#105 Wenn dein*e Partner*in traumatisiert ist

Transformations - Inspiration

In dieser Folge hier soll es aber darum gehen, was hilfreich sein kann, wenn eine Person in der Partnerschaft Traumafolgen trägt und die andere Person von derartigen inneren Dynamiken nicht betroffen ist. Ich wünsche dir hilfreiche und wohltuende Inspirationen beim Lauschen bzw. Lesen...

 

 button blog YT       button blog itunes 

In dieser Folge erfährst Du:

  • wie du herausfinden kannst, ob dein/e Partner/in an Traumafolgen leidet
  • dass der Blick hinter die Muster lohnt und wichtig ist
  • welche innere Haltung du brauchst, um unterstützend sein zu können und gleichzeitig dich selbst nicht zu verlieren
  • was wichtig ist, um auf dem Heilungsweg gemeinsam zu wachsen

 

In meinem Podcast ist es mir ein sehr großes Anliegen über Trauma und Traumafolgen aufzuklären, hilfreiche, unterstützende Informationen zu geben, ganz besonders für Betroffene. Glücklicherweise gibt es dazu immer mehr zu finden im Internet, immer mehr Bücher, Ratgeber, einfach immer mehr Informationen. Etwas, was ich nicht in Hülle und Fülle vertreten sehe, sind Informationen für Menschen, die in Partnerschaften leben mit traumatisierten Partnerinnen oder Partnern. Diese Folge soll sich ganz einfach und unkompliziert einigen Fragen widmen, die für dich wichtig sein können, wenn dein/e Partner/in Traumafolgen trägt.
Wenn du selbst von Traumafolgen betroffen bist, dann könnte es also sein, dass diese Folge für deine Partnerin/deinen Partner hilfreich sein kann. Ich hoffe, dass ich mit dieser Folge ein paar Dinge noch einmal zusammenfassen kann, die unterstützend sind.  Ich mag dich einladen, ergänzend zu dieser Folge, der Podcastfolge #73 mit dem Titel „Trauma und Beziehung“ zu lauschen. Hier erkläre ich auch einige Dynamiken, die sich ergeben, wenn zwei traumatisierte Menschen aufeinandertreffen, was keine Seltenheit ist (Du findest sie in den Shownotes verlinkt).

Traumfolgen als eines der größten, unerkannten Probleme in Beziehungen

Ich bin überzeugt davon, dass ein Großteil der Probleme, die wir in Beziehungen erleben darin begründet ist, dass unerlöste, ungeheilte oder unintegrierte Traumatisierungen im Hintergrund wirken. Ich glaube, dass ein Großteil der Schwierigkeiten, die Menschen in Partnerschaften erleben, aus Traumafolgen heraus entstehen. Und ich bin überzeugt, dass uns das Wissen über Traumadynamiken sehr helfen kann, unsere Beziehungsqualitäten zu verbessern, aus diesen Dynamiken herauszuwachsen und insbesondere die Beziehung zu einem heilsamen Ort zu machen, für das was noch Heilung braucht.
Zu dieser Überzeugung bin ich nicht zuletzt dadurch gelangt, dass ich es in meiner Praxis als Trauma- und Paartherapeutin häufig bezeugen konnte. Ich habe viele Geschichten gehört, viele Geschichten bezeugt und miterlebt, in denen ein großer Schlüssel darin lag, dass der nicht traumatisierte Partner/die Partnerin, den traumatisierten Gegenüber besser und endlich verstehen konnte. Es bringt ein so großes Leid mit sich, wenn Traumafolgen, die manchmal sehr intensiv und heftig sein können, eine Bindung, eine Beziehung, die in ihrer Basis gut ist, eine Bindung/Beziehung, die von Liebe getragen ist, so stark belasten, dass Menschen an den Rand der Verzweiflung kommen. Das habe ich oft erlebt und ich bin für all die Momente dankbar, in denen sich hier tatsächlich zeigen durfte, was hinter diesen schwierigen, zur Verzweiflung bringenden Dynamiken eigentlich gesehen werden wollte. Es gibt zwei Ausgangsszenarien für meine Ausführungen. Das Erste ist das, dass in der Beziehung noch kein Bewusstsein für Traumatisierung und Traumafolge besteht. Dass es beiden noch nicht bewusst ist, dass eine Partnerin/ein Partner an Traumafolgen leidet. Das zweite Szenario ist das, in dem bereits ein Bewusstsein über Traumatisierung und Traumafolgen besteht und es also beiden klar ist, dass eine der Personen unter Traumafolgen leidet.

