das unersättliche Anteile, die man trösten kann und es wird nicht besser. Manchmal sind es Anteile, die so bedürftig sind, dass wir ihnen nicht wirklich Nahrung von außen geben können. An meiner Ausdrucksweise jetzt merkst du vielleicht auch wieder, dass ich mit dir hinter das sogenannte Jammern und Klagen schauen möchte. Auch hier möchte ich darauf aufmerksam machen, dass dahinter ein Leiden steht. Dass dahinter ein Bedürfnis steht. Ich weiß, auch aus meiner Begleitung in der Praxis, dass es Menschen gibt, die sich darin verhaken. Die in einem Klage- oder Jammerkreisel steckenbleiben und sich darin im Kreise drehen.

Wie kann man unterstützen?

Diese Menschen können sehr unterstützt werden, wenn man ihnen eine Hand reicht, um herauszukommen. Wenn man sie beispielsweise fragt, was brauchst du, damit du ein klein wenig Linderung erfahren kannst? Was brauchst du, damit du wieder etwas mehr von dem Guten, von dem Lichtvollen sehen kannst. Von dem, was jenseits des Beklagenswerten auch existiert. Denn Menschen, die im Jammern oder Klagen eingerastet sind, haben eine sehr eingeschränkten Sicht. Sie sind gewissermaßen in einer Emotionslage gefangen, aus der sie scheinbar nicht mehr herausfinden. Das ist traurig und schade und nichts worauf wir unbedingt mit Ablehnung oder Verurteilung reagieren sollten, meiner Meinung nach. Ich kann sehr gut verstehen, wenn das etwas triggert, denn es hat eine aufmerksamkeitskonsumierende Energie, wenn jemand im Klagen oder Jammern steckenbleibt. Wir spüren es, wir haben einen Sinn dafür, wenn jemand so eingeschränkt ist in seiner Wahrnehmung, dass er/sie auch nichts mehr von außen annehmen kann an Hinweisen oder Impulsen. Dann geschieht es manchmal, dass man sich als Zuhörende*r/Begleitende*r benutzt fühlt. Dass man das Gefühl hat, man wird gerade nur als Klagemauer missbraucht und man hat überhaupt keine Chance zu der Person durchzudringen. Das kann durchaus passieren. In einem solchen Klagekreislauf gefangen zu sein ist sicherlich etwas sehr Frustrierendes. Als außenstehende Person oder als Begleiter*in/Coaches/Therapeut*in/Freunde, sind wir in einer solchen Situation einmal wieder eingeladen bei uns zu bleiben. Es könnte sein, dass jemand nur Aufmerksamkeit will. Was ist daran verurteilenswert? Was ist daran verurteilenswert, wenn jemand im Selbstmitleid steckt? Nichts ist daran verurteilenswert. Es ist vielleicht zu beurteilen als weniger hilfreich, als nicht der Ort, an dem man sich die ganze Zeit und für immer aufhalten sollte, als der Ort, an dem man nicht unbedingt die wahnsinnigen Heilungspotenziale erfährt, aber es ist nicht zu verurteilen. Es ist einfach nicht unsere Angelegenheit und unsere Aufgabe das zu verurteilen. Wir Außenstehende sind nicht die, die in diesem Kreislauf feststecken. Wir sind nicht die, die gerade in diesem Leiden eine Stagnation erfahren. Wir sind diejenigen, die einen Blick auf den anderen haben, der gerade größer ist, als der Blick den er/sie auf sich selbst hat. Denn wir haben offensichtlich das Gefühl, es sei nicht so beklagenswert, was hier beklagt wird. Es sei nicht so unendlich, dieses Jammertal. Die Kunst für uns als Außenstehende ist es also, in dem Moment nicht in diese Dynamik einzusteigen. Ich weiß, das ist leichter gesagt als es manchmal getan ist, aber es ist eine