#96 Kontaktabbruch mit den Eltern?

Transformations - Inspiration

Generell die Frage des Kontaktabbruches mit den Eltern oder Elternteilen ein Thema der Abgrenzung...

 

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In dieser Folge erfährst Du: 

  • warum ein Kontaktabbruch zu toxischen Familienmitgliedern möglicherweise sinnvoll oder sogar notwendig ist
  • dass man als Betroffene*r viel Klarheit braucht
  • dass man Kapazität entwickeln muss, um heilen zu können
  • was es braucht, um einen Kontakt abzubrechen bzw. zu pausieren
  • welche Ängste in diesen Prozessen sind und wie du damit umgehen kannst

 

Wie so oft habe ich zu dem Thema, was ich heute mit dir gerne teilen möchte, schon die ein oder andere das Thema berührende Folgen aufgenommen. Falls du dich noch nicht mit dem Thema Narzissmus, narzisstische Persönlichkeitsstörung oder toxische Beziehungen auseinandergesetzt hast, dann habe ich da ein ganzes Bündel an Folgen für dich, die du vielleicht auch zuerst einmal anhören möchtest. Du findest diese Reihe und alle dazugehörigen Folgen in den Shownotes verlinkt.

Ein Thema der Abgrenzung

Abgrenzung ist etwas, was hier ganz prominent eine Rolle spielt und Abgrenzung ist für viele Menschen, die frühe Traumatisierung erlebt haben, Bindungs- oder Entwicklungstraumatisierung erfahren haben, ein ganz großes Lebensthema. Es spiegelt sich nicht zuletzt in dieser Frage „Soll ich den Kontakt zu meinen Eltern abbrechen, oder soll ich das nicht tun?“. Zunächst einmal darf klar sein, dass ein Mensch, der sich diese Frag stellt, Gründe hat, sich diese Fragen zu stellen. Solltest du schon jemals mit dem Gedanken umgegangen sein, ob du dich zu deinen Eltern sehr distanzieren solltest, dann bist du mittendrin in einem Prozess oder in einer Bewegung, die ganz viel mit Abgrenzung, mit Abnabelung, mit Positionierung und dem Wunsch zu heilen, zu tun hat. Ich gehe in dieser Folge und den Auseinandersetzungen in dieser Folge von Eltern-Kind-Beziehungen aus, die giftig, schädigend, toxisch sind und die vor allem vor dem Hintergrund der narzisstischen Prägung des jeweiligen Elternteils zu betrachten sind. Ich spreche also explizit von psychischer, seelischer, emotionaler Gewalt, die in der Kindheit dem/der Betroffenen widerfahren ist. Ich spreche auch davon, dass Eltern in diesem Fall an ihren Kindern zu Tätern wurden. Es geht mir hier nicht darum, diese Menschen, die zu Täterinnen oder Tätern wurden, abzuwerten oder in irgendeiner Weise hier mit einer Schuldkeule um mich zu hauen - das liegt mir fern - es geht mir schlicht darum, die Dinge beim Namen zu nennen. Es soll hier in dieser Folge um die Opfer der Gewalt gehen und darum, wie sie ihr Leben so gestalten können, dass sie heilen können.

