#89 Folgen narzisstischer Gewalt

Transformations - Inspiration

In dieser Folge widme ich mich einem kleinen Bündel an Hörerinnen- und Hörerfragen. Ich erhalte sehr viele Mails und Nachrichten, vor allem immer wieder zu den Podcastfolgen, die ich zu narzisstischer, toxischer Gewalt aufgenommen habe. Dieses Thema scheint so viele Menschen zu betreffen, dass es immer wieder Fragen dazu gibt...

 

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In dieser Folge erfährst Du: 

  • Was es für eine Wirkung hat, wenn man als Kind nicht beschützt wird
  • Dass der/die passive Täter/in meist selbst traumatisiert ist
  • Welche Ego States sich aus toxischer Gewalterfahrung entwickeln
  • Wie man mit toxischen Beziehungsmustern heilsam umgehen kann
  • Dass es geschlechtsspezifische Unterschiede in den Traumafolgen gibt

 

Ich möchte in dieser Folge auf gezielte Fragen eingehen. Deswegen möchte ich dich zu allererst einladen, falls du meine Folgen zu emotional, narzisstischer Gewalt noch nicht gehört haben solltest, dann lausche vielleicht erst einmal in die eine oder andere hinein, um dich mit dem Thema vertrauter zu machen. Das sind keine so lustigen Folgen, sondern Folgen, in denen ich tatsächlich Formen der emotionalen, seelischen Gewalt beschreibe, Dynamiken aufzeige, die sie beinhalten und auch über Folgen spreche. Du findest diese Podcastfolgen in den Shownotes verlinkt, so dass du, wenn du magst, gleich reinlauschen kannst. Ich möchte dich natürlich auch, bei dieser Folge, herzlich einladen beim Lauschen ganz gut auf dich zu achten. Wenn ich über diese Art der Traumatisierung spreche und du selbst in irgendeiner Weise betroffen sein solltest, dann ist es natürlich möglich, dass etwas in dir getriggert wird. Deswegen sei eingeladen immer orientiert zu bleiben im Hier und Jetzt, schau, dass du es bequem hast. Vielleicht auch wenn es dir guttut, einen Zettel und einen Stift parat hältst um eventuell das was du für dich wahrnimmst gleich raus und auf Papier zu bringen. Erlaube dir immer wieder Pause zu drücken oder den Podcast tatsächlich zu unterbrechen. Erlaube dir einfach wahrnehmend für dich zu sein, damit dieses Lauschen für dich etwas Heilsames, bereicherndes darstellen kann und keine Belastung. Solltest du von diesem Thema nicht betroffen sein, was ich dir von ganzem Herzen wünsche, dann mag ich dich einladen ganz herzlich zu lauschen mit einem neugierigen, interessierten Ohr. Denn es gibt viele Menschen, die von diesen Gewaltformen im Laufe ihres Lebens irgendwann einmal betroffen waren oder es noch sind. Es ist so wichtig, dass wir als Mitmenschen dafür sensibler werden, das zu erkennen, es wahrzunehmen, wann jemand in einer solchen Not ist oder in Mustern und Strategien steckt, die aus dieser Not heraus entstanden sind. Sodass unsere Beziehungen heilen können, dass unsere Zwischenmenschlichen Interaktionen sich vertiefen und verbessern können. Sodass schlicht und einfach gesagt Heilung entstehen kann, statt dass weiter Not und Einsamkeit und Spaltung und Trennung regieren. Die erste Frage meiner Hörerin, die ich in der heutigen Folge bewegen werde, hat es gleich ziemlich in sich. Es ist die Frage, welche Rolle es spielt, wenn ein Elternteil bei der Gewaltausübung des anderen Elternteils zusieht und nicht eingreift. Diese Frage können wir weiter fassen, nicht nur bezogen auf narzisstische Gewalt, emotionale Gewalt oder emotionalen Missbrauch. Man kann das hier einfach auf alle Arten von Gewalt beziehen. Was spielt es für eine Rolle, wenn ein Elternteil Täter ist, und der andere Elternteil nicht schützt und nicht eingreift? Da möchte ich einmal tief durchschnaufen, denn die Wirkung, die das hat, ist eine mächtige und eine verheerende. Wenn ein Kind Gewalt durch einen Elternteil erlebt, gleich welcher Art, dann ist das allein schon mit das Schlimmste, was einem Kind passieren kann. Wenn ein weiterer Elternteil dabei zusieht, dann wird das Schlimme noch schlimmer und etwas Zweites, ganz schreckliches gesellt sich dazu. Zunächst einmal möchte ich darauf hinweisen, das werden viele Betroffene auch bestätigen, die hier gerade lauschen, dass diese Konstellation eher die Regel ist. Wenn ein Elternteil gewaltvoll ist, in einer Täterrolle ist, dann ist es fast die Regel, dass das andere Elternteil das Ganze schweigend mitträgt. Selbst wenn es gewisse Widerstände dagegen gibt, diese kommen nicht gegen die Gewalt an. Auch diese Dynamik möchte ich kurz ein Stückweit erklären.