Grundhaltung, die wir einnehmen können, dass wir nicht mit in diese Dynamik hineingehen. Dass wir uns also nicht zur Klagemauer machen lassen und dass wir nicht in die vorwurfsvolle Haltung gehen, dem/der anderen zu sagen, dass eine Klage nur eine Inszenierung von Selbstmitleid sei. Wir haben die Möglichkeit dem/der anderen eine Hand zu reichen oder ihm/ihr auch zu sagen, dass es uns an dieser Stelle nicht möglich scheint weiter hilfreich zu sein und dann einen Schritt zurückzutreten. Ich möchte hier kurz noch eine Differenzierung einführen, um nicht missverstanden zu werden. Selbstverständlich gibt es sowohl was das Thema Widerstand betrifft als auch was das Thema Jammern oder Selbstmitleid betrifft, Muster die destruktiv wirken. Es gibt passiv aggressive Verhaltensformen, wo Menschen mit ihrem sogenannten Jammern oder Klagen oder mit ihrem Selbstmitleid andere Menschen manipulieren. Das ist natürlich höchst unerfreulich und das ist nicht in Ordnung. Sich als Opfer zu inszenieren ist bspw. eine manipulative Raffinesse von malignen Narzissten. Das ist nicht die Mehrheit der Bevölkerung. Das ist nicht die Mehrheit, der von Trauma betroffenen Menschen. Das zur Differenzierung. Von solchen Spielen, Machtspielen und Machtmissbrauchsspielen sollte man sich natürlich deutlich distanzieren und die eigene Seite reflektieren, um sich aus solchen destruktiven Beziehungen zu befreien. In den allermeisten Fällen ist es jedoch so, dass Leute nicht klagen oder jammern ohne dass sie eine innere Not spüren. Ich mag auch hier wieder dazu einladen wahrzunehmen, dass egal wie es aussieht und egal was es in dir berührt, du davon ausgehen kannst, dass hinter diesem Muster, dem Verhaltensmuster eine Überlebensstrategie liegt. Dass darunter direkt eine Strategie liegt, die einstmals dem Überleben diente, oder die auf irgendeine Weise schützen soll. Vielleicht sind es bedürftige Kindanteile, die hier nach Aufmerksamkeit rufen im Jammern, weil sie nie Trost erfahren haben, weil sie immer allein waren, weil sie immer für sich selbst sorgen mussten. Vielleicht sind es jammernde Kindanteile, die immer gejammert haben und nie Trost erfahren haben. Ich mag dich also hier einfach in die Haltung einladen, daran zu glauben und davon auszugehen, dass alles einen Grund hat und dass du für diesen Grund nicht verantwortlich bist. Dass aber auch der/die andere für diesen Grund nicht verantwortlich ist, weswegen es ungerecht wäre ihn/sie zu verurteilen. Ich weiß aus jahrelanger Erfahrung und du und ich wissen es aus unserem Leben, dass das, was am wenigsten hilft, um Heilung zu erlangen, Druck ist. Natürlich kann es sehr hilfreich sein, wenn wir Menschen in unserem Umfeld haben, die uns so sehr schätzen und uns so wichtig nehmen, dass sie uns aufrichtig spiegeln, was sie an uns sehen und an uns wahrnehmen. Das sind oft die echten Freunde, das sind die echten und wahrhaftigen Freunde, die auch in der Lage sind widerzuspiegeln, was sie wahrnehmen und was sie stört. Hier macht allein der Ton die Musik. Menschen, die Trauma erfahren haben, fast alle, haben tiefe Beschämung erfahren. Fast immer ist Trauma mit Scham verknüpft. Was also Menschen mit Traumfolgen sicherlich nicht hilft ist, wenn sie erneut beschämt werden. Unterstellungen oder Vorwürfe haben schnell etwas Beschämendes.