Leidet dein*e Partner*in an Traumafolgen?

Zunächst ein paar Worte zum ersten Szenario, in dem noch kein Bewusstsein dafür da ist. Das ist natürlich das ungleich schwierigere Szenario. Denn hier steht es für beide noch an, ein Bewusstsein zu erlangen und überhaupt einmal auf die Idee zu kommen, dass die Dynamiken in der Partnerschaft von Traumafolgen gespeist sein könnten. Um herauszufinden ob du selbst oder deine Partnerin/dein Partner unter Traumafolgen leidet, mag ich dir #72 meiner Podcastfolgen empfehlen. „Woran erkenne ich, dass ich traumatisiert bin?“ (siehe Verlinkung in den Shownotes). Hier bekommst du einen ganz groben Überblick darüber, woran man Traumatisierungen erkennen kann und dadurch die Möglichkeit, das, was du dort hörst, auf deine Partnerin/deinen Partner zu übertragen. Solltest du in deiner Partnerschaft wiederkehrende, destruktive Muster erleben, solltet ihr euch in Situationen wiederfinden, in denen ihr beide oder eine/r von euch völlig dysreguliert, in Ausnahmezuständen, emotional oder körperlich, steckt, dann ist es auf jeden Fall sehr, sehr sinnvoll, sich einmal ein wenig über Trauma zu informieren und auf die Suche zu gehen, ob hier vielleicht Trauma als Ursprung dieser Dynamiken vorliegen könnte.
Hierzu mag ich euch/dich einladen, euch professionelle Unterstützung zu holen. Bestenfalls eine Paartherapeutin/einen Paartherapeuten, der/die traumasensibel arbeiten kann. Denn das bringt 7 Meilenstiefel mit sich. Man kann so lange suchen und rumdoktern, üben und machten und tun. Man kommt nicht zum Erfolg, wenn die Arbeit nicht traumsensibel ist, weil Trauma andere Ansätze braucht.
Ich gehe jetzt nicht tiefer darauf ein, wie man herausfinden kann ob der Partner/die Partnerin traumatisiert ist, sondern jetzt tauche ich mit dir tief ein, was du tun kannst, wie du deine Partnerschaft unterstützend gestalten kannst, wenn du weißt, deine Partnerin/dein Partner ist traumatisiert oder wenn du zumindest viel Anlass hast, es zu vermuten.

Die Beziehung als größtes Heilungspotenzial und größte Herausforderung

Wenn deine Partnerin oder dein Partner unter Traumafolgen leidet, dann ist die Beziehung zwischen euch beiden ein sehr besonderer Ort für diesen Menschen. In Partnerschaften liegt das größte Heilungspotenzial und die größte Herausforderung.
Für Menschen mit frühen Traumatisierungen, mit Bindungs- und Entwicklungstraumatisierungen ist Beziehung etwas sehr Wesentliches im Leben und genau das Element im Leben, in dem sich die ganze Traumatisierung spiegelt. Das liegt daran, dass Bindungs- und Entwicklungstraumatisierung oder jegliche frühe Traumatisierung sich massiv auf das sogenannte Bindungssystem niederschlägt. Also auf das Erleben von Beziehung und Verbundenheit, auf das Erleben der Beziehung und Verbundenheit mit sich selbst und damit auf jede zwischenmenschliche Interaktion.
Die Folgen der Traumatisierung können sich also in jedem Bereich der Beziehung wiederfinden. In der Kommunikation, in der Körperlichkeit auch in der Sexualität, in dem Bedürfnis nach Nähe und Distanz, in allen möglichen Bereichen.