Heilung braucht Sicherheit

Du hast vielleicht, wenn du die anderen Folgen von mir zum Thema schon gehört hast, auch vernommen, dass wir sehr schwer bis gar nicht in einem toxischen Umfeld heilen können. Damit will ich kurzgesagt oder vorweggenommen sagen, dass der Kontaktabbruch zur Familie oder zu Elternteilen oder natürlich auch zu Geschwistern, die sich schädigend oder toxisch verhalten, manchmal Voraussetzung sein kann, um in eine gewisse Heilungsbewegung zu gelangen. Wir brauchen, um zu heilen, also um einen Verarbeitungsprozess, einen inneren, tiefen Verarbeitungsprozess gestalten und durchstehen zu können, ein hohes Maß an Sicherheit. Wenn du heilen möchtest, wenn es etwas Unverarbeitetes in dir gibt, das du gerne transformieren möchtest, dann ist das, was ansteht, eine Hinwendung zu dem Versehrten. Eine Hinwendung zu dem, was die Gewalt erfahren hat. Das bedeutet also auch eine Hinwendung zum Schmerz. Das ist anstrengend, das braucht Kapazität und von außen her einen sicheren Rahmen, der schlicht und ergreifend, ganz einfach gesagt gewährleistet, dass in diesen Prozess, in dem du dich öffnest und deine Versehrtheit mehr an die Oberfläche kommt, niemand eindringen oder hineingrätschen kann um das Versehrte in dir erneut volle Breitseite zu erwischen. Das stelle ich hier bewusst an den Anfang meiner Ausführungen, weil das etwas ist, worüber du generell nachdenken kannst, wenn du dich mit der Frage des Kontaktabbruchs schon beschäftigst. Bist du sicher? Ist die Beziehung, die du heute noch mit deinen Eltern oder den betroffenen Personen lebst, so regulierbar, so kontrollierbar, dass du dich sicher fühlen kannst? Oder haben diese Menschen die Möglichkeit, dich an deinem Bewusstsein vorbei zu erwischen? Mit einem Anruf, einem plötzlichen Auftauchen, mit irgendeiner Art Interaktion. Wenn du das mit „Ja“ beantwortest, dann solltest du den Gedanken des Kontaktabbruchs als Möglichkeit in dein Bewusstsein einlassen. Generell einmal kurz auf den Punkt gebracht: Wenn dein Heilungsprozess so tiefgehen möchte, dass dein Verletztes an die Oberfläche möchte, was in den meisten Heilungsprozessen so ist, dann brauchst du Sicherheit. In der Psychotraumatologie sagt man: Ein Heilungsprozess ist erst dann nachhaltig möglich, wenn kein Täterkontakt mehr besteht.

Von Ambivalenz zu Klarheit

Das betrifft die speziellen und sehr harte Fälle, in denen strukturelle und intensive Gewalt auf die Opfer einwirkt. Und ich muss dir klar sagen, ich finde, wenn es um narzisstische, sadistische, bösartige, subtil oder offensichtlich bösartige Elternteile geht, dann haben wir hier die gleiche Sachlage. Nämlich, dass der Kontakt zu den Eltern auch als Täterkontakt bezeichnet werden kann. Ich weiß, dass das jetzt sehr hart klingt. Ich muss aber in diesem Kontext Klartext sprechen, damit das Innere Hin und Her, die innere Ambivalenz eine klare Kante erfahren kann. Denn ich erlebe das in so vielen Gesprächen mit meinen Klientinnen und Klienten so, dass ganz viele Menschen sich sehr klar sind, nach und nach immer klarer werden über die schädigenden Anteile ihrer Eltern aber dass sie eben auch die angenehmeren Anteile ihrer Eltern sehen können, die sich manchmal auch erst im Erwachsenenleben herausschälen. Zu dieser Ambivalenz und der Komplexität der Bindung habe ich einiges in den anderen Podcastfolgen zur narzisstischen Gewalt und toxischen Beziehungsgestaltung erzählt. Es gibt eine starke innere Ambivalenz im Bezug auf das narzisstisch geprägte Elternteil. Manchmal ist es so, dass es im Erwachsensein, also wenn du beispielsweise schon erwachsen bist und zu deinen Eltern, die dich in deiner Kindheit stark verletzend geprägt haben noch immer Kontakt pflegst, dass in diesem erwachsenen Leben gewisse Dinge ganz gut laufen können. Dass es z.B. so ist, dass dadurch, dass man sich nicht immer und ständig sieht, es auch nette Momente geben kann oder so etwas, was man als einen guten Moment bezeichnen könnte. Offen und ehrlich gesagt, wenn du hier auch mit dir selbst ganz ehrlich bist, dann wirst du auch spüren, in deinem tiefen Inneren, dass diese Momente nicht wirklich entspannt sind. Etwas im Inneren ist entweder immer auf der Hut vor einer neuen, erneuten Verletzung oder es werden alte Muster aktiviert, die weh tun. Zum Beispiel dass du dich vielleicht sehr anpasst, sehr anstrengst und dich nach diesen Zusammenkünften erschöpft fühlst. Es kann auch sein, dass du diese Zusammenkünfte als angenehm oder gut betitelst, nur weil du in dir noch immer eine solche Sehnsucht nach dem Guten zwischen euch trägst. Nach der guten Nahrung von Mutter oder Vater. Vielleicht merkst Du es, ich mag ich dich einladen, ganz ehrlich mit dir zu sein und dir der Ambivalenz, die vielleicht in deinem Inneren schwingt, bewusst zu sein. Es geht mir selbstverständlich nicht darum diese Ambivalenz als richtig oder falsch zu bewerten. Ich möchte dich einladen dir darüber bewusst zu sein. Denn sie spielt eine große Rolle und hat viel mit inneren Anteilen zu tun. Mit denen, die gewachsen sind und sich schon sehr bewusst sind und deswegen wegstreben wollen von dieser Beziehungsebene und mit den Anteilen, die noch immer bedürftig sind und noch immer auf die Erfüllung des so alten Mangelgefühls warten.