„Wir lernen nur über Leiden“

Was für eine steile These. Ich weiß nicht so recht, woher sie kommt. Ob sie aus alten, spirituellen, religiösen Konzepten stammt, aus unserer Leistungsgesellschaft oder aus der schwarzen Pädagogik. In jedem Falle kann ich mir nicht vorstellen, dass die Evolution so eingerichtet ist, dass wir über Leiden lernen. Ich glaube viel mehr wir lernen über Erfolg. Meine Ansicht ist die, dass wir über das Überwinden von Leid lernen und nicht über Leiden. Dieser Satz hat etwas zu tun mit dem vorangegangenen, dass Jammern nur Aufmerksamkeitserheischen dienen soll oder, dass Menschen im Selbstmitleid suhlen, um sich nicht zu entwickeln. Hier wird oft ein Bild gemalt, dass wir, um zu heilen oder um zu lernen, mit der Nase in den Misthaufen hineinmüssen. Dass also nur eine harte Konfrontation mit dem Leid und mit dem Schmerz uns gestatten würde, uns weiterzuentwickeln. Ich glaube, das ist wirklich ein altes Konzept aus alten Schulen. Heute weiß man, und man kann das mit der Neurobiologie hervorragend belegen, dass wir dann am meisten lernen (also Neues lernen, nicht konditioniert werden), wachsen und uns entwickeln, wenn wir in einem guten, positiven Gemütszustand sind. Wenn wir unsere Selbstwirksamkeit spüren. Wenn wir nicht in Hilflosigkeit oder Ohnmacht gefangen sind. Das heißt, wir lernen nicht über Leiden. Sondern wir lernen über das Überwinden von Leiden. Es ist natürlich, ich glaube das ist auch klar, unumgänglich, dass wir uns in einer gewissen Art und Weise mit unserem Schmerz konfrontieren. Dass wir uns in einer gewissen Intensität mit unseren Gefühlen, unserer Innenwelt, unserem Leiden auseinandersetzen müssen. Aber die Idee, dass es nur dann wirkungsvoll ist, wenn es wehtut, die ist definitiv falsch. Noch dazu ist es ein interessantes Bild, oder? Wir sollen angeblich nur über Leiden lernen aber wir sollen dabei bitte nicht jammern oder klagen und wir sollen auch keine Widerstände haben. Das Menschenbild, das dahintersteckt ist schon ganz interessant, finde ich.

Durch stärken der Verbundenheit zu mehr Balance

Ich möchte gerne diesen Satz „Wir lernen nur über Leiden“, einmal in meine Perspektive setzen und dich einladen zu schauen ob dir das gefallen könnte. Wie gesagt, ich glaube nicht, dass wir über Leiden lernen. Ich glaube, die Art und Weise wie wir lernen und heilen können ist die, dass wir uns, uns selbst zuwenden. Dass wir die Verbundenheit zu uns selbst wieder entwickeln und stärken, die in der Regel unter Traumafolgen stark abgenommen hat. Die durch Traumatisierung stark beeinträchtigt wurde. Wenn wir die Verbundenheit zu uns selbst stärken, kommen wir automatisch in Kontakt mit unseren wahren Gefühlen, mit dem Versehrten in uns, mit dem, was gelitten hat, mit dem, was immer noch Schmerz trägt. Man könnte sagen, das ist der richtige Weg. Manche Leute sagen auch „Immer dem Schmerz nach!“ oder „Immer am Schmerz entlang!“. Das klingt überhaupt nicht attraktiv, aber ich glaube damit ist gemeint, was ich hier auch meine. Wir brauchen Verbundenheit zu uns selbst. Die Verbundenheit mit uns selbst und unserem versehrten bringt uns in Kontakt mit dem, was uns Leid erzeugt. Es braucht aber unbedingt eine gewisse Balance. Es braucht die Balance, dass wir nicht im Leiden versinken und dass wir uns nicht ausschließlich kathartisch im Schmerz winden und später wie Phönix aus der Asche hervorgehend, unseren Prozess meistern. Das sehe ich nicht. Wir dürfen uns bewusst machen, dass unser Nervensystem, das sich am liebsten in Balance befindet, weil dort die Lebensqualität nun mal die schönste und lebenswerteste ist, nicht davon profitiert, wenn wir uns ins Leiden hineindrängen. Wenn wir einer Haltung/Idee folgen, die uns suggeriert, wir würden uns nur dann entwickeln, wenn es uns schlecht geht. Sei eingeladen, die Idee anzunehmen oder für dich zu bewegen, dass die Hinwendung zu dir und deinem inneren Versehrten das ist, was Heilung bringt und, dass das nicht forcieren muss, dass es dir schlecht geht bzw. dass du keine Methoden wählen musst, in denen du gepusht wirst, in denen man dir in irgendeiner Weise suggeriert, dass du dich nur dann bewegst, wenn es dir schlecht geht. Das halte ich für nicht hilfreich.