Toleranz und ein offenes Herz für die Versehrtheit

Was braucht also ein Mensch, der unter Traumafolgen leidet, von seinem Parter/seiner Partnerin? Bevor ich hier Details nenne, sei ein Prinzip ganz vorne an gestellt. Es ist sehr wichtig als Partner oder Partnerin von jemandem mit Traumafolgen, nicht in die Therapeutenrolle zu gehen. Menschen, die unter Traumafolgen leiden brauchen häufig therapeutische Unterstützung aber nicht von ihrem Partner oder ihrer Partnerin, sondern von Fachleuten außerhalb der Beziehung. Zu verstehen, was deine Partnerin oder dein Partner braucht, bedeutet nicht, dass du in die Situation kommst, dafür verantwortlich sein zu sollen. Es geht also niemals darum den anderen zu "reparieren". Es ist auch nicht deine Aufgabe, Lösungen zu finden oder Lösungen zu kreieren.
Was Betroffenen hingegen erfahrungsgemäß sehr hilft, ist zu spüren, dass du ein aufrichtiges Interesse daran hast, sie zu verstehen. Auch in ihren scheinbar unlogischen oder widersprüchlichen Verhaltensweisen oder Äußerungen. Dein Interesse daran, den anderen zu verstehen, gibt ihm ein wesentliches Gefühl. Nämlich das Gefühl, dass du in der Lage bist, nicht direkt zu urteilen oder zu verurteilen, sondern zuzuhören und dein Herz ein Stückchen offen zu halten. Das ist etwas sehr Wesentliches, denn Menschen, vor allem diejenigen, die Bindungs- oder Entwicklungstrauma erfahren haben, kennen das Gefühl von Bindungssicherheit nicht. Also das Gefühl, so sein zu dürfen, wie sie gerade sind und trotzdem nicht verlassen zu werden. So zu sein, wie sie sind, so zu fühlen, wie sie gerade fühlen, ohne dafür bestraft zu werden.
Um das klarzustellen: das soll nicht von dir abverlangen, dass du dir alles gefallen lässt, oder dass du jede Eskalation stoisch aushalten musst, darum geht es nicht. Aber es geht darum, bereit zu sein, hinter das Verhalten zu blicken und die Versehrtheit und die Bedürftigkeit hinter einem vielleicht dysregulierten oder unangemessenen Verhalten zu verstehen. Damit machst du einen riesigen Unterschied im Leben der betroffenen Person.
Das, was Menschen mit Traumafolgen häufig erleben ist, dass sie in ihrem „so sein“ nicht verstanden werden. Dass sie in ihren speziellen Empfindlichkeiten, oder in ihren speziellen Bedürfnissen verurteilt werden, was zu großem Leid führt. Betroffene verurteilen sich auch selbst häufig für ihr „so sein“. Wenn das in der Partnerschaft befeuert wird, dann ist Heilung etwas, was dort wenig Platz findet. Wenn aber in dir so etwas wie eine Toleranz entstehen kann, das was da ist, mitzutragen, machst du einen großen Unterschied.
Wie gesagt, kommt diese Toleranz aus deinem Interesse, verstehen zu wollen. Diese Toleranz soll nicht aus dem Bedürfnis herauskommen, um jeden Preis Harmonie zu stiften. Das wird nicht helfen und würde dir selbst schaden. Dazu lausche gerne meiner Podcastfolge „Wenn dein Verständnis toxisch wird“, damit du auch diese Grenze wahren kannst. Interesse am anderen hilft dir, seine Verhaltensweisen neugierig und wohlwollend zu betrachten, mit einem offenen Herzen, statt direkt in eine Verurteilung oder Abwehr zu gehen.