Bindungspersonen als Bedrohung - wie wirkt das auf ein Kind?

Wenn ein Elternteil von einem Kind als bedrohlich empfunden wird, oder besser, wenn eine Bindungsperson von einem Kind als bedrohlich empfunden wird, dann ist das schon allein eine traumatische Situation für sich. Das Ausmaß an Ohnmacht und Hilflosigkeit ist kaum zu übertreffen. Denn Kinder sind, wie du sicherlich weißt, von Natur aus auf ihre nahen Bindungspersonen emotional sehr angewiesen. Es ist ein sehr komplexes Geschehen, was in einer kindlichen Psyche abläuft, wenn ein Elternteil bedrohlich wird. Es ist eine hohe Not, auf einer Ebene innerlich angewiesen und gebunden zu sein und auf einer anderen Ebene bedroht zu sein und geschädigt zu werden. Für die allermeisten Kinder gilt in der Kindheit die Regel/das Gesetz sozusagen, dass man, wenn man von einer Bindungsperson bedroht oder geschädigt wird, nicht fliehen kann. Wenn man äußerlich nicht fliehen kann, muss man innerlich fliehen. Daraus ergeben sich dann gewisse Psychodynamiken der Dissoziation, der Abspaltung und auch das Entwickeln von inneren Anteilen und gewissen Strategien, die diese inneren Anteile tragen. Dazu erzähle ich gleich noch ein bisschen mehr. Ein Kind, das bedroht ist von einem Menschen, hätte natürlich den Impuls bei einem anderen vertrauten Menschen Zuflucht zu suchen. In unserem Beispiel bei der Mutter. Nun erlebt dieses Kind aber, dass die Mutter zusieht bzw. wegsieht. Dass sie nicht eingreift, nicht schützend dazwischen geht. Wie du dir vermutlich vorstellen kannst, vergrößert das die Not des Kindes um ein Vielfaches. Das Ausmaß an Alleinsein, an alleingelassen werden ist nicht zu übertreffen.

Glaubenssätze manifestieren sich

Außerdem enthält das Verhalten der Mutter verschieden Botschaften, von denen ich jetzt ein paar aufzähle. „Du bist allein und es gibt keine Hilfe“, „Täter sind immer stärker“, „Es gibt keine Rettung“, „Das was geschieht, ist in irgendeiner Weise normal oder vielleicht sogar richtig.“. Es kann sogar die Botschaft enthalten sein, „Das, was du fühlst, ist nicht in Ordnung!“, und noch einige mehr. Aus diesen Botschaften ergeben sich im Erleben des Kindes viele mögliche Glaubenssätze. Dazu gehört z.B. der Glaubenssatz „Ich bin mutterseelenallein, es gibt keine Rettung, es gibt keine Hilfe!“. Aber auch Dinge, die sich auf den eigenen Selbstwert beziehen, so etwas wie „Ich bin es nicht wert, dass mir geholfen wird. Ich habe es verdient, was geschieht.“. Darüber hinaus natürlich auch solche Dinge wie „Frauen sind schwach. Sie müssen sich fügen und es gibt keinen Zusammenhalt.“. Unterm Strich gesagt, die Rolle, die die andere Bindungsperson spielt, die nichts gegen die stattfindende Gewalt tut, ist riesig. Von dieser Person lernt ein Kind genauso viel, wie von der Person, die gewalttätig ist. Es ist also ziemlich komplex, was eine sehr feine und verletzliche Kinderseele und -psyche hier alles unter einen Hut bekommen muss. Zwei Elternteile, der eine schädigend, der andere nicht in der Lage zu schützen.