 „Nur traumatisierte Menschen, verstehen traumatisierte Menschen.“

Dieser Satz ist kein Klassiker, aber er ist einer, der mir immer mal wieder in meinem Arbeitsfeld begegnet. Unter anderem gehen auch deswegen viele Menschen davon aus, dass bspw. ich selbst schwer traumatisiert worden sein müsste und das überwunden hätte. Es gibt erstaunte Rückmeldungen aus verschiedenen Interviews, die ich gegeben habe, dass Menschen überrascht sind, dass ich nicht selbst eine große Traumageschichte hinter mir habe. Ich werde im Laufe der nächsten Zeit noch mehr über den Traumabegriff aufklären, das ist mir ein Anliegen. Denn je mehr darüber gesprochen wird, desto diffuser scheint er mir auch zu werden. Ich möchte mich an dieser Stelle als Beispiel nehmen, weil ich mich schon ins Feld geführt habe und dir einfach sagen, selbstverständlich war mein Leben bis zum heutigen Tage nicht jeden Tag ein Freudenfest und auch nicht jeder Tag und besonders nicht in meiner Jugend, ist so verlaufen, dass ich sagen würde, da will ich unbedingt wieder hin zurück. So ist es nicht. Auch ich habe schwere Zeiten gehabt und Zeiten des Leidens. Auch ich habe gewisse Prägungen erhalten, die mich einen großen Teil meines Lebens sehr begleitet haben. Ich habe viel an mir gearbeitet, ich habe sehr viel an mir gearbeitet und zum Glück dabei viel Glück gehabt in den begleitenden Menschen. Aber ich habe keine Traumafolgen. Die traumatisierenden Erlebnisse, die mir widerfahren sind, konnte ich aufarbeiten oder sie haben sich integriert, u.a. deswegen, weil ich zum Beispiel sicher gebunden aufgewachsen bin, was natürlich eine grundlegende Resilienz als großes, wertvolles Geschenk im Leben mit sich bringt. Selbstverständlich habe ich dennoch ein Gefühl für Leid und ich weiß, wie es sich anfühlt, in den dunklen Ecke der Seele unterwegs zu sein. Sicherlich kann ich deswegen nicht unbedingt ganz genau nachempfinden, wie es jemandem gehen muss, der grauenvollste Dinge erlebt hat. Aber ich bin ein feinfühliger Mensch und ich erlaube es mir, mich in andere Menschen in einem Kontakt und einer Verbundenheit einzufühlen. Es wäre ziemlich schlimm, wenn nur traumatisierte Menschen, traumatisierte Menschen verstehen könnten. Wenn dem so wäre, wäre mein Anliegen, hier für Trauma zu sensibilisieren, für die Katz. Denn ich glaube fest daran, dass wenn wir mehr über Trauma und Traumadynamiken verstehen, einander auch besser verstehen können. Unabhängig davon, ob wir selbst traumatisiert sind oder nicht. Ich glaube daran, dass wir tief in unserem Inneren, in unserer inneren Weisheit genau wissen, was es bedeutet, traumatisiert zu sein. Schlicht und ergreifend einfach deswegen, weil wir selbst wissen, wie verletzlich wir eigentlich sind. Darauf könnte ich jetzt auch wieder eine Stunde eingehen, aber ich mache an dieser Stelle einmal einen Punkt.