Eine reflektierte, wohlwollende, heldenhafte innere Haltung

Es kann sein, dass das unter Umständen sehr herausfordernd ist, denn Menschen die Traumafolgen aus Entwicklungs- und Bindungstrauma tragen, haben häufig eine gewisse Herausforderung mit dem Thema Nähe und Distanz. Es kann sein, dass du dich als Partner*in von einem betroffenen Menschen hin und wieder oder vielleicht sogar häufig oder regelmäßig zurückgewiesen fühlst. Dass du das Gefühl hast, der andere ist nicht in Kontakt mit dir. Ich kann mir vorstellen, ich weiß auch aus Erfahrung aus meiner Praxis, dass sich das sehr schmerzhaft und manchmal auch ganz ohnmächtig anfühlen kann. Ich mag dich einladen zu einer Art heldenhaften inneren Haltung, die in einem guten Gleichgewicht einen großen Unterschied für dich in deinem Inneren machen kann und auch für euch in eurer Gemeinsamkeit. Diese Haltung wäre die folgende:
Zunächst einmal davon auszugehen, dass es nichts mit dir persönlich zu tun hat. Zunächst also einmal davon auszugehen, dass du als Person nicht zurückgewiesen wirst, sondern vielleicht eine Energie in deinem Partner/deiner Partnerin berührt wurde, eine Erinnerung oder ein Zustand getriggert wurde, der es deinem Partner/deiner Partnerin in diesem Augenblick nicht möglich macht mit dir in Nähe, Verbundenheit oder gar Körperlichkeit zu sein. Versuche also, sofern es dir irgendwie möglich ist, dieses Gefühl der Zurückweisung nicht zu sehr auf dich zu beziehen. Zumindest nicht auf dich als Person. Es wird in einer Weile nach diesem Moment die Möglichkeit geben, das zu reflektieren, zu fragen, warum der andere Nähe oder gefühlt dich selbst zurückgewiesen hat.
Das ist ohnehin ein wichtiger Schlüssel, auf den ich später noch einmal eingehen werde, die Kommunikation. Es ist ein bisschen eine Gradwanderung was ich gerade gesagt habe, als ich dich eingeladen habe Dinge nicht persönlich zu nehmen, davon auszugehen, dass es nichts mit dir zu tun hat. Das ist in ganz vielen Fällen sehr hilfreich und eine wichtige Grundannahme, die man in einer solchen Paardynamik einbeziehen sollte. Es birgt aber auch die Gefahr, dass man vielleicht in die Haltung kommt, dass alle Schwierigkeiten nur im anderen begründet sind. Das darf natürlich bitte nicht geschehen. Es ist wichtig, dass du auch dich weiter selbst reflektierst in deinem Verhalten, deiner Art einzuladen oder zu fordern, was deine Bedürfnisse betrifft. Bitte verstehe mich hier nicht falsch. Ich mag dich einladen, die Dinge nicht direkt persönlich zu nehmen aber trotzdem selbstkritisch in wohlwollender Weise mit dir zu bleiben.

Keine Bindungssicherheit

Da Menschen mit Bindungs- und Entwicklungstrauma sehr viel Schmerz erfahren haben in Beziehungen, die ihnen wesentlich waren, kennen sie das Gefühl von Bindungssicherheit häufig nicht. Das ist eine große Not im inneren der Betroffenen. Es ist sehr schwierig für viele Betroffene, wahrnehmen zu können, dass du als Partner*in gerne an ihrer Seite bist und dass du nicht die Absicht hegst, zu gehen. Auch wenn dir das völlig klar sein mag und auch wenn es nach außen völlig klar wirken mag, kann es sein, dass es für deine/n Partner*in nicht immer zugänglich ist. Bindungssicherheit ist etwas, was sich langsam und stetig in einer tragfähigen und soliden Beziehung entwickelt.
Du kannst dir vorstellen, dass das Grundvertrauen, das Urvertrauen in den Menschen, in Traumaüberlebenden, tief erschüttert ist. Da du ein Mensch bist, gehörst auch du zu dieser Gruppe derer, die potenziell gefährlich sein können. Gefährlich deswegen, weil du wichtig bist. Je mehr Nähe und je mehr Intimität zwischen euch entstehen, desto bedrohlicher wirst du sozusagen auf einer Ebene. Nicht, weil du bedrohlich bist, sondern weil im Inneren das Gefühl von möglichem Verlust, von möglichem Schmerz in den Betroffenen stärker berührt werden kann.
Einerseits besteht hier also die Möglichkeit, dass der Betroffene Mensch etwas so wesentlich Heilsames und Nährendes lernt, nämlich dass hier Bindungssicherheit präsent ist. Andererseits ist die Nähe, die wachsende Nähe und wachsende Vertrautheit gleichzeitig ein Trigger für die alten Verletzungen. Wenn du das weißt, wird es dir möglich, die Schwankungen in den Bedürfnissen deines Partners oder deiner Partnerin anders zu verstehen. Manchmal brauchen sie viel Nähe, weil sie gerade in der Lage sind, sie aufzunehmen, zu tanken, Innigkeit zu spüren, das Bindungssystem zu nähren und manchmal, vielleicht sogar genau nach solchen Momenten brauchen sie wieder Distanz, weil innerliche eine Angst, eine alte Erfahrung ein alter Zustand getriggert ist.
Wohltuend ist es, wenn es dir gelingt, nicht in diese Dynamik mit einzusteigen. Wenn du wahrnimmst der andere verschwindet in sein eigenes Inneres und die Verbindung zwischen euch, der Kontakt zwischen euch, fühlt sich für dich gestört, abgerissen, betäubt an, dann erlaube dir, wenn es möglich ist, einfach da zu bleiben. Nicht zu sehr hinterherzugehen, sondern da zu sein und sozusagen empfänglich zu sein, für den Moment, in dem der andere wieder auftaucht. Vielleicht magst du die ein oder andere Einladung aussprechen, z.B. zu einer schönen Tätigkeit, die euch gemeinsam guttut.
Was Betroffenen nicht hilft ist, wenn man Druck auf die ausübt. Wenn man ihnen das Gefühl gibt, sie sollten sich zusammenreißen und wieder funktionieren. Das ist entsprechende einer alten Erfahrung häufig sehr schmerzhaft. Was hingegen hilft ist, wenn möglich, in Kontakt zu bleiben und zu Kommunizieren.