Das Verhältnis zwischen Kind und passiver Bindungsperson

Meine Hörerin fragte als nächstes, wie sich diese Positionierung der Mutter auf das Verhältnis zwischen Kind und Mutter auswirkt. Ich denke es ist fühlbar, nach dem, was ich schon beschrieben habe, dass das Verhältnis zwischen Kind und nicht schützender Bindungsperson ein gestörtes Verhältnis ist. Vielleicht ist diese Mutter eine liebevolle Person, die hier und da eine starke Bindung zum Kind aufbauen konnte und vielleicht auch nährende Aspekte hat. Wenn sie dann aber im Moment der größten Not verschwindet, dann ist das ein verlassen werden in hoher Intensität, auf höchstem Niveau. Das heißt, das Verhältnis zwischen dem Kind und der Bindungsperson, die nicht eingreift, ist an einer sehr empfindlichen Stelle tief erschüttert und hat einen Bruch. Vor allem auf der Ebene des Vertrauens. Jemand, der ein Kind in größter Not nicht schützt, sondern wegsieht oder verschwindet, ist nicht vertrauenswürdig. Das, was Kinder brauchen, um Urvertrauen zu entwickeln, um ihren Eltern oder Bindungspersonen wirklich vertrauen zu können, ist die absolute Gewissheit, nicht alleingelassen zu sein in der Not. Bindungspersonen stellen optimalerweise für Kinder die Sicherheit dar, sie sind der Inbegriff von Sicherheit und Geborgenheit – optimalerweise. Wenn sie genau das nicht darstellen, dann kann diese Bindung nicht gesund sein und nicht gesund wachsen. Um das noch besser zu verstehen, werfen wir noch einen Blick auf die Mutter.

Warum die nicht schützende Bindungsperson weg sieht

Es kann natürlich auch genau umgekehrt sein, dass die Rollen hier vertauscht sind. Also werfen wir einen Blick auf den Menschen, die Bindungsperson, die nicht eingreift. Etwas liegt hier, besonders aus der traumatherapeutischen Sicht, absolut auf der Hand. Diese Person ist in einer Weise abhängig von der Person, die Gewalt ausübt, sonst wäre sie in der Lage sich selbst und ihre Kinder zu schützen. Die Beziehung zwischen dem nicht schützenden und dem gewalttätigen Elternteil ist also eine Beziehung, die im höchsten Maße ungesund ist. Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch die nicht schützende Bindungsperson selbst Opfer von Gewalt wurde und eine eigene Traumatisierung in dieser Ebene trägt. Denn das, was passiert, wenn ein Mensch, eine Mutter oder ein Vater wegschaut, wenn Gewalt stattfindet, ist eine Art der Dissoziation. Wenn eine Mutter ihr Kind nicht schützen kann, dann muss sie dafür in die Dissoziation gehen. Es gibt kaum etwas tieferes als den mütterlichen Instinkt oder unsere sozialen Instinkte. Diese sind so stark und eigentlich so von einer großen Kraft, die durchbrechen und sich Weg bahnen mag. Wenn also diese Kraft und dieser Instinkt nicht greift, dann liegt etwas Mächtiges darüber, dann liegt eine Traumatisierung über diesen natürlichen Instinkten, die so eine Kraft und eine Wucht hatte, dass die Instinkte nicht mehr durchkommen. Wenn eine Mutter ihr Kind nicht verteidigen kann, kann man es vielleicht damit gleichsetzen, dass sie sich selbst nicht verteidigen kann. Es ist also stark davon auszugehen, dass sich diese nicht schützende Bindungsperson in einem abhängigen Verhältnis zu der gewaltvollen Bindungsperson befindet und deshalb ihre Kinder nicht schützt. Dass sie so verstrickt ist und jenseits ihrer persönlichen Kraft in dieser Beziehung funktioniert, dass sie selbst diese Gewalt, die auf die Kinder ausgeübt wird, nicht mehr in einem gesunden Maße realisieren und ihr begegnen kann. Wir können also davon ausgehen, dass eine solche Person selbst traumatisiert ist und um wegschauen zu können, dissoziiert. Das ist ein generelles Prinzip in unserer Gesellschaft, in unserer Welt. Dass wir so viel Gewalt auf dieser Welt im Grunde nur deswegen dulden können und hinnehmen, weil wir in der Lage sind oder weil es uns passiert, dass wir selbst dissoziieren. Jeder in einem unterschiedlichen Maß. Es ist eine Art Selbstschutzfunktion, von der Gewalt wegzuschauen und sich selbst wegzumachen im Fühlen und Wahrnehmen. Das erleben wir Kollektiv im großen Ausmaß. Es wäre hier nochmal ein anders Thema darauf einzugehen, wie es sein kann, dass Menschen sagen, „Ich habe es nicht gewusst. Ich habe es nicht mitbekommen. Es ist an meiner Wahrnehmung vorbei geschehen. Ich konnte mein Kind nicht schützen, weil ich es nicht gesehen habe.“. Das ist also wie gesagt noch ein anderes Thema, hat definitiv auch mit Traumatisierung der Person zu tun, die es nicht wahrnimmt, aber dazu vielleicht an einer anderen Stelle mehr.