Wann finde ich es ratsam, den Kontakt abzubrechen?

Generell, wie vorhin schon angesprochen, kann es sein, dass es für einen Heilungsprozess eine Sicherheit braucht, die es verlangt, den Kontakt zu Elternteilen oder zu Verwandten abzubrechen. Vielleicht fragst du dich, woran du erkennen kannst, dass du diese Sicherheit brauchst oder dass du dich in dem Kontakt nicht sicher genug fühlen kannst. Hier mag ich dich erneut einladen, auf selbstliebevolle Weise, mit dir selbst ganz ehrlich zu sein und dich schlicht und ergreifend zu fragen: wie geht es mir nach dem Kontakt? Wie geht es mir nachdem ich mit meinem Elternteil oder Verwandten in Kontakt gewesen bin? Was hat es für Folgen, in Kontakt zu sein? Oder frage dich, in wie vielen von 5 Fällen geht es mir danach gut? Sei auch hier ganz ehrlich. Gibt es überhaupt ein Gutgehen danach oder in den überwiegenden Fällen, nein? Oder kennst du die Variante, dass es viermal gut geht und es beim fünften Mal so wehtut, dass du wieder innerlich am Boden liegst? Also prüfe für dich so nüchtern es dir möglich ist, einfach mal zur Bestandsaufnahme diese Tatsache: Wie sehr belastet dich der Kontakt? Wenn du zu dem Ergebnis kommst, dass dieser Kontakt dich immer wieder Lebenszeit kostet, dass er dich Aufmerksamkeit kostet, dass er Lebensenergie absorbiert, dann würde ich tatsächlich dazu raten den Kontakt abzubrechen. Ich mag dich an dieser Stelle fragen, was du mit Kontaktabbruch assoziierst. Bedeutet das für dich, nie wieder mit diesen Personen in eine Interaktion zu treten oder bist du da vielleicht etwas flexibler in deiner inneren Wahrnehmung? Ich habe festgestellt im Kontakt mit Klientinnen und Klienten, dass ganz viele davon ausgehen, wenn sie den Kontakt abbrechen, dass das final sein muss. Dass sie also nie wieder ein Wort mit ihren Eltern sprechen werden. Es ist nicht gesagt, dass das so sein muss. Ein Kontaktabbruch ist aus meiner Sicht als Traumatherapeutin immer dann anzuraten, wenn es den Raum und die Sicherheit braucht um Kapazität entwickeln zu können.