Kommunikation als Schlüssel

Hier bin ich bei dem Punkt, den ich vorhin erwähnt hatte, wie wichtig Kommunikation in einer solchen Partnerschaft ist.
Ein Merkmal von Trauma ist Unverbundenheit, ein weiteres Merkmal ist, auch daraus folgend, mangelnde Kommunikation. Allein darüber könnte man natürlich stundenlang sprechen. Ich mag dir nur ein Prinzip an die Hand geben. Das Prinzip lautet „Bleibe in Kommunikation, auch wenn die Distanz groß ist“. Diese Kommunikation kann vielschichtig sein. Wie gesagt, Einladungen zu gemeinsamen Tätigkeiten, vielleicht ganz einfach ein Lieblingsessen kochen oder auch die Frage zu stellen „Weißt du, was du brauchst?“. Es ist für Betroffene sehr hilfreich, wenn du signalisierst, dass du da bist, auch wenn sie gerade auf Rückzug sind. Dass du also da bist, wenn sie zurückkommen. Das hat etwas sehr Achtungsvolles und Respektvolles und natürlich auch etwas Selbstloses.

Vielleicht sage ich das an dieser Stelle einmal ganz deutlich:

Sei kein/e Therapeut/in, sondern bringe Verständnis mit.

Möglicherweise machen meine Ausführungen den Eindruck, dass du als Partner*in von einem Betroffenen von Traumafolgen eigentlich ein Heiliger sein müsstest. Das ist nicht das was ich sage. Ich sage nicht, dass du selbst bedürfnislos sein solltest, unverletzbar sein solltest, immer genau wissen solltest, was zu tun ist, stoisch sein solltest, endlos geduldig sein solltest und dergleichen mehr, das meine ich nicht. Aber wenn du selbst nicht von Trauma betroffen bist, dann bist du definitiv der Mensch in dieser Konstellation, der die Fähigkeit dazu hat, einen Raum zu halten. Eine Fähigkeit, die der andere noch nicht hat. Du hast, wenn du selbst nicht betroffen bist, die Fähigkeit und dadurch die Möglichkeit, deine Beziehung/eure Beziehung zu einem Raum zu machen, in dem tiefe Heilung geschehen kann, ohne dass hier einer therapeutisch ist. Du bist tatsächlich in dieser Konstellation der Mensch, der es leichter hat, auch wenn die Traumadynamik dich selbst betroffen macht, auch wenn du vielleicht selbst manchmal deswegen Verletzungen einsteckst.
Dennoch erlaube dir also bewusst zu sein und wahrzunehmen, dass du dich in einem wesentlichen Punkt von einem Betroffenen, einem Traumaüberlebenden unterscheidest.
In dem wesentlichen Punkt, ganz einfach gesagt, dass du selbst nicht von deinem Inneren bedroht bist.
Menschen, die Trauma überlebt haben, haben in ihrem Inneren so viel zu bewältigen, so viel intensives Gefühl, so viel intensive Empfindungen, so viel Schmerzhaftes oder auch manchmal Zerreißendes, dass es nicht leicht ist, es mit sich selbst auszuhalten.
Du bist das größte Geschenk in diesem Außen einer betroffenen Person, dass du nur sein kannst, wenn du dir erlaubst, da zu sein. Es ist ein unglaubliches Geschenk für Betroffene, wenn sie spüren können, es gibt jemanden, der sie liebt. Es gibt jemanden, der sie nimmt, so wie sie sind. Es gibt jemanden, der sie anerkennt in ihrem Schmerz, in ihrer Verletztheit, in ihrer Art zu sein.
Das ist vielleicht eine ganz neue Erfahrung, vielleicht bist du der erste Mensch in ihrem Leben, dem sie so viel von sich anvertrauen. Vielleicht bist du der erste Mensch in ihrem Leben, dem sie so viel Vertrauen schenken, dass sie sich so sehr gefährden, wieder verletzt zu werden. Nimm dieses Vertrauen nicht als Last wahr, sondern nimm es als Geschenk wahr, denn es sagt etwas über dich. Es sagt etwas über dein Herz und es sagt etwas über das Potenzial eurer Beziehung. Das sei an dieser Stelle noch einmal ganz klar erwähnt. Noch einmal auf den Punkt gebracht: Sei kein Held, sei kein/e Therapeut/in, sei nicht die Person, die ein grenzenloses, toxisches Verständnis entwickelt, aber bringe deine Fähigkeiten ein.
Dein Verständnis, deine Möglichkeit präsent und da zu sein und dem anderen das Gefühl zu geben, dass er so wie er ist, in Ordnung ist. Wenn du derjenige bist, der nicht unter Traumafolgen leidet, dann ist das dein Geschenk an die Beziehung, Bindungssicherheit und Stabilität zu vermitteln, auch wenn es im Inneren des anderen sehr hoch her geht.