Selbstfürsorge – ein kurzer Zwischenruf

Ich hoffe es geht dir gut und dass du das, was ich hier alles erzähle mit einem beobachtenden Ohr wahrnehmen kannst und gleichzeitig den Moment gut spürst. Solltest du selbst von diesen Themen betroffen sein, dann prüfe jetzt noch einmal für dich, wie es dir geht und ob du an dieser Stelle weiter hören magst oder ob du vielleicht eine Pause brauchst.

Welche Anteile sich aus dieser Prägung entwickeln

Eine weitere Frage meiner Klientin war, welche Ego States sich aus diesem Erleben heraus entwickeln. Welche kindliche Ego States und auch welche erwachsenen Ego States entwickeln sich, besonders im Bezug auf die Familie und die Dynamik innerhalb der Familie? Diese Frage versuche ich recht kurz zu beantworten. Die Antwort ist die, dass sich sehr komplexe und verschiedenste Ego States aus dieser Dynamik heraus entwickeln können. Die kindlichen Ego States, die sich entwickeln, sind allesamt dafür da, diese toxische, bedrohliche und so schädigende Situation auszuhalten und überleben zu können. Das heißt, es wird Anteile geben, die täterloyal sind, und zwar zu beiden Tätern, also dem ausführenden und dem schweigenden, nicht handelnden Täter. Denn, das sei hier angemerkt, indem man nichts tut, macht man sich natürlich auch selbst zum Mittäter der Gewalt, die hier geschieht. Also es wird täterloyale Anteile in dem Kind geben. Diese Anteile sind in der Lage eine Beziehung zu den Tätern aufrecht zu erhalten, indem sie sich ihnen gegenüber loyal verhalten. (Dazu hörst du auch mehr in einer Podcastfolge, die ich dir nochmal in den Shownotes verlinke.) Natürlich gibt es auch in einem Kind, das derartig traurige, schlimme Gewalt erlebt, innere bedürftige Anteile, sehr abhängige Anteile. Anteile, die so hungrig sind nach Liebe, nach Sicherheit, nach Anerkennung und die hoch bedürftig und unterernährt sind. Das sind die zwei wichtigsten Kategorien von Anteilen, die bei derartiger emotionaler Gewalt in der Kindheit entstehen. Nämlich die Anteile, die sozusagen traumanah sind, die die ganzen schmerzhaften Gefühle tragen und Anteile, die sich strategisch entwickeln, die täterloyal oder täterimmitierend sind und die entsprechend wenig fühlen und dadurch helfen zu funktionieren in diesem Geschehen. Irgendwo dazwischen sind dann noch funktionale Anteile angesiedelt, die versuchen, sich genau so zu verhalten, dass möglichst wenig Wucht an Gewalt auf das Kind niederprasselt. Das sind oft ganz Funktionale, brave, angepasste Kindanteile, die möglichst wenig Gewalt provozieren. All diese Anteile bleiben lange bestehen und oftmals in ihrem Entwicklungszustand eingefroren, sofern man sich nicht aktiv mit ihnen auseinandersetzt oder sehr viele heilsame Erfahrungen sammelt. Das heißt, es gibt auch in den erwachsenen Personen, die derartige Gewalt erfahren haben, weiterhin kindliche Anteile und es gibt auch erwachsenere Anteile, die sich im Laufe eines Lebens mit solch einem Start entwickeln. Alle diese Anteile verfolgen mit ihren Strategien und Mustern das Ziel, möglichst viel Sicherheit zu generieren und möglichst so durchs Leben zu kommen, dass es möglichst wenig schmerzhaft ist. Das heißt, je schwerer die Gewalt in der Kindheit war, je weniger Unterstützung und Hilfe es gab, desto mehr wird ein Mensch sich in der Folge von den Überlebensstrategien aus der Kindheit geprägt verhalten, bzw. das eigene Leben wird stark von diesen Überlebensmechanismen geprägt sein. Das spiegelt sich auch weiterhin wider in dem Verhältnis zur Familie, auch im Erwachsenenalter.