Kapazitätentwicklung, Erkenntnisse, Bewusstwerdung

Üblicherweise ist das so, dass in diesen Beziehungsdynamiken zwischen toxischen Elternteilen und versehrtem Kind sehr viele Muster aktiv sind. Dass also das versehrte Kind sich im Grunde in ein ausgefuchstes Geflecht aus Mustern entwickelt hat, um "richtig" zu funktionieren, das "richtige" zu tun, zu sagen, zu lassen, um möglichst so zu sein wie es möglichst gut geht. Das bedeutet, dass im Zusammensein mit einem solchen Elternteil oder im Kontakt mit einem solchen Elternteil jede Menge Automatismen gespeichert sind und ablaufen. Wenn du heilen möchtest, dann brauchst du die Entwicklung einer inneren Kapazität, diese Automatismen sanft abzulösen mit bewussten Handlungen oder zumindest mit dem Verhindern der automatischen Reaktion. Um Kapazität zu bilden, dich anders zu verhalten, braucht es einen inneren Prozess, in dem diese Person, um die es im Außen geht, nichts verloren hat. Aus solchen toxischen, schrecklichen Prägungen herauszuwachsen bedeutet generell so etwas, wie das Heilen und Transformieren der automatischen Muster. Es bedeutet so etwas, wie die Kapazitätentwicklung um selbstbestimmt zu handeln. Das ist ein ganz schön tiefgehender und großer Prozess. Ich bin mir sicher, dass viele, viele die hier gerade zuhören, genau wissen, was ich damit meine. Um aus den Mustern herauszuheilen, die in solchen Kindheiten unter solchen traumatischen Umständen entstanden sind, braucht es einen gewissen Zeitraum, eine gewisse Hinwendung und viel, viel Energie und vor allem eben einen Raum der Sicherheit. Heilen bedeutet also in diesem Kontext, Kapazität zu entwickeln um anders handeln zu können. Um diese Kapazität entwickeln zu können, brauchen wir Erkenntnisse. Es ist also wichtig zu verstehen, was ist mir widerfahren, was ist genau geschehen. Es braucht Worte, ein Begreifen, ein Verstehen auf einer kognitiven und emotionalen Eben und es braucht ein Verständnis dafür und Erkenntnisse darüber, was die eigenen inneren automatischen Reaktionen darauf sind. Diese Erkenntnis zu schöpfen ist so wichtig, weil es, bis wir darüber bewusst werden, bis wir Erkenntnisse erlangen, tatsächlich an unserem Bewusstsein vorbei geschieht. Erkenntnisse und Bewusstheit über dich und das Geschehene zu erlangen, ist schonmal etwas, was Kapazität schafft. Es erlaubt dir, innerlich in eine Distanzierung zu gehen, an eine innere Position zu gelangen, von der aus du auf das Geschehene und auf dich selbst blicken kannst und dadurch ein ganz anderes Verständnis bekommst von den Abläufen und Folgen dieser traumatischen Erfahrung.

Selbstregulation

Ein weiterer Punkt im Zusammenhang mit Kapazität, ist der der Nervensystemregulation. Wenn du narzisstische Gewalt erlebt hast in deiner Kindheit, dann bist du in einem zustand eines dysregulierten Nervensystems aufgewachsen bzw. hast in deiner Kindheit mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit sehr häufig Zustände erlebt, in denen du bzw. dein Nervensystem nicht reguliert warst. Das hat wiederum zur Folge, dass die Stresstoleranz vielleicht niedriger ist, dass es vor allem über Kompensationsmechanismen gelingt, ein Leben zu gestalten. Z.B. über Funktionalität, über Geschäftigkeit, über eine Orientierung im Außen oder viele andere Beispiele, die du auch in den anderen Podcasftfolgen genannt bekommst. So dass also die Regulation des Nervensystems vor allem über Muster läuft und die Spannung, die im Nervensystem vorhanden ist, durch Kompensation sozusagen pseudoreguliert wird. Das klingt ziemlich krass. Es muss natürlich nicht so sein, dass das in einem hohen Maße für alle oder dich zutrifft, aber wenn du so etwas erlebt hast, ist es mit allergrößter Wahrscheinlichkeit so, dass du viel kompensieren musstest und deshalb auch viele Kompensationsstrategien kennst. Kapazität zu entwickeln bedeutet also einen Zugang zu deinem Nervensystem zu bekommen und Selbstregulation zu erlernen, die es dir dann in der Folge möglich macht, weniger automatisch zu reagieren, mehr in der Achtsamkeit zu sein für dich und bewusster zu gestalten. Hier sei eine Podcastfolge erwähnt in der des um Selbstregulation geht. Du findest diese auch in den Shownotes verlinkt, sie könnte hilfreich für dich sein.