Trigger verstehen, Co-regulieren

Ich möchte noch auf einen wichtigen Punkt eingehen. Es geht um das Thema Trigger. Menschen, die unter Traumafolgen leiden, erleben sich immer wieder einmal in unterschiedlichsten Qualitäten oder Abstufungen in einem dysregulierten Nervensystem. Das bedeutet, dass sie sich selbst häufiger nicht gut regulieren können. Dass sie vielleicht in Stimmungen geraten, aus denen sie nicht wieder herausfinden. Dass sie vielleicht durch verschiedene Trigger im Außen, im Inneren auf eine Art und Weise aktiviert werden, die sie in Zustände katapultieren. Das bedeutet, dass zum Beispiel ein Verstummen stattfindet. Dass jemand sich zurückziehen muss, dass jemand an die Decke geht, weil er etwas in einer Weise interpretiert, die ihm sehr wehtut.
Ein dysreguliertes Nervensystem zeigt sich auch in Unruhe, in Schlafstörungen und in jeder Menge möglichen Kompensationsstrategien wie Ablenkung durch sich nicht fühlen oder auch Ablenkung durch ganz viel Arbeiten. (Dazu hörst du viel in den genannten Podcastfolgen oder auch noch in ein paar mehr, die du in den Shownotes findest.) Manchmal gibt es natürlich auch solche Symptome wie Panikattacken, Angstzustände und dergleichen mehr. Wenn du merkst, dass deine Partnerin/dein Partner in einen dysregulierten Zustand gerät, wenn also ihr/sein Nervensystem so getriggert wurde, so angeregt ist, dass sie/er sich selbst schwer regulieren kann, dann kannst du unter Umständen eine Wohltat für diese Person sein.
Wenn es an Selbstregulationsfähigkeit mangelt, dann hilft Menschen, die betroffen sind, die Co-Regulation. Wenn du deiner Partnerin/deinen Partner dabei unterstützen kannst, sich selbst wieder zu regulieren, zu beruhigen, zu entspannen oder wieder lebendiger zu werden, dann betreibst du aktiv Co-Regulation. Du bist sozusagen der Mensch im Hier und Jetzt, der dem anderen die Hand reicht in das Innere Erleben des Abgeschnitten seins, des nicht Fühlens, des gefangen seins in der Vergangenheit, um ihm dort herauszuhelfen. Du reichst also eine Hand ins Hier und Jetzt.
Das bedarf keiner therapeutischen Intervention, sondern das bedarf schlicht des wohlwollenden Zugewandtseins, des wohlwollenden Verbundenseins.
Co-Regulation ist ein riesiges Geschenk, was du einem Betroffenen machen kannst. Es bedeutet, dass du dem anderen einen Raum bietest, in dem er oder sie mehr und mehr lernen kann, sich selbst zu regulieren. Ganz einfach gesagt kann Co-Regulation ganz gut darüber gelingen, mit dem anderen in Kontakt zu treten. Sanft den Augenkontakt aufzunehmen, vielleicht, wenn es gewünscht ist, einen leichten, völlig unverfänglichen Körperkontakt aufzunehmen oder etwas gemeinsames, entspannendes, angenehmes zu tun. Vielleicht gemeinsam Musik zu hören, gemeinsam zu lesen, der eine liest dem anderen etwas vor, man geht zusammen spazieren, man holt ein Fotoalbum raus, vom letzten, schönen Urlaub oder irgendetwas in der Art, was die Interaktion der Verbundenheit stärkt. Die Verbundenheit mit dir, wenn du in einem regulierten Zustand bist, ist ein riesiges Geschenk für den anderen. Dein reguliertes Nervensystem kann ein wunderbarer Leuchtturm sein, im eigenen Inneren Ozean, in dem man manchmal als Betroffener versinkt. Wenn du den Kontakt und die Verbundenheit anbietest, dann gibst du dem anderen die Möglichkeit, wieder aufzutauchen. Das ist wie gesagt ein großes Geschenk. Das soll allerdings keine Abhängigkeit suggerieren.
Du bist hier schließlich und letztlich der liebende Mensch im Leben des anderen. Wenn er dich brauchen darf, dann hat das nichts mit Abhängigkeit zu tun, sondern mit menschlicher, ebenbürtiger Unterstützung. Das ist wichtig zu wissen. Es wird schnell verwechselt. Wir dürfen einander helfen, wir dürfen einander unterstützen und das muss noch lange nicht bedeuten, dass Abhängigkeiten entstehen.
Deine regulierte Präsenz ist ein sehr heilsames Elixier für betroffene Partner*innen.