Hinter allem steht ein Grund, ein Bedürfnis – finde eine Haltung um dich abzugrenzen

Ich möchte gerne nochmal Zusammenfassen, damit diese Folge einen Rahmen erfährt. Es geht mir jetzt noch einmal um die Haltung, in der du diesen Sätzen begegnen kannst. Ich lade dich ein, gehe davon aus, alles was einen Menschen bewegt hat einen Grund. Sein Widerstand, sein Jammern, sein Klagen, alles. Wenn du das so siehst, bedeutet das nicht, dass du ein toxisches Verständnis entwickeln muss, also alles verstehen und immer verstehen und dafür sein musst, sondern diese Haltung gibt dir die Möglichkeit, dass du es nicht zu deinem machst. Dass du es einfach beim anderen lassen kannst. Dass du wahrnimmst und anerkennst, es liegt in den tiefen Gründen, in der Persönlichkeit dieses Gegenübers begründet, dass er diese Verhaltensmuster an den Tag legt und es ist nicht etwas, was du zu deinem machen musst, wovon du dich auch nicht unbedingt provoziert fühlen muss. Erlaube dir also wahrzunehmen, dass indem du diese Haltung einnimmst, du eine Möglichkeit bekommst, dich zu distanzieren. Das Gleiche gilt für die Klarheit, dass du anerkennst oder davon ausgehst, dass hinter allem, was ein Mensch zeigt, ein Bedürfnis steht. Auch hinter einem Jammern oder einem Klagen oder einem Selbstmitleid. Hinter allem steht ein Bedürfnis. Wenn du das voraussetzt, dann kannst du unter Umständen dieses Bedürfnis sehen und dann entscheiden ob du dich davon abgrenzen möchtest oder du dich diesem Bedürfnis annehmen möchtest. Zu guter Letzt möchte ich dich gerne Fragen, was glaubst du, wozu dienen diese Überzeugungen? Die Überzeugung jemand sei im Widerstand? Die Idee, jemand möge nur Aufmerksamkeit, wenn er/sie jammert? Oder auch die Idee, dass man nur über Leiden lernt? Wozu dienen diese Sätze? Meiner Meinung nach dienen sie dazu, eine Distanz einnehmen zu können. Es sind alles Sätze, die den/die anderen oder sich selbst beurteilen oder verurteilen. Die Beurteilung hilft zur Distanz. Die Beurteilung und die Distanz helfen dazu, weg von dem zu kommen, was es in dir als Beobachter*in berührt. Wir können also uns selbst und den anderen zu ihrer Selbstverantwortung und unserer Selbstverantwortung verhelfen, wenn wir uns diese Dinge bewusst machen. Alles hat einen Grund, und dass wir darauf reagieren, hat auch einen Grund. Nicht zuletzt deswegen sind Therapeuten in ihrer Ausbildung gefordert, selbst eine Therapie zu machen. Sich selbst intensiv zu erforschen, intensive Selbsterfahrung zu machen, damit sie eben klarkriegen, was ihre Klienten/Klientinnen eventuell in ihnen berühren könnten. Es ist optimal, wenn ein*e Therapeut*in/Begleiter*in seine/ihre eigene Geschichte kennt. Sodass er/sie unterscheiden kann, was von ihm/ihr und was von seinem Gegenüber kommt. Klar, das ist für Therapeuten/Therapeutinnen, die beruflich arbeiten sehr sinnvoll. Das Prinzip können wir aber auch für gelingende, menschliche Interaktion anwenden. Dass wir dazu eingeladen sein dürfen, immer auch bei uns zu schauen: weshalb beurteile ich das Verhalten in einem anderen? Ist diese Beurteilung etwas, was wir Distanz erlaubt zu dem, was ich in mir fühle? Oder ist diese Beurteilung etwas, was mich unterstützt, endlich selbst eine Veränderung zu generieren und mich beispielsweise aus Beziehungen oder Kontexten zu befreien? Das ist nochmal ein kleiner Denkanstoß am Schluss und ich hoffe sehr, dass ich dich unterstützen kann mit meinen Ausführungen, diese Missverständnisse über Heilung sanft zu transformieren. Ich wünsche es mir so sehr, denn ich erlebe viele Verletzungen in diversen Kontexten, wo Menschen mit diesen Sätzen konfrontiert sind. Ich wünsche dir wohltuende Erfahrung im Beobachten von dem, was das in dir verändert.

Shownotes:

 

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Ich wünsche dir viel Freude und Inspiration beim Lauschen. Ich freue mich riesig über Kommentare (z.B. auf Instagram @kreativetransformation), in denen Du teilst, was Dich in dieser Folge berührt hat. Ich freue mich sehr, dass wir verbunden sind!

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