Kontaktabbruch bedeutet nicht unbedingt „für immer!“

Warum habe ich jetzt so viel über Kapazität beschrieben? Es geht mir darum, dir die Möglichkeit an die Hand zu geben, dass ein Kontaktabbruch zu toxischen Personen, die zu deiner Familie gehören, nicht generell, final sein muss. Es kann sein, dass du einen Kontaktabbruch für einen gewissen Zeitraum brauchst, um Kapazitäten entwickeln zu können, die es dir möglich machen, in der Folge auf deine Eltern oder Familienangehörigen anders zu reagieren. Ich habe es schon häufiger begleitet, dass Menschen in einen Kontaktabbruch gegangen sind, in dieser Zeit eifrig, fleißig, ausdauernd, sanft und wohlwollend mit sich gearbeitet haben, ihre therapeutischen Schritte gegangen sind, um dann zu testen ob sich der Kontakt in der Folge anders gestalten lässt. Manchmal stellt sich heraus, das geht. In anderen Fällen stellt sich heraus, jetzt geht’s erst recht nicht mehr. Denn dann wird einfach sichtbar, es gibt überhaupt keine Ebene, auf der man sich begegnen kann. Es ist nicht pauschal zu beantworten, ob die Bildung von Kapazität dann zu einem neuen und besseren Kontakt führen kann, aber ich sage es mal so, in meinen Augen ist es die einzige Möglichkeit. Nur wenn du für dich Raum hast um Kapazität zu schaffen, kannst du sehen ob sich an der Beziehung etwas verändern kann. Denn es ist mir bewusst, dass es nicht leichtfertig möglich ist oder dass es anmaßend wäre leichtfertig, einfach dazu zu raten „Geh aus dem Kontakt raus. Beende diese Beziehung ein für alle Mal!“. Also leichtfertig damit umzugehen ist nicht gut aber es ist auch in meinen Augen nicht gut, davon auszugehen, dass Familie über alles geht und dass ein Kontaktabbruch mit den Eltern ein Tabu ist.

Ängste – darf ich überhaupt Abstand zur eigenen Familie nehmen?

Jetzt möchte ich auf ein paar Ängste eingehen, die Menschen, die sich mit dem Thema Kontaktabbruch beschäftigen, häufig haben. Zum einen gibt es häufiger diese Gedanken, ob das überhaupt gestattet sei. Ob es überhaupt erlaubt ist, von den eigenen Eltern, der eigenen Familie Abstand zu nehmen. Darf ich das? – ist eine häufige Frage. Diese Frage hat häufig etwas damit zu tun, was für ein Bild die betroffene Person in ihrer Kindheit von Familie entwickelt hat. Meistens ist es hinter verschlossenen Türen hoch hergegangen, während das Bild der heilen Familie nach außen hin sehr gepflegt wurde. Viele Kinder, die in narzisstisch geprägten Elternhäusern aufgewachsen sind, wurden sehr stark mit der Information geprägt: was sollen die anderen denken? Also mit der Information, dass der Schein nach Außen einfach etwas enorm Wichtiges ist, um überhaupt einen Platz in dieser Welt zu haben oder anerkannt zu sein. Wenn du dir die Frage stellst „Darf ich das? Oder ist das nicht ein Tabu, was ich brechen würde, was mir schaden würde?“, dann stelle dir die Fragen, vor was du in diesem Moment Angst hast. Wer soll dir dafür eine Erlaubnis geben? Von wem würdest du dir in diesem Fall die Absolution, die Legitimation wünschen? Wer hat diese Macht? Wenn wir das ein bisschen von weiter weg betrachten, dann kann man einfach die Frage stellen, warum sollte man es nicht dürfen, sich von jemandem zu distanzieren/zu trennen, der einen schwer geschädigt hat? Natürlich darf man das, natürlich ist es legitim, sich in Sicherheit zu bringen und für die eigene Unversehrtheit einzustehen und einen Kontaktabbruch zu erwirken. Das nicht Dürfen oder die Frage "darf ich das?", hat etwas mit den alten Prägungen zu tun. Eine weitere Angst, die häufig im Inneren auftaucht ist verbunden mit der Frage, was passiert, wenn ich den Kontakt abbreche? Was geschieht mir dann, womit habe ich zu rechnen? Was sind die Reaktionen, sowohl aus der Familie, als auch von außen? Was für Bestrafungen habe ich vielleicht dann in der Folge zu bewältigen? Natürlich sind auch diese Ängste aus alten Erfahrungen, aus den Prägungen dieser Beziehungsgestaltung hervorgegangen. Auch hier, wenn du dich so etwas fragst, dann mag ich dich einladen dir bewusst zu machen, dass du mit diesen Fragen oder mit diesen Ängsten in Anteilen schwingst- also, dass innere Anteile von dir in diesem Moment berührt sind, die mit den alten Reaktionen, den alten Bestrafungen, den alten Antworten von damals rechnen. In diesem Moment sei also eingeladen, all diese Ängste, diese Fragen möglichst liebevoll und wohlwollend wahrzunehmen, sinnbildlich in die Arme zu nehmen und zu sagen „Ich höre dich. Ich nehme dich wahr und ich frage mich, was ist dran?!“. Hier geht es mit diesen Fragen und Ängsten immer wieder darum zu differenzieren und wahrzunehmen, dass du im Hier und Jetzt die Möglichkeit hast, selbst zu entscheiden und deine Macht zu dir zurückzuholen, während damals und dort diese Macht und diese Möglichkeiten bei den Anderen lagen. Das Bewusstsein darüber macht einen sehr großen Unterschied für deine innere Haltung. Deine innere Haltung, die du brauchst, um in die Klarheit zu kommen: möchte ich den Kontakt abbrechen oder nicht. Um diese Frage wirklich bewegen zu können, braucht es diese innere Haltung, differenzieren zu können zwischen dort und damals und hier und heute. Sonst wirst du dich mit diesen Fragen immer im Kreis drehen und immer vom Anteil der erwachsenen Person, die gerne heilen möchte wieder in die Anteile der ängstlichen und geprägten Kinder hineinzirkulieren und dich dadurch im Kreis drehen. Ich hoffe, dass diese Infos schon ein bisschen Klarheit bringen.