Sich Unterstützung gönnen


Damit eure Beziehung nicht vom Trauma regiert wird, ist es natürlich wirklich zu empfehlen, dass ihr euch gemeinsam in eine traumasensible Paartherapie oder ein traumasensibles Paarcoaching begebt. Es wäre so hilfreich, wenn ihr die Dynamik mit einem Fachmenschen besprechen könntet, damit sowohl du als auch deine Partnerin/dein Partner hilfreiches Handwerkszeug, Tipps und Tricks an die Hand bekommt, um Dynamiken zu balancieren. Dazu gehört unter anderem auch, dass man Trigger ausfindig macht, dass man Trigger versteht. Dazu hast du in der Folge #73 einige Beispiele gehört, oder wirst sie hören, wenn du reinlauschst. Es ist wichtig, Trigger zu verstehen. Das gehört hier zum Prozess.
Es ist auch wichtig zu verstehen und in einer solchen Begleitung herauszufinden, was wird vielleicht in dir getriggert, als dem nicht Betroffenen. Was sind deine Reaktionsweisen? Du bist kein/e -und sollst es auch nicht sein- Heilige/r, sondern ein fühlender Mensch. Ich rate also sehr zur Begleitung. Natürlich rate ich auch dazu, dass die betroffene Person, die unter Traumafolgen leitet, eine therapeutische Begleitung haben sollte, denn es ist zu viel verlangt/erwartet, wenn man davon ausgeht oder sich wünscht, dass Heilung des Traumas vor allem in der Beziehung stattfindet. Lange nicht alles hat in einer Beziehung Platz. Manche Inhalte, manche Erfahrungen aus der Biografie von Betroffenen sind woanders besser aufgehoben. Besonders die Inhalte der Traumatisierungen müssen vielleicht gar nicht zwischen euch einen Platz finden. Du solltest also auch nicht zu neugierig sein oder drängend auf Inhalte. Das ist nicht immer relevant. Was relevant ist, ist dein Interesse, den anderen zu verstehen, deine Präsenz und wie gesagt deine Bereitschaft ihn/sie anzunehmen, so wie er/sie ist, ohne dass du dich dabei selbst verlässt.

Mach Dich schlau

Ich mag dich als Partner*in einer betroffenen Person auch dringend einladen, dich über Trauma schlau zu machen. Es gibt zahlreiche Bücher, es gibt reichhaltig Information, auch in meinem Podcast hier, wo du einiges erfahren kannst über die Dynamik von Trauma. Je mehr du selbst verstehst, desto leichter fällt es dir, Dinge einzuordnen, desto weniger nimmst du persönlich, desto gelassener und stabiler bist du in eurer Beziehung, die ein wunderbarer Ort für euch beide sein soll.