Wie spiegeln sich diese kindlichen Anteile im Bezug auf die Familie?

Normalerweise ist es so, dass sich die Art der Gewalt verändert, wenn ein Mensch erwachsen wird. Man kann einen jugendlichen oder erwachsenen Menschen nicht mehr so behandeln wie ein Kind. Was jedoch aufrecht erhalten bleibt, ist die Prägung in der Beziehung und auch, dass sich die Elternteile, die gewaltvoll oder untätig waren, meistens in der Essenz ihrer Persönlichkeit nicht wirklich verändern. Ich mag das hier nicht kategorisch ausschließen, aber es ist wirklich die Seltenheit, dass ein Mensch, der hoch gewalttätig war zu seinen Kindern, in eine so derartige Transformation oder Metamorphose gerät, dass er zu einem vertrauenswürdigen, liebevollen Menschen wird -leider, leider! Das bedeutet, die Mechanismen, die die inneren Kindanteile tragen bleiben meistens zeitlebens aktiv. Es gibt die kindlichen Anteile, die noch bedürftig sind und die immer wieder zur Familie streben, es gibt die Täterloyalen Anteile, die immer wieder bereit sind weiter die Muster mitzutragen und es gibt sich entwickelnde, bewusste Anteile, die sich dieser Gewalt und diesem Schmerz nicht mehr aussetzen wollen. Da entsteht ein Spannungsverhältnis.

Selbstregulation oder Kontaktabbruch – wie gehe ich mit toxischen Beziehungsmustern um?