Wie kommuniziere ich so etwas, wenn ich mich jetzt dazu entscheide, den Kontakt zu pausieren, für eine Weile oder auf unbestimmte Zeit?

Ich spreche hier aus meiner Erfahrung als Therapeutin, die so etwas schon häufiger begleitet hat. Die Art und Weise wie du so etwas kommunizieren kannst, muss dir entsprechen. Ich habe Klienten und Klientinnen begleitet, die Briefe geschrieben haben, an die betroffenen Personen. Ich habe erlebt, dass in einem einzelnen Gespräch oder mit einer kurzen Botschaft einfach verkündet wurde, „Ich möchte mich für das nächste kommende Jahr aus dem Kontakt zurückziehen und melde mich danach wieder!“, beispielsweise. Generell möchte ich dich gerne einladen wahrzunehmen, dass du dich nicht erklären musst, auch wenn das krass klingt aber es ist der Krassheit dieser speziellen Dynamik geschuldet. Gehe davon aus, dass deine Erklärung ohnehin nicht auf offene Ohren stoßen würde. Gehe davon aus, dass dein Bedürfnis nicht verstanden wird. Gehe einfach davon aus, dass es sein wird wie immer, in diesen Beziehungen, dass dein Bedürfnis und deine Sicht auf die Dinge nicht wirklich eine Rolle spielen. Erlaube dir also in dir selbst so viel Klarheit zu entwickeln, dass du entschieden auf deine Art und Weise, so wie du es für dich und deine Werte brauchst, kommunizieren kannst, dass diese Klarheit ab jetzt gilt. Je nachdem, wie intensiv die Spannungen in der Beziehung sind und wie hoch der Grad der Toxizität ist, kann es sein, dass es wichtig ist, sich nicht auf ein Gespräch einzulassen. Je nachdem wie intensiv der Kontakt ist, kann es sein, dass es ein, zwei, drei Gespräche braucht, bis es wirklich durchdringt zur betroffenen Person, dass gewisse Abläufe/Routinen nicht mehr stattfinden werden. Kurz gesagt möchte ich dich einladen, zuerst zu schauen, dass du eine innere Klarheit für dich erlangst. Wie würdest du es einer guten Freundin beschreiben? Wie würdest du es deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten beschreiben, wenn du keine Angst hättest vor der Reaktion? Was ist deine innere Klarheit? Und dann finde Wege, es nach außen zu bringen als Klarheit, die nicht verhandelbar ist.