Achtsam auf dem gemeinsamen Heilungsweg

Zum Schluss möchte ich noch zwei Dinge sagen. Wenn du mit jemandem zusammen bist, der unter Traumafolgen leidet, ist es toll, wenn euer Beziehungsraum ein Raum ist, in dem wenig oder kein Stress stattfindet. Ein Raum, in dem einfach Raum ist. Versuche also, wenn du möchtest, den Stress rauszunehmen, wenn welcher da ist. Lasst euch Zeit für eure Prozesse, holt euch Unterstützung für eure Prozesse. Stress ist immer ungünstig für Menschen mit Trauma. Für Menschen ohne Traumafolgen selbstverständlich auch, aber Menschen mit Traumafolgen haben so viel in ihrem Innern zu bewältigen, dass sie dafür schon ein gewisses Maß an Kraft brauchen und Stress im Außen raubt zusätzlich Kraft.

Außerdem darf dir bewusst sein, als Partner*in von jemandem der Traumafolgen trägt, dass immerzu eine spezielle Achtsamkeit hilfreich und manchmal von Nöten sein wird. Diese spezielle Achtsamkeit, wohlwollend, wahrnehmend für den anderen zu sein und auch als Betroffener für sich selbst, kann eurer Beziehung eine ganz besondere Qualität geben. Achtsamkeit für den anderen, für die eigene Dynamik, für die Paardynamik ist etwas, was einer Beziehung einen besonderen Glanz und eine besondere Wärme gibt. Füreinander wahrnehmend und aufmerksam zu sein, ist eine wunderschöne Energie in einer Beziehung. Die Traumatisierung des anderen muss also auf Dauer keine Belastung darstellen, sondern sie kann einen Weg darstellen, in eine Beziehungsqualität hinein, in der ihr beide in einer Tiefe verbunden seid, die euch eine besondere und sehr, sehr wohltuende Bindung schenkt. Dazu möchte ich dich ermutigen, das im Blick zu haben.
Trauma muss nicht für immer belastend sein, sondern Heilung und Integration von Trauma führt zu einer erhöhten Achtsamkeit, zu einer erhöhten Tiefe in der Verbindung. Zu einer höheren Qualität von Nähe und Verbundenheit. Zu einem höheren Ausmaß an Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit. Es kann also sein, dass dein Partner/deine Partnerin für dich ein großer Lehrer ist und du für sie oder ihn eine große Unterstützung. Ihr beide seid ein Team. Ihr seid vielleicht sogar eine Familie. Ihr seid Menschen, die zusammen dafür stehen, der Liebe Raum zu geben, die wahrhaftig ist. Das, was der Liebe immer einmal wieder im Weg steht, wohlwollend mit Licht zu betrachten und sanft und in Ruhe, besonnen und bewusst zu lösen. Daran glaube ich fest und das auch, weil ich es schon häufiger bezeugen durfte.

Ich denke es sind vielleicht einige Fragen aufgekommen, vielleicht sind einige Fragen offengeblieben. Ich freue mich, wenn du mir darüber in den Kommentaren zu diesem Video oder diesem Podcast bescheid gibst und ich diese Fragen als Anregungen nehmen kann für weitere Folgen.

Shownotes:

 

button termine

Meinen Podcast findest du auch auf: iTunes

Auf meinem YouTube-Channel 

Spotify und allen weiteren kostenlosen PodcastApps

Ich wünsche dir viel Freude und Inspiration beim Lauschen. Ich freue mich riesig über Kommentare (z.B. auf Instagram @kreativetransformation), in denen Du teilst, was Dich in dieser Folge berührt hat. Ich freue mich sehr, dass wir verbunden sind!

Wenn Du künftig keinen Podcast mehr verpassen möchtest, melde Dich gerne zum kostenlosen Newsletter an.

 

LEBE KREATIVE TRANSFORMATION

Tausche Dich mit anderen kreativen, wachen Menschen in meiner Facebookgruppe aus: Transformationsinsel

Meditiere mit mir und anderen für Deine Kreative Transformation beim kostenlosen Online Mediabend:

 akademie header txt VK