Dieses Spannungsverhältnis spricht meine Hörerin auch an. Sie fragt hier „Welche Möglichkeiten gibt es, mit Selbstregulation oder mit Meditation usw. damit umzugehen oder hilft hier nur der Kontaktabbruch?“. Wenn ich es pauschalisieren sollte, dann würde ich sagen, je größer die Gewalt in der Kindheit war, je schwerer die daraus folgende Traumatisierung im Erwachsenenalter ist, desto wichtiger und wahrscheinlicher ist es, dass nur der Kontaktabbruch hilft. Dass ich sozusagen für den Kontaktabbruch als heilsamstes Mittel spreche, hat mit zwei Gründen zu tun. Zum einen mit dem Grund, dass Gewalt tatsächlich sehr selten irgendwann aufhört. Es ist die Regel, dass Gewalt weiterläuft, häufig subtiler als im Kindesalter, aber sie läuft weiter. Das bedeutet, ein Grund, dafür zu plädieren ist der, dass es wichtig und legitim ist, sich selbst zu schützen vor Gewalt, so wie es früher jemand anderes hätte tun sollen. Der zweite Grund ist der, dass durch die ständig wiederkehrende Konfrontation mit der eigenen Traumatisierung, durch die Konfrontation mit den Tätern, die eigene Entwicklung sehr eingeschränkt ist. Solange wir uns nicht in Sicherheit befinden, können wir unsere sehr versehrten Anteile nicht wirklich in Heilung bringen. Wenn wir also immer wieder zu den Tätern zurückkehren, dann gibt es keine innere Sicherheit, die innerlich einen Raum schaffen würde, um zu heilen, sich also wirklich weiterzuentwickeln. Das bedeutet, wenn der Kontakt weiterbesteht, wird eine frühere Traumatisierung immer wieder neu getriggert, verstärkt oder aufrechterhalten. Zu diesem Thema habe ich übrigens was gesagt, in dem Podcast „Die Kraft der Vergebung“. Dort spreche ich auch über Irrtümer im Bezug auf Vergebung, besonders wenn es um Trauma geht. Um das noch einmal kurz zusammenzufassen. Die Frage nach den Möglichkeiten mit diesen toxischen Beziehungsmustern umzugehen: Es ist so wichtig, abzuwägen und da sind alle Betroffenen aufgefordert ehrlich mit sich zu sein, wie viel schlechter oder wie viel besser geht es mir mit dem Kontakt? Vor einem Kontakt, während eines Kontakts und nach einem Kontakt? Wenn das Ergebnis hier eher schlecht ausfällt, dann ist das ein Zeichen dafür, dass es derzeit keine Möglichkeit gibt, damit umzugehen, sondern dass das, was passiert, immer wieder eine Aktivierung alter Traumatisierung und geschwächter innerer Anteile ist. Wenn dem so ist, dann ist es so wichtig, dass die betroffene Person sich selbst beginnt zu schützen und nicht das alte Spiel weiterspinnt. Dass also das, was früher nicht stattgefunden hat, nämlich geschützt zu sein, vor dem Ausmaß an Gewalt, was besteht, jetzt stattfindet, und zwar indem die betroffene Person sich selbst in Sicherheit bringt. Ich weiß, dass dieser Prozess wieder vieles beinhaltet, was vielschichtig ist, aber es sei nun einmal in einer prinzipiellen Einfachheit so ausgesprochen.

Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede in den Traumafolgen?

Eine weitere, ganz spannende und interessante Frage, die meine Hörerin gestellt hat, ist folgende: „Entsteht bei Mädchen bzw. Frauen eine andere Beziehungsdynamik durch narzisstische, toxische Erziehung als bei Jungs/Männern und wie zeigen sich diese Unterschiede?“. Was für eine gute Frage! Mit derartigen Fragen beschäftigt sich die sogenannte geschlechtsspezifische Traumaforschung, die untersucht, auf welche Weise sich die Reaktionen von Mädchen und Jungs auf traumatische Erfahrungen unterscheiden. Man beobachtet hier, dass traumatisierte Jungs und Männer eher dazu neigen, gewalttätig gegen andere zu werden, während traumatisierte Mädchen und Frauen eher dazu neigen, gewalttätig gegen sich selbst zu werden und gleichgültig gegen andere Opfer oder ihre eigenen Kinder. Außerdem beobachtet man hier, dass traumatisierte Jungs/Männer eher eine körperliche Auseinandersetzung provozieren. Dass hier unterdrückte Wut und Rachegefühle zum Vorschein kommen und dass Jungs dadurch eher dazu neigen, verletzt zu werden als sich direkt selbst zu verletzen. Eine weibliche Traumaüberlebende tut sich eher selbst unmittelbar Gewalt an, indem sie sich z.B. schneidet, oder sich wiederholt in Partnerschaften befindet, in denen sie auch selbst misshandelt wird. (Hier zitiere ich übrigens gerade meine hochgeschätzte Ausbilderin, und Kollegin Michaela Huber. Eine sehr bekannte Traumatherapeutin und -forscherin. Einen Link zu ihr findest du in den Shownotes.) Man beobachtet auch in dieser Forschung, dass Jungen/Männer eher dazu neigen, später ein „Weibchen“ zu ihrer Partnerin zu machen. Also eine nicht so selbständige, starke Persönlichkeit zur Partnerin zu wählen. Während traumatisierte Frauen sich eher einen „männlichen“ Mann suchen, also eher eine Art Repräsentanz des Täters oder des Retters, der sogenannte Täterretter. Es heißt auch, dass Jungs und Männer eher dazu neigen, ihr eigenes Opfersein innerlich abzuwehren und darüber eine verstärkte Männlichkeit zu entwickeln. Dass sie sich also eher innerlich mit der Täterseite identifizieren und nicht mit ihrem eigenen Opfersein. Währenddessen Mädchen/Frauen es leichter passieren kann, dass sie sich von starken, eher „täterigen“ Typen angezogen fühlen und so ein bisschen das eigene Opferschema nach außen kehren, dass sie gerne die Prinzessin sein wollen, die gerettet werden mag. Das klingt jetzt vielleicht klischeehaft oder platt, aber es umschreibt Reaktionen auf die drinnen liegende, schwere Traumatisierung und den Versuch, damit umzugehen und auch Beziehungsgestaltung zu kreieren, die so wenig Schmerz wie möglich erzeugt. Auch wenn das paradox klingt.