 „Was ist wenn diese Eltern, von denen ich Abstand nehmen möchte, Oma und Opa von meinen Kindern sind?“

Ich habe häufiger die Frage gehört, „ob ich meinen Kindern dann nicht ihre Oma und ihren Opa nehme?“. Das ist natürlich eine sehr schwierige Fragestellung und ich gehe hier einmal sehr nüchtern und trocken auf gewisse Aspekte dieser Frage ein. Zum einen würde ich, wenn du dich das fragst, dir gerne die Frage stellen: was lernen deine Kinder von dir, wenn du die Beziehung zu deinen toxischen Eltern aufrechterhältst, damit deine Kinder einen Kontakt zu diesen Personen haben können? Was lernen sie von dir? Lernen sie von dir, dass du leiden musst, damit es anderen gut geht? Lernen sie von dir, dass Menschen vertrauenswürdig sind, die dir schwer geschadet haben? Was lernen sie von dir? Frage dich das einfach mal ganz wohlwollend. Manchmal ist es so, dass wir die unerfüllten Wünsche nach einer guten Mutter und einem guten Vater an die Oma und den Opa übertragen. Also damit will ich sagen, dass wir manchmal in dem Umgang der Eltern also der Großeltern mit den Enkeln das sehen, was wir uns selbst so sehr gewünscht hätten von unseren Eltern. Es kann sein, das ist jetzt sehr krass ausgedrückt, bitte verstehe das wohlwollend und einfach nur als Denkanstoß – dass wir unbewusst unsere Kinder instrumentalisieren, um eine gute Ebene zu unseren toxischen Eltern zu finden. Ich mag dich einladen auch hier einfach ganz ehrlich zu reflektieren. Solltest du wirklich Eltern haben, die dich so sehr belastet haben, die heute noch eine Macht über dich haben, die in der Lage dazu ist, dich in einen unregulierten und schlimmen Zustand zu versetzen, dann frage dich nüchtern und ehrlich, was haben die für eine Beziehung zu deinen Kindern? Sind sie wirklich Bindungspersonen? Gibt es wirklich ein vertrauensvolles Verhältnis? Oder sind sie nette Oma und netter Opa? Ich möchte damit nicht Oma oder Opa schlechtreden, ich möchte dich hier wirklich nur einladen nüchtern ehrlich zu sein. Ohne darauf im Einzelnen einzugehen, mag ich dir aus meiner Erfahrung aus meiner Praxis sagen, dass es in all den Fällen, die ich bisher begleitet habe, immer so war, dass die Kinder diese Großeltern nicht vermisst haben. Dass es deutlich wurde, dass auch die Kinder bereits von dieser Persönlichkeitsstruktur ihrer Großeltern irgendwie etwas mitbekommen haben. Also lass den Wunsch gehen, dass es etwas Gutes an diesen Personen, diesen Eltern geben müsste und dass du das vielleicht jetzt endlich in der Beziehung zwischen ihnen und ihren Enkeln sehen kannst. Lasse diesen Wunsch gehen und betrachte nüchtern die Beziehung zwischen deinen Eltern und deinen Kindern. Dass du aus deiner Versehrtheit herausheilen kannst, ist wesentlich wichtiger für deine Kinder, als das Wahren eines Scheines einer heilen Familie und das Aufrechterhalten von Beziehungen, die nicht nährend sind! Auch das sind nur meine Eindrücke. Es ist wirklich möglich dieses Thema sehr kontrovers zu diskutierten und ich bin mir sehr bewusst, dass ich in dieser Folge diesem Thema in seiner Vielschichtigkeit und Individualität nicht gerecht werden kann. Ich möchte dir etwas hilfreiches mit auf den Weg geben um dich entscheiden zu können, zu schauen was du brauchst um heilen zu können. Du kannst deinen Kindern das größte Geschenk machen, in dem du selbst liebevoll für dich und deine Heilung sorgst und dadurch in eine immer stabilere und freiere und wahrhaftigere Verbindung mit dir selbst und in der Folge auch mit deinen Kindern hineinwächst. In vollem Bewusstsein, dass das nicht alles ist, was man zu diesem Thema sagen sollte, hoffe ich, dass du etwas Wertvolles für dich rausziehen kannst und vielleicht mehr Klarheit in dir entsteht. Für dich, deine Heilung und dein erfülltes Leben.

 

Shownotes:

 

 

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Ich wünsche dir viel Freude und Inspiration beim Lauschen. Ich freue mich riesig über Kommentare (z.B. auf Instagram @kreativetransformation), in denen Du teilst, was Dich in dieser Folge berührt hat. Ich freue mich sehr, dass wir verbunden sind!

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