Der Heilungsweg ist lang, aber unendlich lohnenswert

Zum Abschluss von mir, wie immer, ermutigende und hilfreiche Worte auch auf die Frage hin, was kann man denn damit machen? Wenn es derartige Gewalterfahrungen in Kindheit und Jugend gibt, dann sind das langjährige Erfahrungen, dann gibt es lange Jahre der Dunkelheit in der eigenen Biografie. Deswegen ist es wichtig, sich klarzumachen, dass man auch langfristige und langjährige oder vielleicht einfach fortdauernde Unterstützung braucht, um selbst zu heilen. Es ist eine Lebensaufgabe im besten Sinne, gesunde Beziehungen zu pflegen, zu sich selbst und auch im Außen. Es ist also von absoluter Priorität, sich ein Umfeld zu schaffen, das guttut und darin zu beginnen zu heilen. Es ist so wichtig und so hilfreich, ein Verständnis zu entwickeln für diese eigenen inneren, kindlichen Anteile die traumatisiert, täterloyal oder täterimmitierend unterwegs sind. Es ist wichtig, daraufhin und damit die eigenen Beziehungsdynamiken zu durchschauen und sich immer (bitte, bitte) wohlwollend dabei zu betrachten und sich klarzumachen, dass all das, was heute vielleicht destruktiv wirkt, ursprünglich rettende Dynamiken waren. Nur mit diesen Dynamiken ist man heute da, wo man ist. Nur dadurch hat man es geschafft, überhaupt zu überleben. Sich mit Wohlwollen und neugierigem Forschergeist den eigenen Anteilen zuzuwenden, ist hier sehr wichtig. Sich erlauben, sich klarmachen, was einem guttut und was einem schadet und dann immer mehr und immer klarer Grenzen ziehen. Wenn du jemanden kennst, der narzisstische und was auch immer für Gewalt in der Kindheit erlebt hat, oder wenn du selbst dazugehörst, dann sei dir bewusst, dass du eine leider sehr schwere und vielschichtige Art der Traumatisierung erfahren hast, und dass es wichtig ist, dass du dir fachlich Kompetente und beherzte Unterstützung holst. Es braucht eine Bindungsperson, die dich begleitet, durch deine innere Landschaft, die heilen möchte. Damit meine ich an dieser Stelle tatsächlich eine Therapeutin oder einen Therapeuten. Dein Wohlwollen, deine Zugewandtheit und die Bereitschaft dich selbst zu schützen und dich selbst zu bewahren und zu behüten vor jedeweder Gewalt, ist das A & O. Das kann ein weiter und komplexer Weg sein, aber es ist einer der sich unendlich lohnt. Die wichtigste Botschaft zum Schluss ist also, verzage nicht, höre nicht auf, für dich einzustehen und für dein schönes und gutes Leben all deine Energie aufzubringen.

 

Shownotes:

 

 

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Ich wünsche dir viel Freude und Inspiration beim Lauschen. Ich freue mich riesig über Kommentare (z.B. auf Instagram @kreativetransformation), in denen Du teilst, was Dich in dieser Folge berührt hat. Ich freue mich sehr, dass wir verbunden sind!

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